China goes Caravaning?!

Im Vergleich mit etablierten Märkten sind die Zulassungszahlen noch gering, doch immer mehr Käufer interessieren sich auch in China für Caravaning. Entsprechend steigt der Absatz. 2014 wurden 1.600 Freizeitfahrzeuge in China zugelassen, 2018 waren es bereits mehr als viermal so viel. Wohin geht die Reise für die deutsche Caravaningbranche in China?

Caravaning steht für flexibles und selbstbestimmtes Reisen, für Entschleunigung und die Nähe zur Natur und trifft damit den Nerv der Zeit – auch in China. Foto: imago images / Xinhua

Im Jahr 2018 – neuere Zahlen lagen bei Redaktionsschluss noch nicht vor – wurden in China circa 7.300 Freizeitfahrzeuge neu zugelassen. Damit liegt der chinesische Markt bei den Stückzahlen im Bereich von Spanien oder den Niederlanden. Verglichen mit den beiden großen Caravaningmärkten dieser Welt – Nordamerika und Deutschland –, wo im selben Jahr 480.000 beziehungsweise 71.000 Freizeitfahrzeuge neu zugelassen wurden, ist der chinesische Markt klein. Noch macht er lediglich ein Prozent der weltweiten Neuzulassungen aus. Doch mit einer Steigerung von rund 20 Prozent im Jahr 2018 wächst er so schnell wie fast kein anderer. Und das, obwohl der Urlaub mit Reisemobil und Caravan insbesondere in Europa so populär ist wie nie zuvor. Im vergangenen Jahr erreichte die Caravaningindustrie in Deutschland beispielsweise das dritte Rekordjahr in Folge und verzeichnete ein Plus von fast 14 Prozent. Verantwortlich dafür sind keinesfalls nur die gute Wirtschaftslage und die niedrigen Zinsen.

Transkontinentale Märkte schwierig für deutsche Hersteller

Mit einer knappen Verfünffachung in den vergangenen vier Jahren ist der chinesische Markt inzwischen die Nummer vier der Welt und hat beispielsweise Japan (5.800) und Neuseeland (4.000) überholt. Dabei bevorzugen chinesische Kunden das Reisemobil (5.000 Einheiten) gegenüber dem Caravan (2.300 Einheiten). Der Absatz von Reisemobilen ist 2018 um knapp 40 Prozent gewachsen. Allerdings spielen Exporte von Reisemobilen und Caravans „Made in Germany“ dabei noch keine große Rolle. Das liegt am chinesischen Genehmigungsverfahren, das für jedes Fahrzeugmodell einzeln durchgeführt werden muss – in Europa werden ganze Serien genehmigt – und die Fahrzeuge dadurch deutlich verteuert.

China ist aber nicht nur wegen seines Potenzials für deutsche Freizeitfahrzeug-Hersteller interessant, sondern auch weil andere transkontinentale Märkte für sie traditionell eher schwierig zu durchdringen sind. Insbesondere Nordamerika ist ein hartes Pflaster, was neben technischen Aspekten auch am deutlich unterschiedlichen Kundengeschmack liegt. In den USA gilt: je größer, desto besser – auch für Freizeitfahrzeuge. Denn zum einen ist das Komfortbedürfnis höher, zum anderen stellt sich die Frage nach dem zulässigen Gesamtgewicht eines Fahrzeuges nicht, wohingegen in Europa mit dem Pkw-Führerschein nur Fahrzeuge bis 3,5 Tonnen bewegt werden dürfen. Zudem sind Straßen und Landschaften in Nordamerika weiter, und nicht zuletzt spielt der Kraftstoffverbrauch eine geringere Rolle. In Europa werden dagegen kompaktere, technisch ausgetüftelte beziehungsweise anspruchsvolle Fahrzeuge bevorzugt. Darüber hinaus gibt es bei den Designwünschen große Unterschiede. Auch auf dem drittgrößten Markt, Australien (42.400 Neuzulassungen), den die heimischen Hersteller bis dato mehr oder weniger unter sich aufteilen und verteidigen, tun sich die deutschen Hersteller schwer. Ebenso wie in Japan, einem reinen Reisemobilmarkt, wo für die Fahrzeuge spezielle Bedürfnisse erfüllt werden müssen, und Korea, wo Benziner gefragt sind, während europäische Fahrzeuge nahezu ausnahmslos mit Dieselmotoren ausgestattet sind.

Joint Ventures mit chinesischen Herstellern

Auf der Seite der Zulieferer – die Branche ist stark von ihnen geprägt – produziert bereits eine große Zahl Komponenten in China, die überall auf der Welt in Fahrzeuge verbaut werden, auch in Deutschland für den europäischen Markt. Was die Fahrzeuge selbst angeht, so sind zwei große europäische Hersteller Joint Ventures im kleinen Maßstab mit lokalen Unternehmen eingegangen. Ein weiterer setzt darauf, über einen Vertriebspartner Fuß zu fassen. Chinesische Hersteller haben als Absatzmarkt neben dem eigenen Land vor allem Australien im Blick oder fertigen gleich im Auftrag australischer Unternehmen. Aus gutem Grund, denn es ist ungewiss, ob und wann der Caravaningboom in China richtig Fahrt aufnimmt.

Zwar ist die Reiseaffinität der neuen chinesischen Mittelschicht wohl bekannt – man dränge sich nur durch die vollen Gassen Venedigs, besuche Schloss Neuschwanstein oder stelle sich in die Schlange vor dem Louvre. Ob sich der Reisetrend auch auf den inländischen Tourismus und den Caravaningtourismus durchschlägt, bleibt abzuwarten. Eine Caravaninginfrastruktur – ausgebautes Straßennetz in ländlichen Gegenden, zahlreiche qualitativ hochwertige Camping- und Reisemobilstellplätze, kurze Entfernungen zwischen den Destinationen – so wie wir das aus Europa kennen, fehlt jedenfalls noch. Bedenkt man zudem, dass das bisherige Wachstum zu einem nicht unerheblichen Maße subventioniert wurde, wird es spannend zu beobachten sein, wie sich der Markt sowohl Saufseiten der Hersteller als auch der Kunden entwickelt.

Der Autor, Daniel Onggowinarso, ist Geschäftsführer des Caravaning Industrie Verbandes (CIVD).

Dieser Beitrag ist in ChinaContact 1-2020 erschienen.