Wir glauben an das langfristige Potential des russischen Automobilmarktes

Der Automobilmarkt in Russland ist in ständiger Bewegung und erlebt so manchen Umbruch. Wir fragen Stefan Teuchert, Präsident und CEO der BMW Group Russia, wie er die aktuelle Lage einschätzt und welche Prognose er wagen würde.

Der Vorstandsvorsitzende (CEO) der BMW Group Russland Stefan Teuchert. Foto: imago images / ITAR-TASS
  1. BMW produziert bisher Fahrzeuge auf dem Territorium des Avtotor-Werks in Kaliningrad und hatte geplant, ein eigenes Autowerk zu errichten. Warum liegen diese Planungen jetzt auf Eis? Oder verzichtet BMW sogar ganz auf ein eigenes Autowerk in Russland?

Wir glauben an das langfristige Potential des russischen Automobilmarktes und waren beziehungsweise sind bereit, weiter zu investieren. Leider haben die Verhandlungen der letzten zwei Jahre bezüglich eines eigenen SPIK nicht zu einem Ergebnis geführt. Im vergangenen Jahr ist die Frist für den SPIK 1.0 verstrichen. Die im Dezember 2019 seitens der Regierung angekündigten SPIK-Neuregelungen stellen insbesondere für Premiumhersteller eine wirtschaftlich nicht darstellbare Anforderung dar. Unabhängig von fehlenden Zulieferern, welche international wettbewerbsfähig sein müssen, lässt die Kleinteiligkeit der verschiedenen Modelle bei BMW keine weitere Lokalisierung zu. Wir sehen insgesamt die Gefahr, dass weitere Hersteller den russischen Markt verlassen könnten.

  1. Wie zuversichtlich blickt BMW im Allgemeinen auf den russischen Automotive-Markt 2020?

Nach zwei sehr guten Jahren mit Steigerungen von 19 Prozent in 2018 und 16 Prozent im vergangenen Jahr sehen die Prognosen für 2020 nicht mehr ganz so optimistisch aus. Während der Pkw-Gesamtmarkt 2018 noch um zehn Prozent wuchs, ist er in 2019 bereits mit 3,5 Prozent im Minus, und die Aussichten für 2020 liegen bei minus fünf bis minus zehn Prozent. Das Premium-Segment kann sich wie immer besser entwickeln und viele unserer neuen Modelle sind hoch attraktiv für die russischen Kunden. Daher glauben wir, auch in diesem Jahr weiter wachsen und besser als der Markt und der Wettbewerb abschneiden zu können.

  1. Welche Entwicklung erwarten Sie im hochpreisigen Segment, in dem BMW seine Fahrzeuge mehrheitlich anbietet?

Die Kunden in diesem Segment sind weniger abhängig von der Gesamtentwicklung, werden aber durch die Stimmung im Land stark beeinflusst. Auf der einen Seite ist die Staatsverschuldung stark rückläufig und auf einem gesunden, im europäischen Vergleich sogar hervorragenden, historisch niedrigen Stand. Die Goldreserven – und damit auch Unabhängigkeit vom Ölpreis und vom Dollar-Kurs – sind hier so hoch wie nie, und die Inflation ist mit vier Prozent ebenfalls weit unter dem Schnitt der vergangenen Jahre. So gesehen geht es dem Staat makroökonomisch sehr gut. Auf der anderen Seite spüren wir eine wachsende Verunsicherung, und dies wirkt sich negativ auf das Konsumverhalten aus. Denn der Anteil der Kreditfinanzierungen ist deutlich gestiegen, was bei der Regierung zu Besorgnis speziell in Bezug auf das einkommensschwache Segment führt. Die Einkommen der russischen Kunden halten nicht mit der Preissteigerung mit. Und weitere US-Sanktionen, Wechselkursschwankungen oder politische Störungen könnten zu Kaufzurückhaltung führen.

  1. In der Regel besteht ein direkter Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Kaufkraft. Vor kurzem ist Russland ist im Doing-Business-Index der Weltbank erstmals in die Top-30 aufgestiegen. Spüren Sie eine gewisse Aufbruchsstimmung?

Wie gerade beschrieben sind die Rahmenbedingungen eigentlich gut. Jedoch führen Sanktionen und teilweise unklare Regelungen seitens der Regierung für die Industrie zu Verunsicherung auf der Investorenseite. Wenn Sie sich die Diskussionen für die Anforderungen der Lokalisierung in der Automobilindustrie ansehen, dann gibt es hier seit zwei Jahren keine klaren Regelungen für die Zukunft. Die Situation der Hersteller ist sehr unterschiedlich in Ihren Segmenten und realistischen Möglichkeiten. Daher benötigen wir klare Vorgaben, welche auch im Rahmen von betriebswirtschaftlicher Bewertung umsetzbar sind. Diese müssen dann für mehrere Jahre Bestand haben. Andernfalls wird keiner in der Lage sein zu investieren und es besteht sogar die Gefahr der Abwanderung internationaler Investoren.

  1. Vor kurzem ist in Russland zwischen Moskau und St. Petersburg die erste Autobahn eröffnet worden, die für autonomes Fahren ausgelegt ist. Wie sehen Sie die Zukunft in diesem Bereich?

Realistischerweise wird es noch viele Jahre dauern, bis wir autonomes Fahren auf europäischen oder russischen Straßen sehen werden. Aber richtig ist, dass die russische Regierung einen starken Fokus auf diese Zukunftstechnologien gelegt hat und auf der M11 nun eine Teststrecke anbietet. BMW hat seit vielen Jahren einige Fahrerassistenzsysteme im Einsatz, welche kontinuierlich weiterentwickelt werden. Gerade auf Autobahnen wie der M11 kann man diese Systeme im wahrsten Sinne des Wortes nunmehr sehr gut erfahren. Unsere Kunden schätzen das sehr und bekommen so einen Vorgeschmack, wie es sich anfühlt, dem Auto die Kontrolle zu übergeben. Jedoch benötigen wir noch weitreichende Änderungen in der Gesetzgebung und bei den Versicherungen, um in Zukunft – unabhängig von der technischen Voraussetzung – autonom fahren zu können.