Chinas NEV-Strategie 2021–2035

Die vergangenen Jahre waren geprägt von dem Kraftakt, fünf Millionen Elektrofahrzeuge auf die Straßen Chinas zu bringen. Nun definiert die Regierung längerfristige Ziele mit einem zweigleisigen Szenario: Batterie und Brennstoffzelle, unterstützt vom Ausbau der erneuerbaren Energien.

Ist das die Zukunft? Besucher auf der Internationalen Konferenz für neue Energie und intelligente vernetzte Fahrzeuge (Peking, 2018) Foto: imago images / ZUMA Press (Gong Wenbao)

China hat im nun ablaufenden Fünfjahreszeitraum (2015–2020) die Elektromobilität (New Energy Vehicles, NEV) im eigenen Land etabliert. In den Jahren 2018 und 2019 wurden jeweils circa 1,2 Millionen batterieelektrische Fahrzeuge (Battery Electric Vehicles, BEV, und Plug-in Hybrid Electric Vehicles, PHEV) verkauft. Die Marktschwäche des zweiten Halbjahrs 2019 scheint vorübergehend zu sein: Mitte 2019 wurden die Kaufprämien stark gekürzt; zudem kommen im Jahr 2020 viele attraktive Modelle internationaler Hersteller auf den Markt, was die Kaufzurückhaltung der Verbraucher 2019 noch verstärkte. Das im Jahr 2015 ausgerufene Ziel, bis Ende 2020 einen NEV-Bestand von fünf Millionen zu erreichen, scheint möglich.

Im zweiten Hauptzweig der NEV, der Wasserstoffmobilität (Fuel Cell Electric Vehicles, FCEV), beginnt die Marktaktivierung. Momentan werden in großen Demonstrationsprojekten Flotten mit FCEV ausgerüstet, zum Beispiel eine Busflotte in Zhangjiakou für die Olympischen Winterspiele 2022. FCEV für den Massenmarkt werden in circa fünf Jahren erwartet, und das Ziel von einer Million FCEV pro Jahr wird für 2030 avisiert.

Der positive Blick überwiegt

Die Förderungen der nun auslaufenden BEV- und PHEV-Marktaktivierungsphase umfassen Kaufprämien sowie diverse Subventionen für Hersteller. Die Beträge wurden über die Jahre sukzessive zurückgefahren und werden Ende 2020 auslaufen. Sie waren sehr effektiv zur Erreichung des Ziels, fünf Millionen NEV auf die Straße zu bringen. Die Gesamtsumme der direkten Zahlungen an Käufer und Hersteller wird von chinesischen Experten auf circa 25 Milliarden Euro geschätzt.

Gleichzeitig wurde eine Regulatorik für Hersteller aufgebaut. Das doppelte Punktesystem von Flottengrenzwerten (Corporate Average Fuel Consumption, CAFC) und einer verbindlichen Quote von Punkten für produzierte NEV (NEV Points) schafft ein effektives Anreizsystem für die Hersteller. Während die CAFC-Anforderungen auch effiziente Verbrenner belohnen, müssen bei den NEV Points im Jahr 2019, je nach den technischen Daten der NEV, etwa drei bis vier Prozent der gesamten abgesetzten Stückzahl jedes Herstellers NEV sein. In den kommenden Jahren wird die Anforderung steigen.

Die Gesamtsumme der direkten Zahlungen an Käufer und Hersteller wird von chinesischen Experten auf circa 25 Milliarden Euro geschätzt.

Der schnelle NEV-Aufbau in China hat auch unvorhergesehene und unerwünschte Ergebnisse hervorgebracht. Das breite Subventionssystem, die teilweise Doppelförderung durch staatliche und lokale Kaufprämien sowie lokale Anreize, die nicht mit den nationalen Zielen in Einklang waren, führten zu Wildwuchs bei Herstellern und NEV-Modellen. Nur wenige chinesische Hersteller erreichen NEV-Stückzahlen von mehr als 20.000 Stück pro Jahr. Zuverlässigkeit, Sicherheit und Qualität der Fahrzeuge sind oft suboptimal, und die Kundenzufriedenheit ist niedrig. Ähnlich das Bild bei der Ladeinfrastruktur: Viele Ladepunkte wurden eher aus Gründen der politischen Zielerfüllung aufgebaut, als dass sie regelmäßig genutzt werden. Es mangelt zudem immer noch an tragfähigen Geschäftsmodellen für Ladeinfrastrukturbetreiber.

Doch es überwiegt der positive Blick auf die nun endende Marktaktivierungsphase für BEV und PHEV in China. Die Elektromobilität wird von Verbrauchern zunehmend akzeptiert. Einige chinesische Hersteller konnten sich bei NEV erfolgreich positionieren und haben gute Zukunftsaussichten. Bei NEV-Batterien dominieren chinesische Hersteller inzwischen den Volumenmarkt. Zudem ist die sektorenübergreifende Innovationstätigkeit sehr intensiv: Fahrzeughersteller kooperieren mit Ladeinfrastrukturbetreibern, Internetkonzerne mit Automobilzulieferern, Parkhausbetreiber mit Vernetzungsspezialisten – der Fantasie und der Dynamik scheinen kaum Grenzen gesetzt zu sein.

Die Elektromobilität wird von Verbrauchern zunehmend akzeptiert: Internationale Automobilausstellung in Shanghai im April 2019 – Präsentation einer Nio eT Preview-Elektrolimousine. Foto: imago images / Xinhua (Fang Zhe)

Langfristige Planung

In der nächsten Phase soll der Massenhochlauf stattfinden. Die mittel- und langfristigen Planungen sind im Entwurf „NEV Industry Development Plan 2021-2035“ (《新能源汽车产业发展规划(2021-2035年)》意见稿流出) des Ministry of Industry and Information Technology (MIIT) vom Oktober 2019 zusammengefasst. Hierin werden BEV, PHEV und FCEV als NEV-Kerntechnologien gestärkt und Ziele für den NEV-Anteil am Neuwagenmarkt von 20 Prozent (2025) und 40 Prozent (2030) definiert. Im Jahr 2030 würden somit etwa sieben bis acht Millionen BEV und PHEV sowie eine Million FCEV verkauft. Zudem sind vernetzte Fahrzeuge (Intelligent and Connected Vehicles, ICV) als übergreifendes Konzept über alle Antriebsarten im Fokus.

Kernpunkte des MIIT-Plans:
– Stärkere Rolle des Markts beim Hochlauf der NEV
– Mehr Fokus auf Innovation
– Koordinierte Förderung
– Offene Entwicklung

Das MIIT möchte auch die Steuerung der Automobilbranche verbessern, die Beaufsichtigung nach Vorfällen stärken und ein Bonus-Malus-System für Kreditwürdigkeit von Herstellern einrichten. NEV werden in Wirtschaft und Gesellschaft integriert, zum Beispiel in die Energiewirtschaft, in das Verkehrssystem und in Smart Cities. Die Auslegung der Ladeinfrastruktur soll verbessert und neue Geschäftsmodelle sollen entwickelt werden.

Bei NEV-Batterien dominieren chinesische Hersteller inzwischen den Volumenmarkt.

Auch andere Ministerien arbeiten an der Mobilitätswende. Das China National Renewable Energy Center (CNREC) der National Energy Agency (NEA) avisiert den Ausbau der Kapazität für Wind- und Solarstrom von 158 Gigawatt (GW) im Jahr 2018 auf circa 3.000 GW im Jahr 2035. Für FCEV soll vorwiegend grüner Wasserstoff eingesetzt werden. Auch das Thema Kreislaufwirtschaft spielt eine zunehmend wichtige Rolle, auch da einige für erneuerbare Energien benötigte Rohstoffe nicht in China verfügbar sind.

Internationale Kooperationen und Potenziale

Die Mobilitätswende ist für jedes Land eine gigantische Aufgabe, die fast alle gesellschaftlichen Bereiche signifikant beeinflusst. Um die umfassenden und komplexen Themen zu bearbeiten und die Kompatibilität der Produkte in verschiedenen Märkten sicherzustellen, kooperiert die chinesische Regierung mit anderen Ländern. Ein Beispiel ist die seit 2003 bestehende Kooperation zwischen dem Bundesministerium für Verkehr und Digitale Infrastruktur (BVMI) mit dem Ministry of Science and Technology (MOST). Seit 2018 sind die Kooperationsaktivitäten im virtuellen Sino-German Electro-Mobility Innovation and Support Center (SGEC) gebündelt: Hier werden die vier Themenfelder Batterieelektrische Mobilität inklusive Ladeinfrastruktur, Wasserstoff-Brennstoffzelle, Sicherheit und Integration erneuerbarer Energien durch fortlaufenden Austausch und geförderte Forschungs- und Entwicklungsprojekte gemeinsam vorangetrieben.

In den aktuellen Projekten werden zum Beispiel Methoden zur Ladeinfrastrukturauslegung in Städten (E-MetropoLIS) oder die Vorbereitung einer Kooperation zu Regulations, Codes and Standards (RCS) der Wasserstoff-Elektromobilität erforscht. An den Projekten sind deutsche und chinesische Unternehmen, Universitäten und Forschungsinstitute beteiligt. Weitere Beispiele deutsch-chinesischer Förderprogramme anderer Ministerien sind die Markterschließungsprogramme des BMWi, die den Markteintritt deutscher Unternehmen fördern, sowie die Deutsch-Chinesischen Alumnifachnetzwerke (DCHAN) des BMBF, in dem deutsch-chinesische Forschungsprojekte unterstützt werden.

Der Autor Lutz Berners berät Unternehmen, Forschungsinstitute und Ministerien zu China. Zuletzt beriet er das Bundesministerium für Verkehr und Digitale Infrastruktur zum Thema „Batterieelektrische Mobilität inkl. Ladeinfrastruktur“. Mehr zu neuen Entwicklungen und wirtschaftlichen Themen in China erfahren Sie hier.
lberners@bernersconsulting.com

Dieser Beitrag ist in ChinaContact 1-2020 erschienen.