Genosse Roboter – Hightech in der Personalauswahl

Wie neue Techniken das Personalmanagement verändern und revolutionieren können. Ein Interview mit Andrey Krylov, CEO und Gründer von Skillaz.

Wie neue Techniken das Personalmanagement verändern und revolutionieren können.  Foto: WorldSkills / Lizenz: C BY-NC-ND 2.0 / Quelle: flickr

Herr Krylov, erzählen Sie uns von Ihrer Erfahrung in der HR-Technologie und warum Sie ein Unternehmen ausgerechnet in diesem Bereich gegründet haben?

Ich habe eine erfolgreiche Karriere in mehreren großen Unternehmen hinter mir, darunter Kaspersky Lab. Dabei habe ich komplexe Systeme in die Geschäftsprozesse der Kunden implementiert und irgendwann erkannt, dass die Automatisierung im Bereich Personal ein riesiges Potenzial besitzt, das noch niemand gehoben hat. Daraufhin kündigte ich meinen Job als Angestellter, weil ich das Gefühl hatte, dass ich etwas Eigenes schaffen musste – so entstand Skillaz. Zuerst haben wir ein eigenes Videointerview-System entwickelt, aber nach und nach entstand eine komplexe Hightechlösung für die Rekrutierung von Mitarbeitern, die wir als „end to end“ bezeichnen. Der Umsatz von Skillaz hat sich pro Jahr vervierfacht, und heute können wir behaupten, Marktführer auf dem russischen HR-Tech-Markt zu sein.

Welche Besonderheiten hat der russische HR-Tech-Markt beispielsweise im Vergleich zum europäischen Markt?

Auf der einen Seite steckt der Markt noch in den Kinderschuhen, was die Arbeit natürlich erschwert. Viele Unternehmen haben kein Verständnis für solche Standards und allgemein akzeptierte Bezugspunkte. Bei der Betreuung derartiger Kunden stellen wir oft nicht nur Software und Technologien zur Verfügung, sondern helfen auch, Geschäftsprozesse bei der Personalbeschaffung neu aufzubauen. Andererseits wird meiner Meinung nach das Potenzial des russischen Automatisierungsmarktes im Allgemeinen und im Personalwesen im Besonderen von noch nicht einmal zehn Prozent der Firmen genutzt. Wir sehen zugleich ein großes Interesse an der Digitalisierung des Rekrutierungsprozesses bei Großkunden aus dem Bankensektor, im Einzelhandel und im produzierenden Gewerbe. Ein weiterer Vorteil unseres Marktsegmentes ist, dass viele Unternehmen, die die Automatisierung von Grund auf einführen, sich viel schneller entwickeln als ihre westlichen Kollegen, die seit vielen Jahren bewährte Lösungen einsetzen, aber heute in Bezug auf die Funktionalität weit in den Rückstand geraten. Solche Unternehmen haben es schwer, weil es sich nicht jeder leisten kann, Altes zu zerlegen und alles wieder von vorn neu aufzubauen. Aber wir arbeiten mit jedem Kunden zusammen und wissen, wie wir dank unserer eigenen Entwicklung – spezieller Busse zum Datenaustausch – unser System mit großen internationalen Anbietern verbinden können.

Welche Rolle spielt die künstliche Intelligenz etwa im Personalbereich? Und gibt es Ergebnisse, die man verallgemeinern kann?

Künstliche Intelligenz ist ein sehr breiter Begriff, um den es unter anderem im Bereich der HR-Technologie einen großen Hype gibt. Es ist sehr wichtig zu erkennen, wie man diese von den realen Möglichkeiten der Technologie unterscheidet und welche Produkte wirklich darauf aufbauen. Vor zwei Jahren noch sprachen wir auf allen Branchenkonferenzen im Bereich Human Resources über künstliche Intelligenz und Machine Learning. Heute widmen sich die besten Konferenzen der HR-Analyse, der Berechnung des Return on Investment in neue Technologien und dem Einfluss der Automatisierung auf die Geschäftsindikatoren im Allgemeinen. Nicht die Technologien selbst stehen im Vordergrund, sondern spezifische Produktlösungen im Bereich der Auswahl, Bewertung, Anpassung und Beteiligung der Mitarbeiter.

Anders gefragt: Ist der Markt überhaupt bereit, den Auswahlprozess einem Roboter zu überlassen?

Heute befindet sich der Markt in einem Stadium, in dem sich wiederholende Routinevorgänge wie die Bearbeitung von massenhaften Bewerbungen bei Unternehmen auf Algorithmen und Roboterauswahl übertragen lassen können – auch dank Skillaz. Dies trägt dazu bei, die Arbeitsbelastung der Personalbeschaffer deutlich zu reduzieren und ihnen Zeit für anspruchsvollere Aufgaben zu verschaffen. Das heißt, die Algorithmen, die Menschen programmieren, helfen ihnen letztendlich, ihre eigenen Entscheidungen schneller und statistisch erfolgreicher zu treffen. So haben wir beispielsweise kürzlich eine Technologie vorgestellt, die es unseren Kunden ermöglicht, bei einem Personalwechsel automatisch mit der Auswahl eines neuen Mitarbeiters zu beginnen. Dies gibt Arbeitgebern ein grundlegend neues Maß an Kontrolle über die Personalbesetzung und befreit die Personalabteilung von Hunderten von Stunden manueller Arbeit. Die Genehmigung eines solchen Rekrutierungsprozesses dauert nur einige Sekunden. Wenn aber dann die Auswahl unter Tausenden und Zehntausenden von Mitarbeitern pro Jahr gemessen wird, kann sie die Effizienz des gesamten Unternehmens erheblich steigern.

Das ist sehr allgemein. Welche konkreten Marktvorteile haben Unternehmen, die ihre HR-Prozesse automatisiert haben?

Unternehmen, die HR-Prozesse automatisieren, erhalten klare Wettbewerbsvorteile im Kampf um Talente. In der Wissensgesellschaft, in der die Menschen das Hauptkapital darstellen, ist ein solcher Vorteil entscheidend.  Dank der modernen Technologien finden solche Unternehmen mehr geeignete Kandidaten, bewerten diese schneller und können sie demnach auch schneller einstellen. Alles dreht sich um Geschwindigkeit und Kosten. Zugleich gibt es zügiger ein menschliches Feedback. Wer schneller handelt, hat auch das Privileg, neue Dinge auszuprobieren, eventuell Fehler zu machen und im Anschluss daran unmittelbar die besten Lösungen zu wählen.

Herr Krylov, vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte André Spangenberg

Skillaz ist eines der führenden Unternehmen auf dem HR-Technologiemarkt in Russland. Seit 2015 unterstützt es Unternehmen bei der Suche, Bewertung und Einstellung geeigneter Mitarbeiter jeder Art. Laut eigenen Angaben senkt Skillaz die Rekrutierungskosten um 30 Prozent und beschleunigt die Rekrutierung um 40 Prozent. Zu den Kunden gehören nach eigenen Angaben unter anderem die Sberbank, MegaFon, Gazprom Neft und KPMG.

Dieser Beitrag ist in der aktuellen OstContact 9/10-2019 erschienen.