Interview: Dirk Grossmann

Die Lufthansa ist seit knapp 50 Jahren auf dem russischen Luftverkehrsmarkt präsent. Über die Entwicklung der Kranich-Airline in Russland sowie die aufkommende Konkurrenz der Billigflieger sprach RusslandInsider mit Dirk Grossmann, dem General Manager Sales Russian Federation, Kazakhstan, Kyrgyzstan, Uzbekistan & Tajikistan.

Dirk Grossmann, Lufthansa General Manager Sales Russian Federation, Kazakhstan, Kyrgyzstan, Uzbekistan & Tajikistan. Foto © Deutsche Zentrale für Tourismus
  1. Herr Grossmann, Sie waren 1995 erstmals in Russland tätig. Wie hat sich der russische Luftverkehrsmarkt aus Ihrer persönlichen Sicht seitdem entwickelt?

Absolut positiv. Die 1990er-Jahre waren nach dem Zerfall der Sowjetunion natürlich sehr spannende Zeiten für alle Marktteilnehmer. Die Entwicklung des Luftverkehrsmarktes verlief jedoch außerordentlich dynamisch, fast rasant. Der nationale Carrier hat schnell zu alter Stärke zurückgefunden. Alle nationalen und internationalen Fluggesellschaften genießen die sehr moderne Infrastruktur an den russischen Flughäfen, und die Zahl vor allem auch der internationalen Flugreisenden wächst beständig. Im Bereich des Vertriebs über die sogenannten neuen Distributionskanäle wie Online und Internet liegt Russland im europäischen Vergleich sehr weit vorn.

  1. Auf dem russischen Luftverkehrsmarkt ist eine Verschiebung in Richtung Asien zu beobachten. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein und wie geht die Lufthansa damit um?

Ja, asiatische Länder sind aktuell sehr im Trend. Thailand, aber auch Vietnam sind jedoch schon seit mehreren Jahren sehr populär bei russischen Touristen.

Rein geografisch bedingt fokussieren wir uns in Russland traditionell auf westwärts gerichtete Reisen, also über unsere Hubs in Frankfurt, München, Zürich, Wien und Brüssel nach Europa und Amerika. Auch hier gibt es Reisetrends, auf die wir dank unseres weiten Streckennetzes sehr gut reagieren können. Aktuell bereiten wir uns gerade wieder mit Extrakapazitäten auf die „russische“ Neujahrs- und Skisaison in den Alpen vor.

  1. Inwieweit fühlt sich Lufthansa durch die jüngsten Initiativen der Billigflieger in ihrem Russland-Geschäft bedroht?

Die aktuellen Visaerleichterungen bei der Einreise über Sankt Petersburg und weitere Pläne hinsichtlich der Öffnung des Luftraums sehen wir außerordentlich positiv. Steigende Besucherzahlen und eine Liberalisierung des Luftverkehrs sind gut für den russischen Markt. Inwieweit neue Bewerber an dieser Marktentwicklung teilnehmen können, wird die Zeit zeigen. Bedroht fühlen wir uns hier nicht.

  1. Vor einigen Jahren zog sich Lufthansa teilweise aus Russland zurück. Wie hat sich die Streckenplanung in jüngster Zeit entwickelt? Wie sehen die Entwicklungen im Bereich Passagiere und Cargo aus?

Die Lufthansa fliegt ja bereits seit 1972, Austrian Airlines sogar seit über 60 Jahren nach Russland beziehungsweise in die Sowjetunion. Somit haben wir die Entwicklung des Landes und der Region aktiv miterlebt und auch mitgestaltet. Entsprechend haben wir auch unser Flugprogramm in Russland ständig angepasst. Aktuell bedienen wir Moskau und Sankt Petersburg als Lufthansa-Gruppe mehrmals täglich und bauen unsere Kooperation mit S7 aus. Somit können wir auch weiterhin Reisende aus den russischen Regionen bei uns an Bord begrüßen.

  1. Bei Lufthansa gab es mal Überlegungen, in die russische Luftfahrtindustrie einzusteigen. Sind solche Pläne noch aktuell? Und wie würden Sie das aktuelle Investitionsklima einschätzen?

Verschiedene Tochterunternehmen der Lufthansa-Gruppe wie Lufthansa Technik,
Lufthansa Systems oder auch Lufthansa Consulting sind schon seit Jahrzehnten außerordentlich erfolgreich im russischen Markt tätig, haben gemeinsam mit ihren lokalen Partnern und Kunden gute und weniger gute Zeiten durchlebt und so großes gegenseitiges Vertrauen aufgebaut.

Das Investitionsklima in Russland ist traditionell nicht einfach und von wechselnden Herausforderungen und Chancen geprägt. Ernsthaft interessierte Investoren sollten Durchhaltevermögen besitzen und ihren Einstieg nicht vom Tageswetterbericht abhängig machen.