Katalysator aus Fernost

Fallen die Worte Duisburg und China, dann denken viele sofort an die Neue Seidenstraße und die Eisenbahnverkehre von China nach Europa und zurück. Davon abgesehen steht Duisburg auch sonst im engen Austausch mit China – und zwar „auf Augenhöhe“, betont Johannes Pflug, China-Beauftragter der Stadt Duisburg, im ChinaContact-Gespräch.

Johannes Pflug, Vorsitzender des China Business Network Duisburg und China-Beauftragter der Stadt Duisburg.

Herr Pflug, es scheint, dass bei Ihnen alle „China-Fäden“ zusammenlaufen – als Vorsitzender des China Business Network Duisburg und als China-Beauftragter der Stadt Duisburg haben Sie sicher den besten Überblick über alles, was Duisburg und China derzeit verbindet…

Also, alle Fäden laufen bestimmt nicht bei mir zusammen, aber es ist schon richtig: Als China-Beauftragter habe ich auch eine Koordinierungsfunktion, vor allem aber eine Informationssammel- und eine Informationsbündelungsfunktion. Ich versuche, über meine Verbindungen die richtigen Leute zu erreichen oder auch an passende Partner weiterzureichen.

Wie hat sich der bilaterale Austausch entwickelt?

Ich persönlich unterscheide immer drei China-Phasen der Stadt Duisburg in ihren Beziehungen zu chinesischen Städten. Als erste Phase bezeichne ich meist den Beginn der Städtepartnerschaft mit der Stadt Wuhan im Jahr 1982, die sich mittlerweile im 37. Jahr befindet. Es ist eine gute und aktive Städtepartnerschaft. Am Anfang war sie – ähnlich wie viele andere Städtepartnerschaften auch – auf den gegenseitigen Besuchen der Stadtverwaltungen von Duisburg und Wuhan, inklusive Wirtschaftsdelegationen begründet. Aber schon sehr bald dehnte sich der Austausch auf weitere Verwaltungseinheiten aus – Stadtbibliothek und Zoo folgten, später gab es Gespräche und Seminare zu Stadtplanung etc. Dem schloss sich der Austausch zwischen zivilgesellschaftlichen Organisationen an, Schulaustausch, Freundschaften zwischen den Universitäten, Treffen von Musikern und Orchestern…

„Die Chinesen haben eine Katalysatorfunktion.“

Die zweite Phase begann mit dem Eintreffen des ersten Zuges auf der Seidenstraße, der von Chongqing aus nach Duisburg kam. Der wurde am 28. März 2014 von Repräsentanten aus Politik und Wirtschaft empfangen. Mit dabei waren Hannelore Kraft, damals Ministerpräsidentin in NRW, der damalige Wirtschaftsminister Siegmar Gabriel, der Duisburger Oberbürgermeister Sören Link sowie Duisport-CEO Erich Staake. Von chinesischer Seite ließ es sich Staatspräsident Xi Jinping nicht nehmen, den ersten Zug in Duisburg persönlich willkommen zu heißen.

Damals war es ein Zug, in den darauffolgenden Wochen wurden es mehr. Heute werden mehr als 35 Züge pro Woche in beide Richtungen abgefertigt. Mit der Ausweitung der Transportverkehre wuchs natürlich auch der Duisport, also der Teil des Hafens, der vor allem für die Logistik steht. Mittlerweile gibt es dort über 6.000 Beschäftigte. Bezieht man alle Unternehmen ein, die mit dem Hafen in Verbindung stehen, dann profitieren über 40.000 Beschäftigte von dieser Entwicklung. Dazu eine kleine Anmerkung: Das ist natürlich nicht alles China-Geschäft, aber: Die Chinesen haben eine Katalysatorfunktion. Immer mehr Firmen haben realisiert, dass die Chinesen den Hafen mit ihren Zügen regelmäßig anlaufen. Das hat ihr Interesse geweckt, weil auch sie Geschäfte mit chinesischen Partnern machen oder im Hafen präsent sein wollen.

Und was zeichnet die dritte China-Phase aus?

Ich bezeichne diese dritte Phase immer als die Phase des „Spill-over aus dem Hafen heraus“. Seit geraumer Zeit interessieren sich immer mehr Firmen auch für Duisburg als Investitionsstandort. Natürlich ist die Stadt aufgrund ihrer sehr guten Infrastruktur prädestiniert als Partner – nicht nur für die Chinesen, auch für andere. Mittlerweile sind in Duisburg rund einhundert chinesische Firmen ansässig. Unsere China-Infrastruktur ist zwar nicht schlecht; um aber auch auf künftige Ansiedelungen chinesischer Unternehmen gut vorbereitet zu sein, arbeiten wir derzeit eine China-Strategie aus. Dabei geht es darum zu überlegen, was künftig an sozialem und wirtschaftlichem Umfeld vorhanden sein sollte, um als Standort für Investoren attraktiv zu bleiben.

„Unsere China-Infrastruktur ist zwar nicht schlecht; um aber auch auf künftige Ansiedelungen chinesischer Unternehmen gut vorbereitet zu sein, arbeiten wir derzeit eine China-Strategie aus.“

Wer hat denn bereits investiert?

Nennen möchte ich hier die NGC – das ist die Kurzform für Nanjing High Accurate Drive Equipment Manufacturing Group Co., Ltd. Das Unternehmen hat sich mit seiner Europazentrale hier niedergelassen. Das Mutterunternehmen ist ein Spezialist für Getriebe- und Antriebstechnik und stellt Hochleistungsgetriebe für Windkraftanlagen und für Industrieanwendungen her. Bei uns wird zwar nicht produziert, aber es werden Aufträge akquiriert und Reparaturaufträge weitervermittelt. Da ist viel technologisches Know-how vorhanden. Nach mehreren Expansionsrunden dürfte NGC hier mittlerweile über 100 Mitarbeiter beschäftigen. Ein weiteres Beispiel ist die chinesische Hotelkette Plateno Group. Sie will am Standort Duisburg-Innenhafen ein Hotel betreiben. Baustart war im Sommer 2018, Ende 2019 soll die Eröffnung stattfinden. Das sind aber nur zwei Beispiele.

Unser Oberbürgermeister sagt immer, wir sind die „China-Stadt“. Zwar können unsere Ansiedlungen zahlenmäßig nicht mit denen in Hamburg oder an anderen deutschen Standorten mithalten, aber von der Dynamik her liegen wir seit der Ankunft des ersten China-Zuges weit vorn.

Was tut Duisburg aktuell für neue Ansiedelungen?

Seit mehr als zwei Jahren plant Duisburg, sozusagen als Gastgeber, gemeinsam mit verschiedenen Partnern – auch aus China – das sogenannte China Trade Center Europe, kurz CTCE. Entstehen soll ein großer Komplex mit verschiedenen Einrichtungen, darunter ein Hotel und ein Konferenzzentrum, aber auch Wohnungen, Einkaufsmöglichkeiten und Freizeiteinrichtungen. Nach Fertigstellung dient das CTCE chinesischen, aber auch anderen Firmen als Bleibe, die insbesondere in Westeuropa tätig werden und sich hier niederlassen wollen. Denn Duisburg hat ja eine vergleichsweise günstige geografische Lage: Innerhalb kürzester Zeit sind Sie in den Niederlanden oder in Frankreich. Insofern hat die Stadt für chinesische und andere Transport- und Logistikdienstleister auch den Charakter eines Tors nach Westeuropa. Wird das Projekt wie geplant realisiert, dann sprechen wir von einer Gesamtinvestition von 200 Millionen Euro oder mehr. Passende Flächen sind ausgewiesen. Nun müssen die Projektentwickler entscheiden, ob sie die vorbereiteten Areale mit zwei Flächen von jeweils 60.000 Quadratmetern nutzen wollen.

Wie entstand die Idee für das „China Business Network“?

Bevor ich im Frühjahr 2016 offiziell China-Beauftragter der Stadt Duisburg wurde, war ich Mitglied des Deutschen Bundestages und dort unter anderem Vorsitzender der Deutsch-Chinesischen Parlamentariergruppe. Aus eigenem Entschluss habe ich 2013 aufgehört – damals war ich 67 Jahre alt. Unser Oberbürgermeister Sören Link, der als einer der ersten das Potenzial Chinas für Duisburg begriffen hatte, fand mich zu jung für den Ruhestand, und da ich auch noch in den unterschiedlichsten Gremien mit China-Bezug tätig war, schlug er vor, dass ich die Stadt Duisburg doch gut in Richtung China beraten und vertreten könnte. Aus meiner politischen Erfahrung heraus wusste ich, dass wir dafür eine Art Verein gründen müssten. Dann habe ich zu ersten Gesprächen eingeladen und fand große Unterstützung bei der Duisburger Rechtsanwaltskanzlei PKF. Zusammen mit dem Leiter des China-Desks dieser Kanzlei haben wir überlegt, wer gut in dieses Konzept passen könnte, und beschlossen, ein Netzwerk zu gründen. Von der Idee bis zur Umsetzung haben wir etwa in halbes Jahr gebraucht.

„Wir gucken, dass alles weiterhin […] auch auf Augenhöhe bleibt.“

Und wie engmaschig ist dieses Netz geknüpft?

Im Gegensatz zu anderen Netzwerken, die eher kulturell ausgerichtet sind, sind wir eindeutig wirtschaftsorientiert. Konzipiert ist das Netzwerk als Zusammenschluss von Privatunternehmen, städtischen Firmen, Organisationen aus der Zivilgesellschaft wie Schulen oder das Konfuzius-Institut. Mit dabei sind die Wirtschaftsförderung, die Industrie- und Handelskammer Duisburg, und auch die Handwerkskammer hat jetzt Interesse bekundet. Neben Unternehmen sind aber auch natürliche Personen Teil des Netzwerks.

Wie bringt sich das Netzwerk ins China-Geschäft ein?

Das China Business Network Duisburg wird zu nahezu allen China-Veranstaltungen in Duisburg eingeladen. Allein 2018 besuchten 60 Delegationen aus China die Stadt, da waren wir immer mit dabei. Wenn unsere Mitglieder bilaterale Kontakte pflegen, werden andere Mitglieder dazu eingeladen, und wir selbst richten natürlich auch Veranstaltungen aus. So wird die Kommunikation untereinander gewährleistet, Kontakte werden vermittelt und gepflegt.

Duisburg ist in China sehr bekannt und wird dort häufig als das „Ende der Seidenstraße“ bezeichnet – obwohl wir das natürlich nicht sind. Deshalb werden wir häufig nach China eingeladen, um dort an Veranstaltungen teilzunehmen oder über Duisburgs Möglichkeiten im bilateralen Austausch zu informieren. Außerdem ist das Netzwerk aktiv in die Planung der China-Reisen des Oberbürgermeisters eingebunden. Natürlich werden dabei auch die Interessen unserer Mitglieder berücksichtigt. Gleichzeitig bringen wir unsere Kontakte in China mit ein. Diese offiziellen Reisen finden einmal jährlich statt. In diesem Jahr geht es von Ende Oktober bis Anfang November nach Peking, Hangzhou und Shenzhen.

Wo sehen Sie Herausforderungen im China-Geschäft, denen sich auch Duisburg stellen muss?

Natürlich gibt es eine ganze Reihe von Herausforderungen. Als jahrelanger Außen- und Sicherheitspolitiker sage ich aber stets sehr deutlich, dass wir die kommunale Ebene nicht mit der europäischen oder mit der deutschen vermengen sollten. Meine persönliche Meinung ist seit Jahren, dass die Europäer eine gemeinsame Antwort auf die chinesische Seidenstraßen-Politik finden müssen. Das heißt, die Europäer brauchen einen gemeinsamen Standpunkt, um mit den Chinesen zu kooperieren. Man hätte schon früher eine Konnektivitätsplattform haben müssen, um gemeinsam zu entscheiden, wo welcher Knotenpunkt entstehen soll. Und das hätte dann auch gemeinsam finanziert werden müssen. Das ist aber leider so nicht geschehen. Stattdessen wurde viel über 16+1 gejammert. Ich erinnere auch an den slowenischen Hafen Koper, der lange keinen Partner gefunden hat, sondern erst als die Chinesen kamen.

Ich denke, dass es keinen Grund gibt, mit dem Finger auf die Chinesen zu zeigen, solange wir als Europäer keinen gemeinsamen Standpunkt haben und uns nicht einig sind, wie wir agieren wollen, wenn es um Engagements in sogenannten sicherheitsrelevanten und strategisch wichtigen Bereichen geht. Die sollten schon unter europäischer Kontrolle bleiben.

Aber das ist die europäische Ebene, nicht die kommunale. Wir als Stadt, die schon seit einigen Jahren mit Chinesen im Geschäft ist, können die europäischen Probleme nicht lösen.

Was ist für Sie wichtig in der Zusammenarbeit mit chinesischen Unternehmen?

Vor einigen Jahren haben die Duisburger Stadtwerke eine Kooperation mit Huawei im Bereich Smart City begonnen. Dabei haben wir das Unternehmen als einen sehr fairen und sehr guten Partner kennengelernt. Huawei wird ja derzeit stark kritisiert. Aber man sollte auch schauen, wer kritisiert und warum. Da geht es eindeutig um Konkurrenz.

Im Umgang mit chinesischen Unternehmen achten wir darauf, dass wir uns auf Augenhöhe begegnen. Wir achten zudem darauf, dass wir uns nicht verschulden. Unser Hafen hat keine chinesischen Teilhaber. Zwei Drittel befinden sich im Landesbesitz, ein Drittel der Anteile hält die Stadt. Wir gucken, dass alles weiterhin möglichst unter unserer Kontrolle und – wie schon gesagt – auch „auf Augenhöhe“ bleibt. Das sind die Herausforderungen, die wir hier auf kommunaler Ebene bisher relativ gut lösen. Die großen Probleme im Umgang mit China – wie freier Marktzugang für ausländische Unternehmen etc. – können wir hier von Duisburg aus nicht lösen. Und wir wollen uns auch nicht in einen Wirtschaftskrieg hineinziehen lassen.

Mit Johannes Pflug sprach Petra Reichardt.

Dieser Beitrag ist in der aktuellen ChinaContact 7/8-2019 erschienen.