Starkes Doppel: dena und Ukrenergo setzen auf Energiepartnerschaft

Eine „grüne“ Energiewende in der Ukraine ist möglich. Experten sagen, dass die Transformation des Sektors bis 2050 zu schaffen ist. Wir fragen dazu nach bei Vsevolod Kovalchuk, CEO des ukrainischen Energieversorgers Ukrenergo, und Andreas Kuhlmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur GmbH (dena).

Der Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur (dena), Andreas Kuhlmann, und der CEO des ukrainischen Energieunternehmens Ukrenergo, Vsevolod Kovalchuk, stehen auf dem Dach der Reichstagsgebäudes in Berlin. Foto: Dena

Frage: Herr Kovalchuk, als Leiter des staatlichen Energieversorgers der Ukraine haben Sie tiefe Einblicke in die Energiewirtschaft Ihres Landes. Es wird oft gesagt, dass die energetische Situation in Ihrem Land sehr angespannt sei. Können Sie uns die aktuelle Lage schildern?

Kovalchuk: Ja, die Lage im Energiesektor der Ukraine ist im Vergleich zu anderen OECD-Ländern nicht einfach. Das liegt an der Besonderheit unseres Energiesystems, das noch zu Zeiten der Sowjetunion errichtet wurde. Aufgrund des enormen Energiebedarfs wurden in unserem Land große Atomkraftwerke gebaut. Der in der Ukraine erzeugte Strom wurde dann in die Länder der ehemaligen UdSSR geleitet. Auch als die Ukraine vor 28 Jahren unabhängig wurde, ist die Weiterentwicklung der Kraftwerke durch russische Ingenieure geleistet worden.

Erst in den letzten Jahren wurden ernsthafte Projekte aufgelegt, diese Abhängigkeit zu verändern. Wir planen jetzt, uns bis 2023 vom russischen System abzukoppeln und das Land energetisch in das westeuropäische System über Polen, Slowakei, Rumänien und Ungarn zu integrieren. Das ist für uns das wichtigste Energieprojekt der näheren Zukunft. Dabei geht es nicht allein um die Reduzierung der energetischen Abhängigkeit von Russland, sondern auch um eine Verbindung der zukünftigen Märkte.

Frage: Was hat die Ukraine bisher unternommen, um eine Energiewende im Land einzuläuten und sich zugleich stärker an der EU zu orientieren?

Kovalchuk: Um den Anforderungen der Europäischen Union gerecht zu werden, hat die Ukraine in diesem Jahr bereits ihr Marktmodell in dem Bereich geändert. Dazu gehört zum einen die Liberalisierung des Energiemarktes zum 1. Juli 2019, zum anderen wird es ab Anfang 2020 die Zertifizierung von unabhängigen Netzbetreibern geben. Dennoch bestehen weiterhin Probleme. Da ist vor allem der sehr hohe Energieverbrauch zu nennen, nicht allein im Strommarkt, sondern insbesondere im Wärmemarkt. Das ist in erster Linie den Millionen Wohnungen geschuldet, die nicht den modernen Energieverbrauchswerten entsprechen.

Frage: Herr Kuhlmann, die Situation in der Ukraine erinnert an Deutschland vor 20 oder 30 Jahren. Viel Kohlestrom und Atomkraft, aber keine nennenswerten erneuerbaren Energien. Was könnte Deutschland in eine mögliche Energiepartnerschaft mit der Ukraine einbringen?

Kuhlmann: Sie haben recht: Der Vergleich drängt sich auf. Nach der Wende hatten wir in Deutschland eine durchaus vergleichbare Situation. Aber es gibt einen ganz wichtigen Unterschied. Als Deutschland 1990 wiedervereinigt wurde, da hatten wir eine ganz starke Wirtschaft im Westen und eine Wirtschaft im kompletten Umbruch im Osten. Und wir hatten viel mehr Ressourcen, mit denen wir arbeiten konnten. Wir hatten auch keine kriegerische Auseinandersetzung, die wir bewältigen mussten. Das heißt, die Herausforderungen bei uns waren groß, aber die in der Ukraine sind noch deutlich größer. Ich glaube, dass wir auf der anderen Seite aber sagen können, die technischen Möglichkeiten, die die Ukraine heute nutzen kann, sind natürlich viel besser als die, die Deutschland 1990 zur Verfügung standen.

Heute sind die erneuerbaren Energien deutlich günstiger und heute wissen wir, welche Möglichkeiten es gibt, die richtige Netz-Infrastruktur aufzubauen. Wir kennen gerade in Deutschland auch die richtigen Wege, wie wir Energieeffizienz in Gebäuden, in der Industrie voranbringen können. Wir haben zwar auch einiges falsch gemacht in den letzten 20 Jahren. Aber wir wollen uns ja gerade dafür einsetzen, dass die Ukraine und andere Länder diese Fehler nicht wiederholen. Und deswegen ist es in der Zusammenarbeit mit Ukrenergo sehr zielführend, dass wir die richtigen Akteure zusammenbringen. Und in konkreten Workshops konkrete Situationen besprechen und die Ukraine mit dem Know-how, das wir haben, unterstützen.

Herr Kovalchuk, Sie sagten, dass insbesondere der hohe Energieverbrauch durch unsanierte Wohnungen ein Hauptproblem sei. Können Sie dazu ein paar Zahlen nennen?

Kovalchuk: Der Rückstand in der Wohnraumsanierung hat dazu geführt, dass aktuell bis zu 350 Watt pro Quadratmeter verbraucht werden. In Deutschland sind es weniger als 100 Watt. Und nach den neuen Standards sollen es künftig nicht mehr als 30 Watt sein. Das wird bei 15,5 Millionen Haushalten sehr viele Investitionen erfordern. Zwischen 60 und 65 Prozent der Haushalte befinden sich in Mehrfamilienhäusern, das sind rund zehn Millionen Wohnungen. Davon entsprechen mehr als 90 Prozent nicht den modernen Standards der Energieeinsparung. Umgerechnet bedeutet das, dass zwischen acht und neun Millionen Wohnungen modernisiert werden müssen.

Herr Kuhlmann, was kann Deutschland der Ukraine für die notwendige Energiewende konkret anbieten, wenn wir beispielsweise über die energetische Sanierung von Gebäuden reden?

Kuhlmann: In der Ukraine gibt es eine ganz andere, komplizierte Eigentumsstruktur. Es gibt auch festgelegte Energiepreise – ein System mit Subventionen, die natürlich sozialpolitisch verständlich sind, die aber für die Energieeffizienz eventuell hinderlich sind. Und trotzdem gab es in der Ukraine in den vergangenen Jahren ganz erhebliche Anstrengungen, Expertenpools aufzubauen. Die dena hat – gefördert vom Bundeswirtschaftsministerium – in 20 Modellhäusern analysiert, wie man Energieeffizienz vernünftigerweise umsetzen kann. Wir gehen jetzt in die Umsetzung, weil Deutschland ganz stark den Energieeffizienz-Fonds unterstützt, der über einen Umfang von insgesamt 50 Millionen Euro verfügt. Das ist einerseits Geld, andererseits Analyse vor Ort und Aufbau der entsprechenden Strukturen. Und dann brauchen wir idealerweise auch Unterstützung durch die deutsche Wirtschaft. Denn am Ende geht es auch um konkrete Investitionen.

Kovalchuk: Es ist auch für unsere Experten wichtig, diese Zusammenarbeit. Das trifft nicht nur auf den Bereich der erneuerbaren Energien zu, wo der Durchschnittspreis in Deutschland mittlerweile auf 40 bis 45 Cent pro Megawattstunde gefallen ist. Auch bei der künftigen Nutzung von Atomstrom brauchen wir einen Austausch, weil Atomstrom bei uns deutlich billiger ist. Atomstrom ist aber auch sauberer, das wird von deutschen Experten nicht wahrgenommen oder bestritten. Erneuerbare Energien sind sehr teuer. Das müssen wir in unsere Berechnungen mit einbeziehen. Deutschland kann uns nicht nur unterstützen bei der Integration der Ukraine in das westeuropäische Stromnetz über Polen, sondern auch bei der Suche nach Investoren. Momentan ist es doch so, dass Investoren im Bereich der erneuerbaren Energien aus der Türkei und China kommen, oder auch aus Norwegen. Aber zurzeit, entschuldigen Sie, ist kein deutsches Unternehmen dabei.

Das ist doch eine Frage an Herrn Kuhlmann. Wie steht es mit der Möglichkeit zur verstärkten deutschen Beteiligung in der Ukraine? Wie kann hier eine staatliche Förderung gestaltet werden?

Kuhlmann: Also erst einmal: Es gibt einen intensiven, quasi jährlichen Austausch auf Spitzenebene zwischen der Ukraine und Deutschland – auch die Kanzlerin ist hier sehr involviert. Es geht in diesen Gesprächen genau darum: Welche Standards, welche Gesetzgebung brauche ich? Welche Verlässlichkeit in Investitionen brauche ich? Hier hat sich in der Vergangenheit in der Ukraine viel verändert. In der Umsetzung hatten wir eine Phase der Verzögerung durch den Regierungswechsel, die aber hoffentlich überwunden ist. Auf dieser Basis können wir deutschen Unternehmen sagen: Es ist nicht nur wichtig zu investieren, sondern es ist auch wirtschaftlich attraktiv. Nehmen Sie das Beispiel Biomassekraftwerke. Diese haben systematischen Nutzen für die künftige Energieversorgung, für die Schaffung von Flexibilitäten und sie haben einen guten Business Case. Genau solche Punkte müssen wir stärker verwenden.

Ich habe aber auch eine Bitte an die Politik in Deutschland: Wir müssen dafür sorgen, dass die unterschiedlichen Akteure, die in der Ukraine aktiv sind – Bundeswirtschaftsministerium, Bundesumweltministerium, Kanzlerin, GIZ, dena, Netzbetreiber, Unternehmen – besser organisiert sind und mit einer Stimme sprechen, um den Partnern in diesem Land zu helfen, unsere Angebote besser zu verstehen, besser zu sehen, sodass sie auch an die richtigen Stellen eingesetzt werden.

Kovalchuk: Das sind Worte, die man gern hört – mit einer Stimme sprechen. Diese Angebote werden uns helfen und wir werden dafür sorgen, dass die Bedingungen dafür geschaffen werden. Die deutsche Wirtschaft soll sagen, was sie konkret braucht, und wir werden das, was notwendig ist, gesetzgeberisch umsetzen.

Eine letzte Frage noch: Wenn sie beide, Herr Kovalchuk und Herr Kuhlmann, fünf Jahre in die Zukunft blicken, wo würden sie die deutsch-ukrainische Energiezusammenarbeit sehen und welche Leuchttürme wird es bis dahin geben?

Kovalchuk: Zunächst möchte ich für die bisherigen Hilfen danken. Aber was uns fehlt, ist nicht so sehr die staatliche Unterstützung, was fehlt sind ausländische Direktinvestitionen. Es wäre gut, wenn Deutschland als stärkste Industrienation in Europa hier mit gutem Beispiel vorangeht und investiert – zwei Milliarden Euro wären schön. Das sollten Investitionen sein, die auch für die deutsche Energiewende von Interesse sind, etwa in Energiespeicherung oder auch vielleicht in Wasserstofftechnologien.

Kuhlmann: Erstens: In fünf Jahren ist klar erkennbar, dass Deutschland ein Partner der Ukraine bei der Sicherung der globalen Energiemärkte ist. Zweitens: Wir sehen klar erkennbare Erfolge bei der energetischen Gebäudesanierung, und die Menschen in der Ukraine sprechen darüber. Drittens: Deutsche Unternehmen haben in Energieeffizienz-Technologien in der Ukraine investiert und sind eine starke Community. Und Viertens: Die Energiewende ist erlebbar in der Ukraine mit erneuerbaren Energien, mit der Flexibilität, die diese bringen, mit Innovationen auch in einem internationalen Rahmen. Das alles schafft Jobs und Perspektive – und in fünf Jahren stoßen wir beide darauf an.

Kovalchuk: Wir können uns gern jetzt schon für einen Tag verabreden.

Das Interview führte André Spangenberg

Dieser Beitrag ist in der aktuellen OstContact 11/12-2019 erschienen.