Statistisches Wunder

Prof. Andrey Nechaev, Wirtschaftsminister a.D.

Russland demonstriert in letzter Zeit verstärkt Optimismus. So verkündete Premierminister Medwedjew bei einem Treffen mit ausländischen Investoren, dass mit der russischen Wirtschaft „im Großen und Ganzen alles in Ordnung ist“. Fast zeitgleich berichtete nun das Statistikamt Rosstat von einem unerwarteten Wachstum der Realeinkommen der Bevölkerung. Nach Angaben der Behörde wuchs im dritten Quartal 2019 das real verfügbare Einkommen nach langem Sinkflug schlagartig um drei Prozent. 

 

Russland demonstriert in letzter Zeit verstärkt Optimismus. Foto: iStock © ppl58

Viele Unstimmigkeiten

In der Tat stellt der sprunghafte Anstieg für viele unabhängige Experten eine große Überraschung dar. Denn trotz einer zwischenzeitlich angepassten Erhebungsmethodik sind die Einkünfte der Bevölkerung in den letzten vier Quartalen kontinuierlich zurückgegangen. Zum Vergleich: Im Zeitraum April bis Juni 2019 sind die realen Einkommen um 0,1 Prozent gesunken, im Januar bis März sogar um 2,5 Prozent. Als Folge senkte das Wirtschaftsministerium die Prognose für 2019 um den Faktor zehn – von einem Prozent auf 0,1 Prozent. Der unerklärliche Zuwachs im dritten Quartal führt nun dazu, dass die Behörde mittelfristig einen leichten Einkommensanstieg erwartet. In den ersten drei Monaten des Jahres stiegen die Einkommen um 0,2 Prozent an.

Der plötzliche Anstieg der Realeinkommen kann kaum mit einem Plus anderer makroökonomischer Indikatoren erklärt werden – es sind weder ein Wachstum des BIP noch eine erhöhte Wirtschaftstätigkeit zu beobachten. Es ging kein Ruck durch die russische Wirtschaft. Die BIP-Wachstumsraten im Zeitraum Januar bis September 2019 betrugen laut Rosstat lediglich 0,7 Prozent. Das Wachstum der Einzelhandelsumsätze verlangsamte sich von 1,6 Prozent im zweiten Quartal 2019 auf 0,8 Prozent im dritten Quartal. Somit kann das statistisch gewachsene Realeinkommen kaum mit einer steigenden Konsumnachfrage belegt werden. Es stellt sich deshalb die Frage:  Woher kommen die gestiegenen Einkommen?

Indirekt werden die Zweifel der Experten an dem Statistikwunder mit dem wachsenden Anteil jener russischen Familien bestätigt, deren finanzielle Mittel nur für den Kauf von Lebensmitteln und Kleidung ausreichen, nicht aber für langlebige Konsumgüter. Dieser Anteil lag im ersten Quartal 2019 bei 49,2 Prozent, im zweiten Quartal 2019 stieg er leicht auf 49,4 Prozent an – das sind 0,6 Prozentpunkte mehr als im Jahr 2018.

Erläuterungen von Rosstat werfen Fragen auf

Rosstat begründet derweil das Wachstum der Realeinkommen mit einem überproportionalen Anstieg der Löhne sowie der niedrigen Ausgangsbasis des vergangenen Jahres. Aber auch hier stellen sich Fragen. Nach Angaben von Rosstat vom Juli stiegen die durchschnittlichen Monatsgehälter der Beschäftigten in großen und mittleren Unternehmen zwar real um drei Prozent (abzüglich Inflation) und im August um 2,4 Prozent. Sozialzahlungen und Einkommen aus Eigentum wuchsen indes deutlich langsamer. Woher kommt also ein Einkommenswachstum von drei Prozent? Theoretisch könnte man davon ausgehen, dass es ein schnelles Lohnwachstum im öffentlichen Sektor gab, für das Rosstat noch keine Daten vorgelegt hat.

Sorgfältig arbeitende Analysten bemerken zudem andere Ungereimtheiten. Diese Lohnzuwachsraten sind nicht die höchsten des Jahres. So stiegen die Durchschnittsgehälter im April real um 3,1 Prozent, während das Gesamteinkommen der Bevölkerung stagnierte.

Es drängt sich der Verdacht auf, dass die Rosstat-Experten plötzlich einen starken Anstieg der Schatteneinkommen entdeckt haben. Nach Angaben der Behörde nahm der Anteil dieser Einkommen 2019 deutlich zu. Im ersten Quartal betrug er 7,8 Prozent, im zweiten Quartal 10,4 Prozent und im dritten Quartal 14,1 Prozent.

Das heißt, es ergeben sich viele Fragen beim Rosstat-Wunder. Allerdings wird die russische Politik mit den Ergebnissen zufrieden sein. Offensichtlich ist dies der Gradmesser für solche statistischen Daten.