Strategische Industriepolitik: Keine Zukunft ohne Russland

Russland muss wieder zu einem strategischen Partner für die deutsche Wirtschaft werden. Das war der Tenor der Jahreskonferenz des Dortmunder Pumpenherstellers Wilo, die am Donnerstag in Moskau stattfand. Große Beachtung fand dabei die Eröffnungsrede von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Michael Harms (Vorsitzender der Geschäftsführung Ost-Ausschuss – Osteuropaverein), Tigran Sargsjan (Vorsitzender der Eurasischen Wirtschaftskommission), Ex-Kanzler Gerhard Schröder und Wilo-Vorstandsvorsitzender Oliver Hermes am Rande der Konferenz (v. l. n. r.). Foto: Ost-Ausschuss – Osteuropaverein (OAOEV)

Schröder erinnerte an die historisch gewachsenen Beziehungen zwischen beiden Ländern und rief die deutsche Regierung zu einem selbstbewussteren Auftreten auf. „Russland ist unser Nachbar, es liegt kein Atlantik zwischen uns. Das müssen wir unseren Freunden auf der anderen Seite des Atlantiks klar kommunizieren. Wir wollen gute Beziehungen zu unseren Nachbarn.“ Russland sei aus wirtschaftlicher Sicht eine wichtige Brücke nach Asien.

Um im Bereich der innovativen Industriepolitik konkurrenzfähig zu bleiben, sollten die Kräfte beider Länder vereint werden. „Deutsche Unternehmen und Investoren haben tiefe Wurzeln in Russland und können wichtige Partner bei der Modernisierung Russlands sein“, betonte Schröder. So könne man gemeinsam zu Weltmarktführern im Bereich Innovation aufsteigen. Der Ex-Kanzler zeigte sich zugleich überzeugt, dass auch Europa seine Bedeutung nicht ohne eine Zusammenarbeit mit Russland ausbauen könne.

Ferner lobte Schröder die jüngsten Initiativen des französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Zum ersten Mal seit 2014 habe wieder der französisch-russische Kooperationsrat getagt und es gebe an Moskau ein Angebot zum Dialog. Der Ex-Kanzler sprach die Hoffnung aus, dass auch die deutsche Regierung diesen Weg mitgehe, wofür er von den Konferenzteilnehmern langen Applaus erhielt. „Europa und Russland haben eine große Zukunft, man muss nur zu dem Pfad der Partnerschaft zurückkehren.“

Schröder erinnerte schließlich daran, dass Russland für Deutschland und Europa stets ein verlässlicher Partner im Bereich Energie gewesen sei. Er plädierte für ein Freihandelsabkommen und Visumfreiheit.  Eine Initiative, die solche Ziele im gemeinsamen Interesse umsetzte, sei wichtig, um Frieden und Stabilität in ganz Eurasien zu gewährleisten.

Freier Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok

Für einen einheitlichen Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok plädierte der frühere armenische Ministerpräsident und heutige Vorsitzende der Eurasischen Wirtschaftskommission, Tigran Sargsjan. „Die EAWU ist bereit für einen Dialog mit der EU. Seit zwei Jahren arbeiten wir auf technischer Ebene wieder mit der EU zusammen“, betonte er. Wichtig sei die Vereinheitlichung von Standards, unter anderem im Finanzbereich.

Unter den gut 150 Teilnehmern aus Wirtschaft und Politik waren neben dem Wilo-Vorstandsvorsitzenden Oliver Hermes die Präsidentin der russischen Zentralbank Elvira Nabiullina, Vertreter des russischen Handelsministeriums, der Russland-Chef des französischen Elektrotechnik-Konzerns Schneider Electric Johan Vanderplaetse und der Vorsitzende der Geschäftsführung des OAOEV, Michael Harms. Die Konferenz war in zwei Blöcke untergliedert: Im ersten Teil wurde die zentrale Rolle Russlands als wirtschaftliche und kulturelle Brücke zwischen Asien und Europa diskutiert. Im zweiten Teil lag der Fokus auf der richtigen Ausrichtung der Industriepolitik als Motor für Wirtschaftswachstum.

dk