Wie ein Schiff im Sturm

Die Ermordung eines Topgenerals, Raketenangriffe auf US-Militärstützpunkte, die Gefahr eines schrecklichen Krieges und Abschuss eines Passagierflugzeugs – die Auswirkungen auf die ohnehin schon kriselnde Wirtschaft des Iran können verheerend sein.

Iranische Hardliner zünden während einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des ukrainischen Flugzeugabsturzes an der Imam-Sadiq-Universität in Teheran Kerzen an. Foto: imago images / ZUMA Press

„Bei einem so schnellen Rhythmus der politischen Ereignisse muss man sein Unternehmen wie ein Schiff durch den Sturm führen. Werfen Sie alle strategischen und langfristigen Pläne weg und fahren Sie nur auf Sicht weiter.“ Das sagt Siamak Ghassemi, Leiter des Instituts für Wirtschafsforschung „Bamdad“, in Teheran.

Das Geschäftsumfeld ist selbstverständlich als Erstes von den furchtbaren Ereignissen zu Beginn des neuen Jahrzehnts betroffen. In der Tat ist es aber in solch einer Situation unheimlich schwierig, den Überblick darüber zu behalten, welche Folgen im Einzelnen die Ereignisse auf die von den unilateralen US-Sanktionen getroffene Wirtschaft im Iran haben werden.

Die iranische Wirtschaft wird auch im neuen Jahr in der Rezession stecken. In ihrem jüngsten Bericht veröffentlichte die Weltbank, dass der Iran 2019 weltweit den größten Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu verzeichnen hatte. Der am 9. Januar vorgelegte Bericht zeigt, dass das iranische BIP im Jahr 2019 gegenüber 2018 um 8,7 Prozent gesunken ist, und das bei einer Inflation von 40 Prozent im vergangenen Jahr. Das Wachstum für 2020 hat die Bank von ohnehin mageren 0,1 Prozent auf null Prozent nach unten korrigiert. Die Economist Intelligence Unit (EIU) geht sogar davon aus, dass die iranische Wirtschaft dieses Jahr um 1,6 Prozent schrumpfen wird. Erst 2021 werde die Wirtschaft wieder um ein Prozent wachsen, so die Weltbankprognose.

Die wirtschaftlichen Kosten

In dieser Lage werden die Ereignisse vom Jahresanfang, vor allem der Abschuss des ukrainischen Passagierflugzeugs in Teheran, die Krise nur noch verschärfen. Die wirtschaftlichen Kosten, die zum Beispiel mit einer Unterbrechung des zivilen Luftverkehrs in und um den Iran verbunden sind, werden erheblich sein. Lufthansa und Austrian Airlines, die einzigen europäischen Fluggesellschaften, die nach der Wiedereinführung der US-Sanktionen noch in den Iran flogen, haben ihre Flüge nach Teheran zunächst bis März ausgesetzt. Auch Flüge über das Land vermeiden die Airlines bis auf Weiteres. Diese Maßnahmen beeinträchtigen sowohl die Luftfracht wie auch die Postdienstleistungen.

Viele andere Fluggesellschaften meiden zurzeit ebenfalls den iranischen Luftraum. Das führt dazu, dass dem Iran wichtige Einnahmen durch Überfluggebühren entgehen. Laut Angaben der Iran Airports Company durchquerten im letzten iranischen Jahr (März 2018 – März 2019) täglich 900 Flugzeuge den iranischen Luftraum. Die Überflugeinnahmen machten 70 Prozent des Unternehmensumsatzes aus.

Die türkischen, emiratischen, katarischen und russischen Fluggesellschaften bedienen indes weiterhin die Destinationen im Iran, und haben darüber hinaus angekündigt, den iranischen Luftraum weiter zu nutzen.

Die Tourismusbranche leidet am meisten

Am verheerendsten treffen die Ereignisse die iranische Tourismusbranche. Nach Angaben des Verbandes der iranischen Reiseagenturen wurden bisher mehr als 70 Prozent der angekündigten Gruppenreisen für dieses Jahr abgesagt. Auch alle Reisen aus den USA und Kanada in den Iran, 80 Prozent der geplanten Rundreisen aus Australien, 60 Prozent aus Europa und 60 Prozent aus Asien sind für dieses Jahr gestrichen worden. Die Tourismusbranche hatte in den letzten Jahren, besonders im Angesicht der US-Sanktionen, eine immer wichtigere Rolle als Quelle für Deviseneinnahmen gespielt.

Die Industrie erwirtschaftete im letzten iranischen Geschäftsjahr ungefähr zwölf Milliarden US-Dollar – etwa ein Viertel des Wertes der gesamten Nicht-Öl-Exporte des Landes – lebenswichtige Deviseneinnahmen in Zeiten der US-Sanktionen gegen die iranische Erdölindustrie als Haupteinnahmequelle des Staates. Die Rohölexporte sind von einem Höchststand von 2,8 Millionen Barrel pro Tag im Mai 2018 auf weniger als 0,4 Millionen Barrel pro Tag in den letzten Monaten zurückgegangen. Auch die Devisenreserven könnten, laut einem aktuellen Bericht vom Institute of International Finance in Washington, bis März auf 73 Milliarden US-Dollar fallen. Das wäre ein Verlust von fast 40 Milliarden Dollar in zwei Jahren.

Auch im Hinblick auf den Haushalt für das neue persische Jahr (ab März 2020) wären die Einnahmen der Tourismusbranche essenziell gewesen. In einem am 25. Dezember veröffentlichten Bericht vom Forschungszentrum des iranischen Parlaments wird der Haushaltsentwurf für das nächste Jahr nur auf dem Papier ausgeglichen sein. Dem einflussreichen Think-Tank zufolge wird das Budget für das nächste Geschäftsjahr ein Defizit von 50 Prozent aufweisen.

Vor allem aber wird der Privatsektor unter der Krise in der Tourismusbranche leiden. Nach offiziellen Angaben sind ungefähr eine halbe Million Menschen in der Branche beschäftigt. Dies ist auch ein gravierendes Problem im Hinblick auf die Arbeitslosigkeit, die derzeit bei über zehn Prozent liegt, vor allem aber auch der aktuellen Jugendarbeitslosigkeit von über 26 Prozent in dem überdurchschnittlich jungen Land Iran. Die meisten Beschäftigten in der Tourismusindustrie sind junge Menschen.

Amir Alizadeh
Experte der iranischen Wirtschaft