Ein gutes Leben für die russische Schattenwirtschaft

Prof. Andrey Nechaev, Wirtschaftsminister a.D.



Wie das Föderale Statistikamt Rosstat berichtet, betrug das Volumen der nicht erfassten Wirtschaftstätigkeiten in Russland im Jahr 2017 umgerechnet über 160 Milliarden Euro.

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Die Zahlen könnten beruhigen: Laut Rosstat ist der Anteil der Schattenwirtschaft am BIP des Landes rückläufig. So sank dieser zwischen 2014 und 2017 von 13,8 auf 13 Prozent. Zum Vergleich: Deutschland liegt beim internationalen Vergleich mit 10,4 Prozent im Mittelfeld. Allerdings lohnt ein Blick auf die absoluten Zahlen: Im Vergleich zu vorangegangenen Jahren wächst der Bereich deutlich: Belief sich der Umfang der nicht registrierten Wirtschaftstätigkeiten im Jahr 2014 auf rund 150 Milliarden Euro, so stieg er im Jahr 2016 bereits auf rund 158 Milliarden Euro und liegt aktuell bei mehr als 160 Milliarden Euro.

Warum begeben sich Bürger und Unternehmen „in den Schatten“?
Die Größe des sogenannten Schattensektors in Russland ist in erster Linie eine Folge des geringen Vertrauens von Unternehmen und Bürgern in den Staat. Der Grund dafür ist der unzureichende Schutz des Privateigentums, die „instabile“ Gesetzeslage einschließlich der Steuergesetzgebung sowie die Fülle regulatorischer Anforderungen und Kontrollmaßnahmen. Hohe direkte und indirekte Steuersätze auf Löhne stellen wohl den Hauptanreiz für informelle Beschäftigung und inoffizielle Lohnzahlung dar.

Auch Erfahrungen, die auf Hungerperioden in der sowjetischen Vergangenheit zurückgehen, spielen eine gewisse Rolle. Viele Haushalte in ländlichen Gebieten und Kleinstädten sowie ein nicht unerheblicher Teil der städtischen Bevölkerung bauen landwirtschaftliche Erzeugnisse für den Eigenbedarf und teilweise für den privaten Verkauf an.

In welchen Sektoren blüht die Schattenwirtschaft?
Vor diesem Hintergrund machen die Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft einen großen Teil des Schattensektors aus, der knapp 40 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung in dieser Industrie oder 1,4 Prozent des BIP bedeutet.

Führend in Sachen Schattentätigkeit ist aber die Immobilienwirtschaft, wo nach Rosstat-Schätzungen rund 70 Prozent aller Wirtschaftsleistungen nicht offiziell erfasst werden. Auf den Immobiliensektor entfällt deshalb etwa die Hälfte der russischen Schattenwirtschaft.
Wenn es sich bei Arbeitgebern um private Haushalte handelt, sprich um Tätigkeiten wie Babysittern, Reinigung oder private Nachhilfe, sind beinahe 100 Prozent aller Aktivitäten inoffiziell und nicht erfasst.

Der Anteil des Schattensektors am Handel (rund zehn Prozent des BIP dieses Sektors) und am Bau (rund 16 Prozent des BIP dieses Sektors) ist ebenfalls hoch. Im Bausektor ist dieser Anteil mit dem vielfachen Einsatz illegaler Arbeitsmigranten verbunden. Ebenfalls weit verbreitet sind nicht offiziell erfasste Einzelhandelsaktivitäten wie Straßenverkäufe oder kleinere Autoreparaturen.

Laut Rosstat sind die Bereiche der Staatsverwaltung, des Militärs, der Wasserversorgung und der Abfallwirtschaft frei von informellen Aktivitäten.

Andrey Nechaev, Wirtschaftsminister a.D.