Weiß-Blaue Flagge zeigen

Die Repräsentanz des Freistaats Bayern in Russland feiert in diesem Jahr das 25. Jahr ihres Bestehens. Wir sprachen mit dem Leiter Andreas Brunnbauer über die Bedeutung des russisch-bayerischen Handels und die größten Entwicklungs- und Kooperationsmöglichkeiten für deutsche Unternehmen.

Foto: Andreas Brunnbauer

1. Herr Brunnbauer, der Freistaat Bayern feiert in diesem Jahr das 25. Jahr des Bestehens seiner Auslandsrepräsentanz in Russland. Damit war man Vorreiter unter den deutschen Bundesländern. Was waren seinerzeit die Gründe für diesen Schritt?

Als wir 1995 als erstes Bundesland eine Wirtschaftsrepräsentanz in Russland eröffnet haben, hatte das in erster Linie wirtschaftliche Gründe. Hauptziel war die Stärkung der wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland. Der russische Markt befand sich damals noch in der Übergangsphase von der Planwirtschaft zu einer Marktwirtschaft. Bayerische Unternehmen, die zu dieser Zeit den russischen Markt aktiv bespielten oder neu einsteigen wollten, freuten sich über eine Unterstützung der bayerischen Staatsregierung. Deshalb ist damals die Entscheidung getroffen worden, diese Repräsentanz zu eröffnen. Natürlich ist ein solcher Schritt auch ein politisches Signal, das Vertrauen schaffen und ein Angebot zur Kooperation sein soll.

Grundsätzlich fördert Bayern aktiv die Internationalisierung seiner Unternehmen, wobei hier Russland als wichtiger Handelspartner besonders im Fokus steht. Als Beispiel: Die Exportquote im verarbeitenden Gewerbe liegt in Bayern bei zirka 50 Prozent. Ergo hängt die Hälfte der Wirtschaftsleistung von Exporten ab. Vor diesem Hintergrund ist Russland natürlich sehr relevant. Und die Entscheidung, 1995 nach Russland zu gehen, hat sich auf jeden Fall ausgezahlt. Dies sieht man allein daran, wie präsent bayerische Unternehmen in Russland sind.

2. Es heißt, ein Viertel aller deutschen Unternehmen in Russland kommt aus Bayern. Was ist der Grund für diese starke Präsenz, und wo sehen Sie die größten Entwicklungs- und Kooperationsmöglichkeiten?

Bayern zählt im bundesdeutschen Vergleich zu den innovativsten und wirtschaftlich stärksten Ländern. Dazu tragen die bekannten Global Player bei, aber auch die vielen kleineren und mittleren Unternehmen. Sie gehören in vielen Technologiebereichen zu den Weltmarktführern und sind auch auf dem russischen Markt aktiv.

Wie bereits erwähnt, fördert Bayern die Unternehmen langfristig bei ihrer Internationalisierung. Die Tatsache, dass wir sehr früh angefangen haben, unsere Unternehmen auf dem russischen Markt zu unterstützen, bringt einen gewissen Vorteil. Die bayerische Wirtschaft ist hier schon seit Jahren erfolgreich tätig, hat mehrere Krisen überstanden, und gibt auch nicht auf, wenn es einmal schwieriger wird. Ich kenne Unternehmen, die aktuell einen sehr schweren Stand haben, die aber trotzdem sagen, dass sie diese schwächere Phase durchstehen wollen. Hier hilft auch die politische Unterstützung aus Bayern.

Was zukünftige Entwicklungs- und Kooperationsmöglichkeiten angeht, möchte ich zwei wichtige Bereiche nennen. Zum einen die Digitalisierung beziehungsweise Industrie 4.0, wo bayerische Unternehmen sehr stark aufgestellt sind. Digitalisierung ist ähnlich wie in Deutschland ein Top-Thema in Russland. Allerdings ist die Industrie in Russland im Vergleich zu Deutschland noch nicht so stark automatisiert und digitalisiert. Hier können bayerische Firmen ihre Kenntnisse und ihr Know-how gut vermarkten. Der zweite Bereich ist die Abfallwirtschaft, die derzeit von Null aus aufgebaut wird. Bis 2024 will man fast auf das Niveau der Recyclingquoten europäischer Länder kommen. Ich möchte hier auf die Weltleitmesse für Umwelttechnologie IFAT verweisen, die Anfang Mai 2020 in München stattfindet. Auch hier wird eine große russische Delegation erwartet.

3. Welche Veränderungen sind seit Verhängung der Sanktionen 2014 zu spüren? Und welche Rückmeldungen bekommen Sie von den bayerischen Unternehmen?

Grundsätzlich, und das ist wenig verwunderlich, sind die Sanktionen nachteilig für die Wirtschaft. Dies kann man ganz einfach am Handelsvolumen zwischen Bayern und Russland ablesen, das von 13 Milliarden Euro im Jahr 2012 auf 7,1 Milliarden Euro 2017 gesunken ist. Aber es geht auch wieder aufwärts: 2018 stieg der bilaterale Handel um etwa zwölf Prozent, und auch für das vergangene Jahr wird mit einer weiteren Erholung gerechnet.

Was die Rückmeldungen der Unternehmen angeht, so muss man trennen zwischen Firmen, die vom Export nach Russland leben, und denjenigen, die in Russland vor Ort sind. Erstere spüren unabhängig von den Sanktionen zum einen die Veränderungen des Rubelkurses, wodurch die bayerischen Waren für Russen deutlich teurer werden. Zum zweiten nimmt man auch die Importsubstitutionspolitik der russischen Regierung wahr, die den Export zusätzlich erschwert. Diejenigen Unternehmen, die bereits eine Produktion in Russland aufgebaut haben, sind hier deutlich besser aufgestellt. Von diesen haben wir bisher viele positive Rückmeldungen erhalten.

Mein Fazit: Insgesamt hat durch die Krise das Vertrauen gelitten, doch es sind weiterhin gute Geschäfte möglich.

4. Russland ist im Doing Business Index der Weltbank erstmals in die Top 30 aufgestiegen. Spüren Sie als Wegbereiter für die bayerische Wirtschaft diese Aufbruchsstimmung und wie würden Sie das Investitionsklima bewerten?

Wir sehen hier eindeutig eine positive Entwicklung. Einerseits sieht man das an den Rankings, andererseits aber auch in Gesprächen mit Unternehmen. Eine häufige Aussage ist, dass sich das Umfeld und das Investitionsklima im Vergleich zu früher verbessert haben. Andererseits ist die wirtschaftliche Entwicklung immer noch gehemmt. Es gibt nach wie vor negative Faktoren, die erwähnt werden müssen. Dazu zählen Monopolstrukturen in einigen Kernbereichen der Wirtschaft, eine geringe Ausprägung des Mittelstandes, dazu starke staatliche Einflüsse, Korruption und leider immer noch zu langsam voranschreitende Reformen.  Das wird von den bayerischen Unternehmen natürlich auch richtig eingeschätzt. Man sieht das Positive und die Verbesserungen, stellt aber gleichzeitig fest, dass dies immer noch nicht genug ist.

Im direkten Gespräch sind jedoch fast alle bayerischen Unternehmensvertreter grundsätzlich optimistisch. Kein Unternehmen, mit dem ich gesprochen habe, hat vor, sich vom russischen Markt zurückzuziehen. Alle Firmen haben gelernt, mit der veränderten Situation umzugehen. Entsprechend wird Russland für bayerische Unternehmen auch in Zukunft ein wichtiger Markt bleiben.

Diese Artikel erschien in RusslandInsider Ausgabe 1/2020.

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