China schrumpft!? Bevölkerung im Jahr 2050

China und schrumpfen? Diese Vokabeln klingen für heutige Ohren äußerst ungewohnt. Seit beinahe 30 Jahren ist China mit dem Stichwort Wachstum verbunden, ob es nun um die Wirtschaft als Ganzes, die Schienenkilometer oder die Mobiltelefone geht. Wenn in China überhaupt etwas schrumpfte, dann war das allenfalls die Armut. Sicher, das ungehemmte Wachstum der Bevölkerung war durch die Ein-Kind-Politik deutlich eingebremst worden, aber schrumpfen?

Noch fällt im Stadtbild nicht auf, dass China ein massives Problem mit der Überalterung seiner Bevölkerung hat. Foto: Hanny Naibaho on Unsplash

Wenn es um Bevölkerung geht, ist China das Land der Rekorde. Es ist eine lang eingeübte Formel, dass China mit seinen für 2019 geschätzten 1,43 Milliarden Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der Welt ist und besonders den deutschen Beobachter durch die schiere Größe seiner Städte in Staunen versetzt. Nach dem Zensus von 2010 verzeichnete China 85 Millionenstädte, ganz zu schweigen von den Metropolregionen wie Shanghai, Peking und Chongqing mit jeweils deutlich über 20 Millionen Köpfen.

Aber: China wird diesen Rang verlieren. Wie der jüngste Bevölkerungsbericht der Vereinten Nationen prognostiziert, wird China den ersten Rang etwa im Jahr 2027 an Indien abgeben. Und insgesamt wird Ostasien, das lange Motor des Bevölkerungswachstums war, diese Position an das Afrika südlich der Sahara abgeben. Was ist der Hintergrund dieser Entwicklung und was bedeutet dies genauer für China?

Ein-Kind-Politik und deren Folgen

Blicken wir zunächst einmal zurück. Prognosen sind nur dann gut und belastbar, wenn sie auf einer guten Grundlage in der Gegenwart beruhen. Zur Zukunft gehört also ein Blick in die Vergangenheit. Die Entwicklung der chinesischen Bevölkerung ist und wird auch über die kommende Generation hinaus von der Ein-Kind-Politik geprägt werden. Sie wurde 1979 eingeführt und sollte das bis dahin ungebremste Bevölkerungswachstum abbremsen. Dieses Ziel ist erreicht worden, hat aber eine Reihe von sekundären Folgen gehabt.

Konkrete – und beabsichtigte – Folge war eine Dämpfung des Bevölkerungswachstums. Chinas Bevölkerung war von den frühen 1960er- bis in die frühen 1970er-Jahre mit über zwei Prozent gewachsen und lag immer über dem Wachstum der Weltbevölkerung insgesamt. Dieses Verhältnis änderte sich bereits ab 1975, als das Wachstum der Weltbevölkerung erstmals das Chinas übertraf. Seit den 1980er-Jahren schwächte sich das Wachstum Chinas weiter ab, sank 1998 erstmals unter ein Prozent und liegt inzwischen seit mehr als einem Jahrzehnt ziemlich konstant um 0,5 Prozent. Dem Bevölkerungsbericht der UN zufolge wird China zu den 55 Nationen gehören, deren Bevölkerung zwischen 2019 und 2050 schrumpfen wird. Der Verlust soll danach 31,4 Millionen betragen, circa 2,2 Prozent der Bevölkerung.

Der Rückgang der Bevölkerung war in den ersten Dekaden eine direkte Folge der Ein-Kind-Politik. Die rigorose Beschränkung reduzierte die Geburtenraten und drückte damit direkt das Bevölkerungswachstum. Der weitere Rückgang ein bis zwei Generationen danach ist eine indirekte Folge von Ein-Kind-Politik und wirtschaftlicher Prosperität: Die potenziellen Eltern werden schlicht und ergreifend weniger, und gleichzeitig folgt Chinas erfolgreiche Mittelschicht den Gewohnheiten westlicher Länder und bekommt ganz ohne staatliche Zwänge weniger und später Nachwuchs.

Seit mehreren Jahren wird die völlige Abschaffung der Geburtenbeschränkungen diskutiert, aber ob dieser Schritt noch eine Veränderung nach sich ziehen würde, steht zu bezweifeln.

China hat in bemerkenswerter Geschwindigkeit seine Alterspyramide verändert. Noch in den 1950er- und 1960er-Jahren hatte sie in China das idealtypische Aussehen einer Pyramide oder eines Tannenbaums: Auf einer breiten Basis von Kindern und Jugendlichen verringert sich die Masse der Bevölkerung bis ins Alter. Bei dem ersten modernen Zensus von 1982 sind dann bereits die ersten Erfolge der Ein-Kind-Politik zu beobachten, denn jetzt ging der Anteil der unter fünf Jahre alten Kindern gegenüber älteren Kindern und Jugendlichen deutlich zurück. Auch wenn sich die Zahlen in den folgenden Jahren leicht erholten, schiebt China bis heute die Folgen vor sich her – und sieht sich erheblichen Problemen bei der Altersversorgung gegenüber, wenn seine „Baby-Boomer“ in voller Zahl das Ruhestandsalter erreichen und dann von der geschrumpften Zahl der Ein-Kind-Politik-Generation versorgt werden müssen. Diese Welle rollt bereits, denn diese Gruppe ist heute zwischen 50 und 60 Jahre alt und damit auf dem Weg in den Ruhestand.

Nebenher – und ohne eine Folge der Ein-Kind-Politik zu sein – hat sich die Lebenserwartung der Chinesen deutlich nach oben entwickelt. Lag die durchschnittliche Lebenserwartung 1970 noch bei 59 Jahren, war sie eine Dekade später bereits auf über 66 Jahre gestiegen. Nach Zahlen von 2018 liegt sie inzwischen bei 76,4 Jahren, und ein weiterer Anstieg ist zu erwarten. Bessere Ernährung und medizinische Versorgung werden voraussichtlich dafür sorgen, dass diese Zahlen weiter ansteigen werden. Letztes Jahr meldete „Der Spiegel“, dass China laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstmals die USA bei der Erwartung gesunder Lebensjahre übertroffen habe: China schlug die USA 68,7 : 68,5. Zwar werden US-Amerikaner im Durchschnitt immer noch älter, haben aber weniger gesunde Lebenszeit zu erwarten – wofür Drogen, verbreitetes Übergewicht und das Gesundheitssystem verantwortlich gemacht werden.

Die Ein-Kind-Politik hat zudem für einen deutlichen Anstieg des Überhangs männlicher Nachkommen gesorgt. Männlicher Nachwuchs galt aus verschiedensten Gründen als wünschenswert, sei es aus traditioneller Sicht zur Fortsetzung der Ahnenreihe, sei es als Arbeitskraft und zur erhofften Versorgung der Eltern im Alter. Auch wenn sich diese Mentalität in vielerlei Hinsicht gewandelt hat, ist seit der Einführung der Ein-Kind-Politik ein deutlicher Anstieg des Überhangs von männlichen Geburten zu beobachten. Liegt die Rate von männlichen zu weiblichen Geburten üblicherweise bei circa 1,05, stieg sie in China zwischenzeitlich auf 1,2 an. Trotzdem die Ermittlung des Geschlechts des Fötus theoretisch nicht gestattet war, kam es praktisch zur Abtreibung zahlreicher weiblicher Föten. Dieses Verhalten führt zwar einerseits zum erhofften „Stammhalter“, hat aber gleichzeitig zur Folge, dass ein erheblicher Anteil junger Männer objektiv kaum Chancen hat, eine Partnerin zu finden und eine Familie zu gründen. Dem können auch jüngste Phänomene wie die Vermittlung von Heiratskandidatinnen aus den Philippinen oder Vietnam nicht nennenswert abhelfen.

Prognosen gehen von Schrumpfung aus

Verstärkt wird dieses Problem dadurch, dass die Entscheidung junger Paare für nur noch ein Kind inzwischen meist schon ohne staatliche Intervention erfolgt. China ist das größte unter den Ländern mit niedrigen Geburtenraten. Karriere und Berufstätigkeit sorgen oft schon allein dafür, dass Frauen immer später Kinder bekommen. Hinzu kommt, dass die chinesische Politik gegenüber Kindern und Familien noch immer im Sinne der Ein-Kind-Politik darauf abgestellt ist, das Kinderkriegen unattraktiv zu machen. Eltern haben keine Unterstützung zu erwarten, sondern müssen für ihren Nachwuchs mit erheblichen Kosten für Betreuung, Ausstattung und Ausbildung kalkulieren. Daran hat auch wenig geändert, dass die chinesische Regierung die Ein-Kind-Politik 2015 bereits deutlich gelockert hat und Familien zum zweiten Kind ermutigt. Seit mehreren Jahren wird die völlige Abschaffung der Geburtenbeschränkungen diskutiert, aber ob dieser Schritt noch eine Veränderung nach sich ziehen würde, steht zu bezweifeln.

Wie stark China bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts tatsächlich schrumpft, lässt sich nicht genau sagen. Die Bevölkerungsprognose der UN ist eher zurückhaltend, andere Vorhersagen sehen China bis 2050 bereits wieder bei deutlich unter 1,4 Milliarden und gehen davon aus, dass China 2100 wieder bei einer Bevölkerungszahl von einer Milliarde sein wird. Für China liegen die eigentlichen demografischen Herausforderungen aber woanders: Wie wird es China gelingen, mit den Verschiebungen der Alterspyramide umzugehen und auf der einen Seite eine wachsende Zahl immer älter werdender Seniorinnen und Senioren zu versorgen und auf der anderen Seite für genügenden gut ausgebildeten Nachwuchs zu sorgen, um seinen beeindruckenden wirtschaftlichen Erfolgsweg fortzusetzen?

Dr. Cord Eberspächer
ist Direktor des Konfuzius-Instituts an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
eberspaecher@konfuzius-duesseldorf.de | www.konfuzius-duesseldorf.de

Dieser Beitrag ist in ChinaContact 07/08-2019 erschienen.