Handelskrieg zwischen den USA und China: Gift für den Aktienmarkt

In den letzten zehn Jahren waren die Aussichten für Aktien stets positiv. Ende Mai wechselte die Stimmung jedoch angesichts der Eskalation des Handelskriegs zwischen den USA und China. Der Ton zwischen den beiden Supermächten verschärfte sich, und die Risiken für Aktien stiegen.

Der Ton zwischen USA und China hat sich über die Monate verschärft - damit stiegen auch die Risiken für die Aktienanleger. Foto: iStock © danielvfung
Der Ton zwischen USA und China hat sich über die Monate verschärft – damit stiegen auch die Risiken für die Aktienanleger. Foto: iStock © danielvfung

2018 und Anfang 2019 hielt man es noch für wahrscheinlich, dass die USA und China eine Einigung erzielen würden. Dies liegt logischerweise im beiderseitigen Interesse. Präsident Trump braucht vor der Wahl 2020 eine stärkere Konjunktur. Und Präsident Xi Jinping braucht das starke Wirtschaftswachstum, das traditionell in China für Stabilität sorgt, indem es die Menschen aus der Armut befreit und Arbeitsplätze für die Jugend schafft.

Den richtigen Kurs halten

Man stelle sich die Weltwirtschaft als Zug vor, der über eine Reihe schmaler Strecken fährt. Die Zentralbanken sind die Fahrer, die sich auf einem schmalen Grat zwischen einem von niedrigen Zinsen und quantitativer Lockerung befeuerten Wachstumsboom auf der einen und einer Verschlechterung des wirtschaftlichen Umfelds mit niedriger Inflation oder sogar Deflation auf der anderen Seite bewegen. In den letzten zehn Jahren war der Zug auf diesen Strecken unterwegs und man hatte manchmal Angst vor dem „Feuer“ einer Konjunkturüberhitzung und manchmal vor dem „Eis“ einer Konjunkturabkühlung. Nun fürchten die geldpolitischen Entscheidungsträger vor allem das Eis.

Das ist die Erklärung für die größte Trendwende an den Finanzmärkten im Jahr 2019: Die Umkehrung der erwarteten Zinsentwicklung in den USA. Ende 2018 betrug das Leitzinsziel der US-Notenbank (Fed) noch 2,25 bis 2,50 Prozent, wobei mit einem weiteren Anstieg gerechnet wurde. Im Gegensatz dazu kündigte sie im Juli eine Zinssenkung um 0,25 Prozent an. Inzwischen wird bis zur Präsidentschaftswahl im November 2020 ein Rückgang auf knapp über ein Prozent erwartet. Gleichzeitig sind die Renditen der zehnjährigen US-Staatsanleihen von drei Prozent vor einem Jahr auf rund zwei Prozent gefallen. Damit haben sich die Finanzierungskosten entlang der gesamten Renditekurve deutlich verringert. Sinkende Finanzierungskosten sind außerdem ein weltweites Phänomen.

Zu befürchten ist immer noch, dass stärkere Handelskonflikte das Wachstum und die Cashflows untergraben werden. Der Konsum hat sich bisher vor allem in den USA dank stabiler Beschäftigung robust gezeigt. Andererseits sind Investitionsausgaben und Einkaufsmanagerindizes in den letzten Monaten gesunken. Dadurch ergibt sich das Bild einer zweigeteilten Wirtschaft: einerseits ein stabiler Konsum, aber andererseits ein Abschwung im verarbeitenden Gewerbe.

Hinter den schwächelnden Einkaufsmanagerindizes steht vermutlich die Unsicherheit über die künftigen Handelsbedingungen oder Zölle. Bis die Handelsgespräche zwischen den USA und China zum Abschluss kommen, können die Hersteller, die ihre Waren in den USA verkaufen, kaum entscheiden, ob sie Produktionsstätten in China, in Thailand oder sogar in den USA betreiben sollen. Die naheliegende Reaktion ist die Verschiebung von Investitionen in die Produktion. Und das könnte durchaus die Erklärung für die gesunkenen Einkaufsmanagerindizes sein.

Wenn die Einkaufsmanagerindizes und die Investitionen lange genug niedrig bleiben, führt dies zwangsläufig zu sinkender Beschäftigung und damit zu einem Rückgang des Konsums. So weit ist es aber bisher nicht gekommen. Werden die Wachstumserwartungen so stark sinken, dass dies die Wirkung der niedrigen Zinsen zunichtemacht? Dann wären die Aktienbewertungen auf ihren derzeitigen hohen Niveaus gefährdet. Wenn jedoch Zinssenkungen die Konjunktur erfolgreich stützen, könnten die Aktienkurse weiter steigen.

Wird die Globalisierung ins Stocken geraten?

Von den Handelsgesprächen hängt so viel ab. Die jeweiligen Strategien der Präsidenten Donald Trump und Xi Jinping sind ziemlich unberechenbar. Beide sind starke Führungspersönlichkeiten. Wenn aber starke Führungspersönlichkeiten direkt statt über multilaterale Foren miteinander verhandeln, werden sie sich vermutlich schwerer auf die Kompromisse einlassen können, die zur Erzielung einer Einigung nötig sind. Dies gefährdet die Lösung der Handelskonflikte und sogar den weiteren Fortschritt der Globalisierung.

Um den Handelskrieg zwischen den USA und China in einen Kontext zu stellen, sei hier erwähnt, dass man die Globalisierung immer als Segen für den Handel und die Aktienmärkte erlebt hat. Sie hat die Produktion effizienter gemacht, den grenzüberschreitenden Handel gefördert und die Inflation gedämpft, weil die Fabriken an den wettbewerbsfähigsten Standorten gebaut wurden. Handelskriege könnten nun die Globalisierung zurückdrehen. Eines der größten Probleme ist die drohende Unterbrechung der Lieferketten.

Um zu dem Bild der Zentralbanken auf einem schmalen Grat zurückzukehren: Für sie wird es schwieriger, den mittleren Kurs zu halten. Das Unvermögen zweier starker Führungspersönlichkeiten, einen Kompromiss im Zollstreit zu schließen, droht das globale Wachstum zu schmälern und sogar die Globalisierung aufzuhalten.

Der Autor William Davies ist globaler Aktien-Chef bei Columbia Threadneedle Investments und zusätzlich dazu Chief Investment Officer für die Region Europa, Naher Osten und Afrika (CIO EMEA).