Wirtschaftswissenschaftler: Russland am Scheideweg

Der Rücktritt der Regierung Medwedjew kommt plötzlich, aber nicht gänzlich unerwartet. Jetzt steht Russlands Wirtschaft vor neuen Möglichkeiten. Dafür braucht es aber Stabilität.

Russlands Wirtschaft steht vor neuen Möglichkeiten – dafür braucht es aber Stabilität. Foto: imago images / ITAR-TASS (Mikhail Japaridze)

Herr Mirkin, wie schätzen Sie die gestrige Entscheidung Putins ein?

Ich denke, dass die meisten Vertreter der Eliten vermutet haben, dass Änderungen in der politischen Struktur der Gesellschaft auftreten könnten. Wichtig sind die künftigen Ergebnisse dieser Veränderungen, insbesondere im Hinblick auf die Wirtschaft und ihre Dynamik. Wir wissen, dass die russische Wirtschaft vor großen Herausforderungen steht: Überwindung der Armut, Steigerung des Wirtschaftswachstums und große Investitionen in der Zukunft. Wenn die Veränderungen in der politischen Struktur zu Veränderungen im Wirtschaftsmodell Russlands führen – und die Geschichte kennt solche Fälle – wird es wahrscheinlich irgendwann einmal möglich sein zu beurteilen, dass sie wirklich erfolgreich waren. Wenn das Wirtschaftsmodell Russlands gleich bleibt und immer mehr dazu neigt, sich zu verschließen, werden diese Änderungen höchstwahrscheinlich mit einem Minuszeichen versehen.

Glauben Sie, dass Medwedjew über die zahlreichen Gerüchte über Korruption gestolpert ist?

Meiner persönlichen Meinung nach hängen die personellen Veränderungen in erster Linie mit dem Wunsch zusammen, die Wirtschaft wiederzubeleben, sie dynamischer zu gestalten und die Probleme der Armut und der technologischen Modernisierung zu lösen. Es fühlt sich in erster Linie so an.

Was bedeutet das alles für die russische Gesellschaft und welche Veränderungen erwarten uns?

Russland steht am Scheideweg. Es gibt drei Szenarien: Das erste, eher unwahrscheinliche Szenario, wäre der Übergang zu einem geschlossenen Wirtschaftssystem. Alternativ dazu könnte das sehr ineffiziente Wirtschaftsmodell weitergeführt werden, das wir schon seit Beginn der Marktreformen Anfang der 1990er Jahre kennen. Das dritte Szenario wäre eine Art Wirtschaftswunder in Russland, das einer starken Führung bedarf und personelle Veränderungen benötigt. Ich möchte hier an europäische Beispiele wie im Nachkriegsdeutschland erinnern. Welches dieser Szenarien in Russland kommen wird, ist momentan aber noch unklar. Allerdings ist die Grundvoraussetzung für Veränderungen eine Einsicht der Führung, dass der russischen Gesellschaft und Wirtschaft neues Leben eingehaucht werden muss.

Dr. Yakov Mirkin
Leiter der Abteilung Internationale Kapitalmärkte
Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen IMEMO