Der russische Markt ist beherrschbar

Russland verändert sich schnell und der Markt ist nicht einfach. Aber die Dynamik ist inspirierend. Dieser Beitrag blickt in die Besonderheiten der russischen Zollwelt bezüglich der Zertifizierung und zeigt, wie Sie Ihr russisches Unternehmen richtig darauf vorbereiten. So wird die Supply Chain vom Hindernis zu einem Wettbewerbsvorteil.

The International Car Crossing Checkpoint ON The Russian Lithuanian Border. Foto: imago images / Vitaly Nevar/TASS

Grundsätzliches zur Zertifizierung

Russland als Teil der EAWU hat seine eigenen Vorschriften und Qualitätsstandards. Die meisten Produkte – unabhängig davon, ob sie importiert oder lokal produziert werden – müssen den lokalen Normen gemäß den technischen Vorschriften entsprechen. Sie werden in der gesamten EAWU immer mehr standardisiert. Das beginnt mit dem Nachweis der Produktqualität. In den meisten Fällen ist es erforderlich, dass die Produkte in akkreditierten Prüflabors in Russland oder der EAWU geprüft werden, wobei sich das Prüfverfahren an den geltenden Vorschriften zum jeweiligen Produkt orientiert. In bestimmten Fällen ist auch ein Werksaudit erforderlich. Das bedeutet, dass Spezialisten des externen Prüflabors oder der staatlichen Behörden die Produktionsstätte auf die Erfüllung bestimmter Standards hin überprüfen.

Wenn die Produkte den europäischen Qualitätsstandards entsprechen, werden die Prüfergebnisse voraussichtlich positiv ausfallen. Basierend auf diesen Prüfprotokollen können nun die erforderlichen Zertifizierungen/Konformitätserklärungen eingeholt werden. Mit diesen und möglicherweise anderen erforderlichen Zertifizierungen kann jetzt die vorgeschriebene EAC-Kennzeichnung auf den Produkten verwendet werden. Es ist wichtig zu beachten, dass für die gängigsten Zertifizierungs- und Konformitätserklärungen eine lokale Unternehmerperson als Antragsteller für diese Konformitätsdokumentation fungieren muss. Dies kann von etablierten Partnern oder von einem neutralen Partner erfolgen, der nach Ihren Anweisungen arbeitet und Ihnen die volle Kontrolle da-rüber gibt, wer die erhaltene Zertifizierung nutzen darf.

Es gibt ungefähre Richtwerte, mit welchem Zeit- und Kostenbudget bei der Zertifizierung von technischer Ausrüstung und Ersatzteilen zu rechnen ist.

  • Es sollte ein Zeitrahmen von sechs bis acht Wochen für die Zertifizierung eingerechnet werden. Diese Spanne setzt sich zusammen aus zwei Wochen für die Vorbereitung der Dokumente, drei bis vier Wochen für Tests und ein bis zwei Wochen für die Zertifizierung selbst.
  • Die Kosten liegen in der Regel zwischen 2.000 Euro und 5.000 Euro – je nachdem, wie komplex das zu zertifizierende Produkt und die beantragte Gültigkeitsdauer sind.
  • Die Gültigkeitsdauer variiert im Prinzip von einem bis fünf Jahre.

Es ist aber auch möglich, eine Zertifizierung nur für eine einmalige Einfuhr zu beantragen. Für Möbel und Textilien unterscheiden sich die Zertifizierungsprozeduren deutlich, jedoch sind die oben genannten Richtwerte auch hier zutreffend. Bei anderen Produktkategorien empfiehlt es sich, den Prozess vorab im Einzelfall zu prüfen.

Was wird gebraucht?

In einigen Fällen können Sie sich von der Zertifizierungspflicht befreien lassen, weil beispielsweise das Gerät für den Eigenbedarf, für Garantiezwecke oder als Gebrauchtgerät importiert wird. In anderen Fällen kann die Zertifizierung kostspielig werden, insbesondere wenn Sie eine breite Produktpalette oder verschiedene Hersteller haben. Ob Ihre Produkte eine Zertifizierung/Konformitätserklärung oder andere Zertifizierungs- oder Einfuhrlizenzen benötigen und ob ein Werksaudit gebraucht wird, ist in den lokalen Vorschriften geregelt. Die genauen Anforderungen hängen hier stark vom HS-Zollcode ab, welcher von den russischen/EAWU-Zollbehörden angewendet wird. Die Zollcodes und Zertifizierungserfordernisse können für Ihr gesamtes Produktsortiment frühzeitig analysiert und budgetiert werden, bevor Sie den Versand starten oder sich entscheiden, ob Sie in den russischen Markt eintreten.

Klassifizierung nach den russischen/EAWU-Zollvorschriften

Um eine Zollanmeldung in Russland oder der EAWU abzugeben, sind viele Informationen erforderlich. Die meisten Informationen sollten vom Lieferanten zur Verfügung gestellt werden und sind nicht immer leicht verfügbar. So sollte beispielsweise die Zollanmeldung für jedes Produkt das Ursprungsland und den Herstellernamen, Brutto- und Nettogewicht sowie eine kurze zollgerechte Produktbeschreibung mit Schlüsselinformationen enthalten, die das Produkt darstellt und den angegebenen Zollcode bestätigt. Während die Hersteller-, Produkt- und Gewichtsangaben in der Regel vom Lieferanten stammen, können Sie sich von einem spezialisierten Logistikpartner bei der Erstellung der russischen Produktbeschreibung und der Analyse des entsprechenden russischen HS-Zollcodes unterstützen lassen.

Der russische HS-Zollcode unterscheidet sich oft leicht (und manchmal sogar völlig) vom europäischen HS-Zollcode. Solche Unterschiede liegen darin begründet, dass die Produkte in der russischen/EAWU-Außenhandelswarennomenklatur detaillierter (gewöhnlich 10-stellig) und regelmäßig nach ihren Produkteigenschaften klassifiziert werden und nicht nach ihrem Verwendungszweck. Leider gibt es keinen Standardalgorithmus, um europäische HS-Zollcodes in russische/EAWU-HS-Zollcodes zu übertragen. Diese spezielle Aufgabe wird in der Regel von Analysespezialisten ausgeführt, die in der Zollabteilung russischer Zollbroker arbeiten. Basierend auf Produktbeschreibungen, technischen Datenblättern und gegebenenfalls weiteren per Rückfrage eingeholten Produktinformationen erstellen die Analysespezialisten eine zollgerechte russische Produktbeschreibung, bestimmen den anwendbaren HS-Zoll-code sowie die Einfuhrzölle und Zertifizierungsanforderungen je Produkt.

Verkauf von bereits verzollten Produkten

Aus verschiedenen Gründen kann es vorkommen, dass russische Kunden bereits importverzollte Produkte kaufen möchten. Die Fiskalvertretung, wie sie in Europa bekannt ist, ist in Russland nicht anwendbar: Um zu DDP-Bedingungen liefern zu können, ist ein Importeur in Russland erforderlich. Wenn Sie bereits verzollte Produkte verkaufen und dabei die volle Kontrolle über Ihre russische Verkaufsstrategie, Preise und Konditionen behalten wollen, können Sie in Betracht ziehen, einen neutralen Importeur als Partner auf dem russischen Markt zu ernennen. Es gibt allerdings nur eine begrenzte Anzahl von Unternehmen, die diesen Service auf internationaler Ebene anbieten. Wenn Sie den richtigen Partner auswählen, können Sie sich ganz auf den Vertrieb konzentrieren, während Ihr Partner sich um alle operativen und organisatorischen Aktivitäten kümmert. Die gute Nachricht lautet daher: Mit gesundem Menschenverstand, starken Partnern und etwas Geduld können Sie ein profitables und nachhaltiges Geschäft in Russland betreiben. Die Herausforderungen des Geschäftslebens in Russland sind beherrschbar.

Stefan Hoffmann
Key Account and Project Manager
Hellmann Trade Solutions

Dieser Beitrag ist in der aktuellen OstContact 11/12-2019 erschienen.