Chinas Schuldenproblem

Chinas hohe Verschuldung sorgt seit Längerem weltweit für Besorgnis. Das wahre Ausmaß der chinesischen Staats- und Unternehmensverschuldung aber wurde offensichtlich bislang unterschätzt, das zeigen neue Studien und Daten.

Die Verpflichtungen ausländischer Schuldner an China haben sich im Zeitraum 2000 bis 2017 von unter 500 Milliarden auf über fünf Billionen US-Dollar erhöht – den Großteil der Schuldtitel hat die staatlich kontrollierte chinesische Zentralbank auf internationalen Märkten erworben. Foto: iStock © kool99

Der chinesische Wirtschaftswissenschaftler Ma Guonan, bis vor Kurzem Visiting Academic Fellow am MERICS, analysiert im neuen China Monitor Perspectives „Chinas hohe und steigende Verschuldung“ die Ursachen und Risiken der hohen Verschuldung chinesischer Unternehmen. Gleichzeitig bewertet er, wie effizient Chinas bisherige Bemühungen um Schuldenabbau bislang waren.

Die Gesamtverschuldung von Regierung, Unternehmen und Haushalten ist auf fast 242 Prozent des Bruttoinlandsprodukts angewachsen. Damit ist China unter den aufstrebenden Volkswirtschaften eines der am stärksten verschuldeten Länder.

Chinas Unternehmen haben eine besonders schwere Schuldenlast zu tragen. Das Verhältnis von Unternehmensverschuldung zum BIP, ein Maß für den Verschuldungsgrad, ist binnen eines Jahrzehnts um 65 Prozentpunkte angestiegen. Der Verschuldungsgrad chinesischer Unternehmen ist damit weltweit einer der höchsten.

Ineffiziente Investitionen begünstigten hohe Verschuldung

Ma Guonan führt dies auf unterschiedliche Faktoren zurück, darunter einen niedrigeren Anteil intern generierter Unternehmensinvestitionen. Er kommt zu dem Schluss, dass die teils ineffiziente Investitionspolitik von Lokalregierungen (sehr hastig ausgewählte, fragwürdige Projekte) maßgeblich zum hohen Verschuldungsgrad chinesischer Unternehmen infolge der Finanzkrise 2008 beigetragen hat. Zudem trage Chinas hohe Investitionsrate dazu bei, die Unternehmensverschuldung nach oben zu treiben.

Die chinesischen Entschuldungskampagnen der jüngsten Zeit zielen aus Sicht von Ma insbesondere auf den Abbau der Kreditvergabe über sogenannte Schattenbankensysteme. Lokalregierungen wurden Zugänge zu inländischen Anleihemärkten erleichtert, Industriesektoren mit hohen Verschuldungsraten wiederum wurden strenger reguliert. Besonders betroffen ist allerdings der private Sektor, der sich häufig über Schattenbanken finanziert, weil er nur begrenzt auf Kredite aus dem offiziellen Finanzsystem zurückgreifen kann. Hieraus, so eine zentrale These des Autors, könnten erhebliche Herausforderungen für Chinas Wirtschaft erwachsen: Denn diese hängt vor allem vom dynamischen und innovativen Privatsektor ab, wenn es darum geht, das für eine stabile Entwicklung notwendige Wachstum zu erzeugen.

Wie der Schuldenabbau gelingen könnte

Um den Schuldenabbau nachhaltig zu gestalten, seien ergänzende Schritte notwendig, argumentiert Ma. Dazu gehörten Programme zur Umstrukturierung und Öffnung der chinesischen Wirtschaft, mehr Wettbewerb und ein schnellerer Umbau von ineffizient wirtschaftenden Staatsbetrieben, sogenannten Zombie-Unternehmen, die zuletzt umso mehr Investitionen verschlangen, je stärker die Einnahmen zurückgingen. Insgesamt müsse das Gewicht der Staatsbetriebe in der chinesischen Wirtschaft reduziert werden, und kleinere und privatgeführte Firmen müssten bessere Zugänge zu Krediten erhalten.

Interessant ist vor diesem Hintergrund, wo China als Gläubiger anderer Länder auftritt. Diese Rolle ist deutlich größer als bislang bekannt und in offiziellen Statistiken ausgewiesen. Die übrige Welt schuldete China 2017 mehr als fünf Billionen US-Dollar, was rund sechs Prozent der globalen Wirtschaftsleistung entspricht. Besonders Kredite an Entwicklungs- und Schwellenländer haben sich während des letzten Jahrzehnts vervielfacht. Staatliche chinesische Banken haben rund ein Viertel aller Bankkredite an Schwellenländer (Emerging Markets) vergeben. China ist damit weltweit der größte staatliche Gläubiger und deutlich bedeutender als etwa der Internationale Währungsfonds (IWF) oder die Weltbank. Hinzu kommen Direktinvestitionen wie Firmenübernahmen, sodass der chinesische Staat insgesamt Kapital im Umfang von acht Prozent der globalen Wirtschaftsleistung im Ausland hält. Die Hälfte dieser Schulden sind intransparent vergeben, woraus sich erhebliche Risiken für die Finanzstabilität ergeben, so eine neue Studie unter Beteiligung des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel.

Ausländische Schuldner: nunmehr fünf Billionen US-Dollar

Das Anfang Juli dieses Jahres erschienene Arbeitspapier „China’s Overseas Lending“ von Sebastian Horn, Carmen Reinhart und Christoph Trebesch zeigt erstmals ein umfassendes Bild der von China ins Ausland vergebenen Kredite und anderer Finanzströme. Demnach haben sich allein von 2000 bis 2017 die Verpflichtungen ausländischer Schuldner an China von unter 500 Milliarden auf über fünf Billionen US-Dollar erhöht – oder von unter einem Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung auf über sechs Prozent. Den Großteil der Schuldtitel hat die staatlich kontrollierte chinesische Zentralbank auf internationalen Märkten erworben. Chinas Portfolio ausländischer Staatsanleihen ist seit Anfang der 2000er-Jahre enorm angewachsen. Die chinesische Regierung vergibt aber auch immer größere Summen direkter Kredite, besonders an Entwicklungs- und Schwellenländer.

Bemerkenswert dabei ist, dass rund 50 Prozent der internationalen Kredite Chinas an Entwicklungs- und Schwellenländer nicht in offiziellen Statistiken auftauchen. Sie werden weder von multilateralen Überwachungsinstitutionen wie dem IWF oder dem Pariser Club noch von Ratingagenturen oder privaten Datenanbietern erfasst.

„China war auch schon früher ein aktiver internationaler Geldgeber, vor allem für kommunistische Bruderstaaten. Aber der jüngste drastische Anstieg ist historisch nur mit der US-Kreditvergabe in den beiden Weltkriegen vergleichbar. Er geht vor allem auf die starke Expansion der chinesischen Volkswirtschaft und die neue globale Ausrichtung des chinesischen Staates zurück“, so Christoph Trebesch, einer der Autoren vom IfW in Kiel. „Das Besondere an Chinas Auslandskrediten und -investitionen ist nicht nur der Umfang, sondern auch, dass sie fast ausschließlich von staatlichen Stellen kommen und zu großen Teilen intransparent sind“, so Trebesch weiter.

Viele der von China finanzierten Projekte sind von großem Nutzen für die Empfängerländer, insbesondere im Bereich der Infrastruktur. Allerdings bergen die Höhe des Schuldenvolumens und die Intransparenz auch Risiken für die Finanzstabilität. Private Investoren oder der IWF können die Schuldentragfähigkeit und die Krisenwahrscheinlichkeit von Ländern kaum einschätzen, wenn ein beachtlicher Teil der Auslandsverschuldung (an China) schlichtweg unbekannt ist. Dies erschwert die Analyse von Länderrisiken.

Kerstin Lohse-Friedrich ist Leiterin Kommunikation am MERICS.

kerstin.lohse@merics.de | www.merics.org/de

Dieser Beitrag ist erschienen in ChinaContact 09/10-2019.