Russische Zentralbank lockert Geldpolitik

Prof. Andrey Nechaev, Wirtschaftsminister a.D.

 

Russland senkt den Leitzins auf das niedrigste Niveau seit Mai 2014. Das wurde auf der Vorstandssitzung der russischen Zentralbank am 6. September beschlossen. Damit sinkt der Leitzins um 0,25 Prozentpunkte auf sieben Prozent. Zugleich unterscheidet sich die aktuelle Situation deutlich von der im Jahr 2014, als es schon einmal ein solch niedriges Niveau gab: Derzeit weist Russland niedrigere Inflationsraten auf (4,3 Prozent gegenüber 7,5 Prozent im Jahr 2014), die Wachstumsraten des BIP sind mit etwa einem Prozent vergleichsweise gering. Formal sind dadurch die Voraussetzungen für eine weitere Lockerung der Geldpolitik gegeben. 

Russland senkt den Leitzins auf das niedrigste Niveau seit Mai 2014.  Foto: iStock © tzahiV

Ausstrahlungseffekte der Weltwirtschaft

Die Weltwirtschaft befindet sich konjunkturell gesehen 2014 und 2019 in diametral entgegengesetzten Phasen. Zu Beginn des Jahres 2014 erwarteten die größten Zentralbanken der Welt eine Wachstumsbeschleunigung ihrer Volkswirtschaften. Im Jahr 2019 bereiten sich die Regulierungsbehörden hingegen auf eine Abschwächungsphase vor und senken die BIP-Wachstumsprognosen. Die Verlangsamung des globalen Wirtschaftswachstums geht in der Regel mit Kapitalabflüssen aus Schwellenländern und einem Rückgang der Ölpreise einher. Das veranlasst aktuell die russische Zentralbank zu schrittweisen Schutzmaßnahmen.

Die Position der Zentralbank

Die Aussichten der Weltwirtschaft trüben sich ein. Vor diesem Hintergrund wird in einer aktuellen Pressemitteilung der russischen Zentralbank auf „erhöhte Risiken einer deutlichen Abschwächung der Weltwirtschaft“ sowie die „reduzierte Auslandsnachfrage nach russischen Exportgütern“ hingewiesen. Infolgedessen wird die „Zweckmäßigkeit einer weiteren Zinssenkung“ betont. Den Märkten wird zugleich eine mögliche Änderung der Geldpolitik in naher Zukunft in Aussicht gestellt.

Prognosen der Zentralbank

Die russische Zentralbank hat ferner ihre Inflationsprognose bis Ende des Jahres 2019 leicht nach unten korrigiert – von bisher 4,2 bis 4,7 Prozent auf aktuell 4,0 bis 4,5 Prozent. Die Rubel-Abwertung mit entsprechenden inflationären Folgen zwingt die Bank, die Wahrscheinlichkeiten sowohl für eine Verlangsamung als auch für eine Beschleunigung der Inflation ungefähr gleich hoch einzuschätzen. Da es momentan aber keine Krisenanzeichen auf dem Finanzmarkt gibt, ist die Erreichung der angestrebten Inflationsrate von vier Prozent in naher Zukunft fast gesichert.

Die Zentralbank hat zudem ihre makroökonomische Prognose für den Zeitraum bis 2022 aktualisiert: Die Prognose der BIP-Wachstumsraten wurde für 2019 von 1,0 bis 1,5 Prozent auf 0,8 bis 1,3 Prozent gesenkt, für 2020 bis 2022 liegt sie bei 1,5 bis 2,0 Prozent. Die Zentralbank betonte, dass Strukturreformen notwendig seien, um höhere Wachstumsraten zu erzielen. Sie hat zudem nicht ausgeschlossen, dass die BIP-Dynamik im Jahr 2020 noch niedriger ausfallen könnte als die aktuelle Prognose, wenn außenwirtschaftliche Risiken eintreten oder es zu einer verlangsamten Dynamik der Haushaltskredite kommt. In der Prognose für 2020 bis 2022 wird das Wachstum der Haushaltskredite auf zehn bis 15 Prozent jährlich geschätzt.

Die aktuelle Zinssenkung durch die russische Zentralbank dürfte indes keine großen Auswirkungen auf den Markt haben, da sie vorhersehbar war und den Markterwartungen entsprach.