Bahnverkehre China-Europa – ist Zenit überschritten?

ST. GALLEN. Die Güterströme auf der Neuen Seidenstraße sind einerseits rasant gestiegen – das bestätigen die deutlichen Zuwächse an Ganzzugeinheiten innerhalb der vergangenen zwölf Monate auf der Relation. Andererseits zeichnen sich beunruhigende Entwicklungen im Bahnverkehr zwischen China und Europa ab, da die chinesische Regierung ab 2020 bisher gewährte Subventionen kürzen will.

Mittelfristig werden Durchlaufzeiten von maximal zehn Tagen von den chinesischen zu den europäischen Hubs angepeilt, derzeit sind die Züge im Durchschnitt 13 bis 17 Tage unterwegs. Foto: iStock © Kyryl Gorlov

Auf diesen Umstand hatte Hans Reinhard, Präsident InterRail Holding AG und bisheriger Vizevorsitzender des Coordinating Council on Trans-Siberian Transportation (CCTT), bereits Mitte September im kasachischen Nur-Sultan in seiner Rede anlässlich der 28. Plenartagung des CCTT hingewiesen.

Reinhard geht davon aus, dass eine Steigerung trotz gestiegener Ganzzugeinheiten, der zusätzlich hinzugekommenen Betreiberplattformen in China und der erhöhten Anzahl an europäischen Empfangsdestinationen, zumindest vorläufig nicht mehr möglich zu sein scheint. Das sei an der von der chinesischen Regierung festgelegten Subventionsverteilung abzuleiten, so Reinhard weiter. Bisher wurden die Zugkosten subventioniert, und das soll sich ab 2020 ändern. 2019 lagen die Zuschüsse bei 40 Prozent der Zugkosten. Sie sollen im Jahr 2020 auf 30 Prozent sinken und 2020 dann nur noch 20 Prozent betragen. Da weder die Operateure der Züge noch die beteiligten Staatseisenbahnen diese Reduktion werden auffangen können, ist zu erwarten, dass die Vermarktungspreise für Einzelcontainer und Containergruppen ab Anfang 2020 wieder steigen. Ob zu höheren Preisen dann noch weiterhin im heutigen Umfang nach und von Europa auf die bestehenden Züge gebucht wird, scheint fraglich, so Reinhard.

Eine kürzlich im Auftrag des chinesischen Präsident Xi Jinping gestartete Analyse, die auf sechs der größten chinesischen Betreiberplattformen ausgerichtet ist, soll das Verhältnis von Warenwert pro Zug mit den dafür aufgewendeten Subventionen beleuchten, heißt es in der InterRail-Pressemitteilung weiter. Allein schon die Anordnung der Untersuchung habe kurzfristig dazu geführt, dass bereits jetzt weniger und insbesondere nur noch voll ausgelastete Züge zum Versand kommen. Ersten vagen Aussagen aus China zufolge dürfte daher die Anzahl Züge von beziehungsweise nach Europa abnehmen, möglicherweise aber jene aus China nach Russland und Zentralasien zunehmen, da für kürzere Distanzen auch weniger Subventionen nötig sind.

Eine Reduzierung der Züge dürfte aber zumindest für Europa auch positive Effekte haben, insbesondere für das chronisch überlastete europäische Eisenbahnnetz, das von den bisherigen, jährlichen Steigerungsraten der Züge aus China praktisch überrumpelt worden ist. Damit könnte mittelfristig besser geplant und so gemeinsam mit den chinesischen Partnern das Ziel von noch schnelleren Transitzeiten zwischen China und Europa erreicht werden. Die mittelfristig angepeilten Durchlaufzeiten von maximal zehn Tagen vom chinesischen zum europäischen Hub wären dann insbesondere für den E-Commerce interessant, aber auch für Postsendungen.