Das richtige Netzwerk

Russland hat nach Kanada die weltweit höchste Rate an Hochschulabsolventen. Doch immer mehr Russen gehen nach ihrem Studium oder ihrer Ausbildung ins Ausland. Und das hat Folgen.

Junge Leute lesen keine Zeitung mehr. Wer gezielt den Nachwuchs erreich will, der muss ins Netz gehen. Foto: Gadzhi Kharkharov / Lizenz: CC BY 2.0 / Quelle: flickr

Allein 2018 haben Untersuchungen zufolge rund 370.000 vor allem junge und hochqualifizierte Menschen das Land verlassen. Die zunehmende Abwanderung von Fachkräften wird so zu einem Problem für die Nachwuchsgewinnung. Vor diesem Hintergrund verlagert sich die Suche nach geeigneten Bewerbern immer mehr in die sozialen Netzwerke.

Portale wie SuperJob oder HeadHunter, die beide regelmäßig eigene Rankings erstellen, um Unternehmen bei der Beurteilung von Bewerbern zu unterstützen, und Netzwerke wie VKontakte und Facebook werden am häufigsten bei der Kandidatensuche genutzt. Experten betrachten zudem den Messenger-Dienst Telegram mit mehr als 200 Millionen Nutzern weltweit als den sich am schnellsten entwickelnden Bereich bei der Personalrekrutierung. Solche Messengerdienste werden immer beliebter, weil sie spezifische Kanäle für die Suche nach Kandidaten für ganz bestimmte Fachgebiete bieten – beispielsweise Kanäle, die auf Softwareentwicklungsexperten in einer bestimmten Programmiersprache zugeschnitten sind. Insbesondere im IT-Segment etablieren sich immer mehr spezielle Plattformen, die zudem die systematische Zusammenarbeit mit freiberuflichen Headhuntern ermöglichen.

Soziale Netzwerke boomen. Dabei sind deutliche Unterschiede zu beachten: International genutzt werden vor allem LinkedIn (hauptsächlich für die Suche nach ausländischen Mitarbeitern, da das Portal in Russland gesperrt ist) und Facebook (für die Geschäftskreise Moskau und St. Petersburg). Im Inland gern genutzt werden VKontakte (für weniger qualifiziertes Personal genügt es, die Wörter „Stellenausschreibung“ und die notwendige Stadt in die Suchleiste einzutippen und so die am besten geeignete Gruppe für die Schaltung einer Anzeige herauszufiltern), Odnoklassniki oder My Circle (ein beliebter Karriereservice für IT-Spezialisten) sowie Instagram.

Intern vor extern

In Russland rekrutieren Unternehmen ihr Personal tendenziell häufiger über die interne Personalabteilung und seltener über externe Personalvermittler. Offene Stellen werden oft mithilfe eigener Ressourcen nachbesetzt, für Führungspositionen wird indes meist ein externer Auftragnehmer einbezogen. Allerdings ist in den vergangenen Jahren der Markt der Personalvermittler geschrumpft. Denn die Suche nach Spezialisten und Top-Managern durch externe Experten wird aus Kostengründen wieder in die interne Personalabteilung verlagert. Zudem fehlen Personalvermittlern traditionelle Ressourcen, da sich der Markt für aktive Kandidaten angesichts des Mangels an hochqualifizierten Fachkräften immer mehr einschränkt.

Einige Unternehmen in Russland ziehen es daher vor, die Kosten für die Personalsuche durch die Verwendung eines internen Stellenportals zu senken. So hat sich beispielsweise Rockwool, der weltweit größte Hersteller von Wärme- und Schalldämmstoffen, eine solche Ressource zugelegt. Jeder Mitarbeiter der Gruppe kann offene Stellen in Abteilungen auf der ganzen Welt einsehen und darauf reagieren. Dies eröffnet Mitarbeitern neue Möglichkeiten zur beruflichen Weiterentwicklung und spart dem Arbeitgeber bei der Prüfung von Kandidaten Zeit. Die Stellenangebote von Rockwool werden zwei Wochen nach ihrer Veröffentlichung auf dem internen Portal auch öffentlich zugänglich gemacht.

Marketing muss zielgenauer werden

Die Zersplitterung der Zielgruppen und ein immer geringeres Personalangebot zwingen auch bei der Kandidatenanwerbung zum Umdenken. „Da wir eine heterogene Zielgruppe potenzieller Bewerber haben – von Arbeitnehmern und Verwaltungsmitarbeitern auf verschiedenen Ebenen bis hin zu hochqualifizierten Wissenschaftlern – verfolgen wir für jedes Segment einen personalisierten Ansatz und wählen die am besten geeigneten Plattformen und Möglichkeiten zur Stellenvermittlung aus“, sagt Evgenia Fedosovskaya, stellvertretende Leiterin der Personalabteilung der ITMO Universität in St. Petersburg. So wird der Einsatz digitaler Marketinginstrumente immer wichtiger bei der Personalbeschaffung. „Zum Beispiel kann dies für russischsprachige Bewerber die Veröffentlichung einer Anzeige durch unsere ITMO.JOB-Gruppe auf VKontakte und Profilkanälen auf Telegram sein. Facebook und LinkedIn sind in der Regel effektiver, um ausländische Lehrer und Forscher zu finden.“

Alexander Glazkov, Vizepräsident für Personal- und Unternehmensmarketing der Firma BIOCAD, rät ausländischen Unternehmen in Russland zugleich, bei der Wahl von externen Personalagenturen sorgfältig vorzugehen. Sie sollten sich für eine erfolgreiche Suche nach Spezialisten in einem bestimmten Marktsegment nur an renommierte Unternehmen mit nachgewiesener Erfahrung wenden, weil nur solche Unternehmen dem Kunden eine detaillierte und professionelle Arbeitsmarktanalyse liefern könnten. Die Kosten für entsprechende Dienstleistungen würden zwar höher ausfallen als bei der Zusammenarbeit mit Agenturen mit „breitem Profil“, jedoch ist hier die Garantie für Qualität und damit die Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Einstellung eher gegeben.

Uni als HR-Qualitätsmerkmal

Das Problem ist nicht ganz neu: Ausländische Firmen, die in Russland eine Niederlassung in einer bestimmten Region eröffnen wollten, scheiterten mit ihren Plänen, weil sie keine geeigneten Mitarbeiter einstellen konnten. Lokale Kandidaten waren nicht ausreichend verfügbar, und es war zu teuer, Menschen aus anderen Städten zu rekrutieren. Das weiß auch die Leiterin der ITMO-Personalabteilung, Olga Serebryanaya. Nach ihrer Einschätzung gibt es in Russland viele „gefährdete“ Städte, in denen praktisch keine geeigneten Arbeitskräfte vorhanden sind. Sie rät ausländischen Unternehmen daher, „die Region, für die sie sich interessieren, hinsichtlich der demografischen Situation sowie der Verfügbarkeit und Qualität von Hochschuleinrichtungen zu analysieren“.

Für Pavel Lapo, Leiter der Abteilung für internationale Zusammenarbeit an der Sibirischen Föderalen Universität, sind passende Partneruniversitäten relativ leicht zu finden, gibt es doch in Russland knapp 700 staatliche und nichtstaatliche Hochschulen. Jedoch sollten Unternehmen beim Eintritt in den russischen Markt zwei praktische Faktoren bei der Auswahl berücksichtigen: „Erstens ist es angesichts der durchschnittlich niedrigen Fremdsprachenkenntnisse in Russland besser, Partner in Städten mit einer Bevölkerung von über einer Million Menschen auszuwählen. Zweitens sind regionale Universitäten wegen ihres Interesses an neuen Beziehungen eher gewillt, organisatorische Hemmnisse schneller zu beseitigen und für gute Konditionen und reibungslosen Kontakt zu sorgen.“

Die Nutzung sozialer Medien bei der Personalgewinnung ist also eine Seite. Auf der anderen Seite kann die Präsenz starker Universitäten in der Region als eine Art Garantie dafür angesehen werden, nicht nur junge und qualifizierte Fachkräfte zu begeistern, sondern diese in Zusammenarbeit mit der Universität mit Blick auf eigene spezifische Anforderungen vorzubereiten und weiterzubilden. Denn einer Studie der Russischen Akademie der Wissenschaften zufolge waren vor allem sinkende Löhne und fehlende Möglichkeiten zur beruflichen Weiterentwicklung ursächlich für die Abwanderung in den Westen.

            Ksenia Mironova

Dieser Beitrag ist in der aktuellen OstContact 9/10-2019 erschienen.