Interview: Maxim Shakhov

Maxim Shakhov ist Russland-Chef des deutschen Automobil- und Maschinenbauzulieferers Schaeffler. Er ist seit Juni 2017 ist im Amt und verantwortet die Sparten Automotive und Industrie. Wir sprachen mit ihm über neue Markierungsvorschriften, die positive Entwicklung des Geschäftsklimas in Russland und die wachsende Globalisierung der Weltwirtschaft.

Maxim Shakhov. Foto © imago images-ITAR-TASS
  1. Herr Shakhov, genau in dem Jahr, in dem die Russland-Sanktionen verhängt wurden, hat Ihr Unternehmen hier das erste Werk eröffnet. Schwimmen Sie gegen den Strom? Wie begründen Sie Ihre Entscheidung?

Ich würde nicht sagen, dass Schaeffler gegen den Strom schwimmt. Vielmehr orientieren wir uns an wirtschaftlichen Faktoren und treffen Entscheidungen auf der Grundlage unserer fortlaufenden Analysen. Ein Werk in Russland zu eröffnen war deshalb kein politischer oder kurzfristiger Entschluss, sondern ein langfristiger und marktorientierter. Heute sprechen wir bereits vom Ausbau unseres Russland-Geschäfts, auch weil wir sehen, dass neben den Voraussetzungen, die bereits 2014 vorhanden waren, in Russland zusätzliche Verbesserungen realisiert wurden, die das Land zu einem attraktiven Investmentziel machen. Zum Beispiel hat die Regierung in Uljanowsk, dem Standort unsers Werkes, die Gasversorgung so gut ausgebaut, dass wir ohne Probleme die Mengen an Gas bekommen können, die wir benötigen. Wir sehen auch, dass die russische Regierung und die lokalen Behörden mehr als zuvor daran interessiert sind, Investoren zu unterstützen.

  1. Die Wirtschaft in Russland stöhnt unter den Auswirkungen von Produktfälschungen. Zugleich wird vor der geplanten Markierungsregelung, die genau diese verhindern soll, gewarnt. Was halten Sie als Unternehmen von diesen neuen Regelungen?

Unserer Meinung nach ist die Idee der Markierungspflicht insgesamt sehr sinnvoll. Nicht nur Fälschungen, sondern auch Steuerhinterziehungen und alle anderen wirtschaftlichen Verbrechen kann so vorgebeugt werden. Aber die rasante, verpflichtende Implementierung dieses Systems belastet besonders die Importeure – und ohne Importeure funktioniert die heutige Wirtschaft nicht, da sie global ausgerichtet ist. Sogar das größte Land der Welt kann sich dieser Tatsache nicht entziehen. Deshalb glauben wir, dass diese neuen Regelungen, besonders wenn sie ohne Rücksicht auf uns Unternehmen implementiert werden, eher nachteilig sind. Aber die russische Regierung hört zu: Wir sind Teil einer Arbeitsgruppe der Markierungsinitiative. In dieser versuchen wir, unsere Interessen klar und deutlich darzulegen und gemeinsam mit dem Ministerium eine Lösung zu finden, wie ohne Nachteile für die Importeure eine Markierungspflicht realisiert werden kann.

  1. Was hat sich in Russland im Vergleich zu 2014 verändert?

Der Wechselkurs Rubel zu Euro hat sich stark gewandelt. Lag er im Jahr 2014 noch bei 40 Rubel je 1 Euro, sind im Jahr 2019 Wechselkurse von 70 bis 75 Rubel je 1 Euro zu verzeichnen. Die Wirtschaft wuchs damals stärker, genauso die Investitionen. Im Neuwagenmarkt gibt es seither starke Schwankungen. Waren es im Jahr 2012 z. B. noch knapp drei Millionen verkaufte Pkw, reduzierte sich der Markt 2016 mit 1,43 Millionen Zulassungen auf knapp die Hälfte. Heute reden wir von ca. 1,6 Millionen verkauften Pkw, Tendenz eher sinkend. Nichtsdestotrotz glauben wir an das Potenzial der russischen Automobilindustrie, genau deshalb haben wir im Jahr 2014 unser Werk in Uljanowsk eröffnet. Aber natürlich müssen wir die Marktgegebenheiten berücksichtigen und entsprechend gegensteuern. Weil viele Lokalisierungsprojekte auf Eis gelegt wurden, haben wir das fehlende Volumen durch Exporte kompensiert. Wir exportieren von Uljanowsk aus nach Rumänien, Deutschland oder in die Türkei und versuchen unseren Exportanteil auszubauen.

  1. Russland ist im Doing Business Index 2020 der Weltbank in die Top 30 aufgestiegen. Wie würden Sie das Investitionsklima auf einer Skala von 1 bis 10 bewerten? Was glauben sie, wie sich insbesondere Automobilindustrie und Maschinenbau entwickeln werden?  

Dass sich Russland im aktuellen World Bank Doing Business Index auf Platz 28 gleich hinter Österreich platzieren konnte, finde ich großartig und bemerkenswert. Die Aussichten für das kommende Jahr sind für die Automobilbranche und die Industrieproduktion in Russland differenziert zu bewerten. Wie bereits erwähnt, stagniert der Automobilmarkt derzeit. Wir rechnen damit, dass sich die Produktionszahlen für das Jahr 2020 ungefähr auf dem Niveau von 2019 bewegen werden. Das hängt ganz stark von der Kaufkraft der russischen Konsumenten ab, die seit Jahren rückläufig ist. Langfristig prognostizieren wir einen Aufschwung. Was die Industrieproduktion betrifft, sind die Aussichten von Grund auf besser. Wir gehen davon aus, dass die russische Industrie weiterhin wachsen wird und dass durch verschiedene nationale Projekte insbesondere im Bereich Infrastruktur unternehmerische Chancen entstehen. Hier sei zum Beispiel die Modernisierung der Energieversorgung genannt.