US-amerikanisch-chinesischer Handelskrieg: Ist Russlands Wirtschaft in Gefahr?

Prof. Andrey Nechaev, Wirtschaftsminister a.D.

 

Der US-amerikanisch-chinesische Handelskrieg ist immer gut für Schlagzeilen. Allerdings wird gern unterschlagen, dass der Warenumsatz zwischen den beiden Volkswirtschaften im Jahr 2018 und damit mitten im Handelskrieg gestiegen ist: und zwar um stolze 28 Prozent.

 

 

Russlands Präsident Wladimir Putin, US-Präsident Donald Trump, Vietnams Präsident Tran Dai Quang und Chinas Präsident Xi Jinping (von links nach rechts) vor einer Fotosession von Weltführern am Abschlusstag des 25. APEC-Gipfels. Foto © imago images Mikhail Metzel-TASS PUBLICATIONxINxGERxAUTxONLY TS068965

Rechnet man den Rückgang des Handels im ersten Halbjahr 2019 mit 14 Prozent dagegen, übersteigt er den Wert von 2017 (also vor dem Handelskrieg) immer noch um zehn Prozentpunkte mehr als deutlich. Interessant ist zudem eine andere Tatsache: Trotz des Handelskriegs wächst die US-Wirtschaft um fast drei Prozent jährlich und bleibt die stärkste und größte Volkswirtschaft der Welt. Und das Bruttoinlandsprodukt Chinas wächst sogar um sechs Prozent. Dagegen erwartet die Weltbank für Russland 2019 lediglich ein Wachstum von 1,1 Prozent.

Hoher Vernetzungsgrad

Die moderne Weltwirtschaft ist immer stärker vernetzt und die Volkswirtschaften voneinander abhängig. In den letzten zehn Jahren entspricht der globale Umsatz des Außenhandels etwa 30 Prozent des weltweiten BIP. Vor 50 Jahren waren es lediglich 13 Prozent. Auch Russland ist bereits tief in die Weltwirtschaft integriert: Die Exportquote des Landes liegt bei 27 Prozent, der gesamte Umsatz des Außenhandels beträgt 47 Prozent des BIP. Das Problem ist, dass die Exporte aus Russland insbesondere Rohstoffe sind. Importiert werden Hightech-Produkte und hochwertige Verbrauchsgüter, die im Land selbst nur in unzureichender Anzahl produziert werden können. Das widerspricht der offiziellen These über eine hohe wirtschaftliche Unabhängigkeit Russlands.

Zugleich gibt es Hoffnungen in Russland, die USA auf dem chinesischen Markt wenigstens teilweise zu ersetzen. Das jedoch entbehrt jeglicher Grundlage. Zu unterschiedlich ist die Struktur der russischen und der US-amerikanischen Exporte. Zum Beispiel ist Russland nicht in der Lage, Hightech-Ausrüstung nach China zu liefern. Einzige Ausnahme bilden Komponenten für Atomkraftwerke. Auf der anderen Seite hat China ein natürliches Interesse am russischen Markt – als Absatzmarkt. Jedoch ist die Kapazität deutlich geringer als die des US-Marktes.

Ist die weltweite Rezession gefährlich für Russland?

Es ist interessant: Noch wirkt sich der Handelskrieg zwischen den USA und China nicht auf die russische Wirtschaft aus – weder positiv noch negativ. Allerdings könnte der Konflikt die ohnehin von den meisten Experten erwartete zyklische Rezession der Weltwirtschaft verstärke. Es besteht zudem die Gefahr eines Handelskrieges zwischen der USA und der EU analog zum chinesischen Szenario. Vor diesem Hintergrund kann die Weltrezession für Russland tatsächlich gefährlich werden, insbesondere wenn diese länger andauert.

Die Schärfe der Probleme hängt von der Dauer der Krise und ihrer Folgen ab. Die angesammelten finanziellen Reserven Russlands ermöglichen es, eine kurzfristige Rezession der Weltwirtschaft relativ leicht zu überstehen. So stiegen die internationalen Reserven im Jahr 2019 um rund 75 Milliarden US-Dollar und belaufen sich aktuell auf 543 Milliarden US-Dollar. Der russische Staatsfonds wird bis zum Ende dieses Jahres auf fast 8,2 Billionen Rubel (116 Milliarden Euro) anwachsen, dies sind mehr als acht Prozent des BIP. Auch der Staatshaushalt Russlands im Jahr 2019 wird mit einem großen Überschuss von bis zu 1,5 Billionen Rubel (fast 20 Milliarden Euro) oder 1,4 Prozent des BIP gerechnet. Der Haushaltsüberschuss ist auch für die Jahre 2020 bis 2022 vorgesehen.

Kein Wachstum trotz finanzieller Mittel

Zwar befindet sich der russische Staatshaushalt in guter Verfassung. Aber die Wachstumsraten der Wirtschaft sind gering und werden 2019 die Ein-Prozent-Marke kaum überschreiten. Zudem sinken die realen Einkommen der Bevölkerung seit sechs Jahren, wenngleich  das russische Statistikamt Rosstat für das dritte Quartal 2019 ein Wachstum festgestellt haben will. Und laut Umfragen  befinden sich viele kleine und mittlere Unternehmen am Rande des Stillstands. In der Tat ist das schlechte Investitionsklima das Hauptproblem der russischen Wirtschaft.

Und nicht vergessen werden sollte, dass erste Anzeichen eines Abschwungs nicht zu übersehen sind. Generell ist während Wirtschaftskrisen ein Abfluss von Kapital aus den sogenannten Schwellenländern zu beobachten. Das findet derzeit auch in Russland statt – bereits 31,6 Milliarden US-Dollar sind in den ersten neun Monaten 2019 abgeflossen. Laut Schätzungen der russischen Zentralbank wird sich diese Summe bis zum Jahresende auf rund 40 Milliarden US-Dollar erhöhen. Erfahrungsgemäß fallen während einer Rezession der Weltwirtschaft auch die Preise für Rohstoffe, die die Basis des russischen Exports und der Einnahmen des Staathaushalts bilden. Alles in allem keine gute Basis, um sich vor den Auswirkungen einer weltweiten Rezession zu schützen.