Weltwirtschaftskrise ante portas?

Prof. Andrey Nechaev, Wirtschaftsminister a.D.

Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass sich die Weltwirtschaft an der Schwelle zu einer Rezession befindet. Auch die russische Wirtschaft hat 2019 bereits eine deutliche Abschwächung erlebt: In den ersten fünf Monaten des Jahres  betrug die Wachstumsrate des BIP lediglich 0,7 Prozent. Die Regierung versucht, das BIP-Wachstum mithilfe nationaler Entwicklungsprojekte „anzuheizen“. Dazu werden auch Investitionen durch den staatlichen Wohlstandsfonds diskutiert, um einen solchen Zyklus zumindest zu dämpfen.

Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass sich die Weltwirtschaft an der Schwelle zu einer Rezession befindet. Foto: Photo by Vlad Busuioc on Unsplash

Die zyklische Marktentwicklung ist ein bekanntes Phänomen. In der Wirtschaftslehre existieren dazu diverse Theorien von renommierten Ökonomen wie Forrester, Kondratiev, Kuznets, Juglar oder Kitchin. Den aktuellsten Zyklus stellt der mittelfristige Investitionszyklus dar. Dieser basiert auf der Dynamik von BIP, Investitionen, Inflation und Beschäftigung. Die Dauer eines Turnus beträgt etwa sieben bis zwölf Jahre. Laut Theorie endet jeder Zyklus in einer Wirtschaftskrise. Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass wir uns gerade an einer solchen Schwelle befinden.

Besonders die Entwicklung der Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg lässt ein klares Muster erkennen: Der Wirtschaftskrise von 1957, 1958 und 1973 folgte der Börsenkrach von 1987 (Schwarzer Montag). Rund zehn Jahre später waren es im Jahr 1997 die Asienkrise, der Zusammenbruch der Wirtschaft in Russland und die Stagnation in den Industrieländern 1998 sowie die globale Finanzkrise 2008 und 2009. Der Dynamik dieser Ereignisse nach ist 2020 oder 2021 mit der nächsten Krise zu rechnen. Die Anzeichen dafür sind sowohl in verschiedenen Regionen der Welt als auch in verschiedenen Wirtschaftszweigen immer deutlicher zu spüren.

Anzeichen für eine bevorstehende Krise

  1. Allgemeiner Rückgang der Wachstumsraten. Die Abschwächung zeigt sich sowohl in der russischen, der chinesischen oder der deutschen Wirtschaft als auch in der Weltwirtschaft insgesamt.
  2. Zugleich nimmt Umfragen zufolge weltweit das Vertrauen in einen weiteren Aufschwung des Wirtschaftswachstums ab. In der Praxis zeigt sich dies in einem Rückgang der Aufträge für Investitionsgüter und generell in der Zahl neuer Investitionsprojekte. Auch in den Privathaushalten ist die Nachfrage nach  langlebigen Gebrauchsgütern zurückgegangen.
  3. In den meisten Ländern beginnen die Aktienkurse zu fallen, was in der Regel der Vorbote einer Krise im „realen Wirtschaftssektor“ ist. Eine unnatürliche Differenz zwischen lang- und kurzfristigen US-Staatsanleihen ist dabei charakteristisch: Die Rendite für kurze Anleihen beginnt die Rendite für lange Anleihen zu übersteigen, was der herkömmlichen Praxis widerspricht.

Diese Indikatoren legen die Vermutung nahe, dass die nächste Krise nicht mehr lange auf sich warten lässt.

Erschwerende Begleitumstände

Die Weltwirtschaft steht vor erschwerten Begleitumständen, die mit den Eigenarten der Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre zusammenhängen. Dazu zählt erstens die Belastung durch Rückzahlung von Schulden. Zu einem großen Teil handelt es sich hierbei um Probleme, die dadurch entstanden sind, dass die Krise von 2008 einfach mit Geld „überflutet“ wurde. Die Schwere des Problems ist von Land zu Land unterschiedlich, früher oder später müssen aber diese Schulden beglichen werden. Versuche, die Wirtschaft durch eine weiche Geldpolitik „anzuheizen“, vertagen die Rückzahlungen lediglich, machen sie potenziell jedoch schwieriger. Zweitens besteht ein immenses Ungleichgewicht im internationalen Handel, in dem die USA die Führungsposition innehaben. Die Versuche der Trump-Administration, die Wettbewerbsbedingungen durch administrative Maßnahmen zu verbessern, führen möglicherweise zu einem Handelskrieg, in dem es keinen Gewinner geben kann.

Russlands Wirtschaft mittendrin

Russland ist tief in die Weltwirtschaft integriert, weshalb die allgemeine Krise zweifellos nicht vor der russischen Wirtschaft haltmachen wird. Auch 2008 wurden die Illusionen der russischen Regierungsökonomen, wonach Russland in der schlimmsten Finanzkrise der Welt eine „Insel der Stabilität“ bleiben könnte, schnell zerstört. Vielmehr fiel der Rückgang der wichtigsten makroökonomischen Indikatoren stärker aus als in den europäischen Ländern.

Niemand kann mit Sicherheit vorhersagen, wann die Krise der Weltwirtschaft einsetzen und was genau ihr Auslöser sein wird. Es ist jedoch offensichtlich, dass die zunehmende globale Vernetzung die Ausbreitung von Krisenwellen beschleunigt. Inwieweit die aktuellen Maßnahmen der russischen Regierung eine drohende Rezession für Russland abmildern können, werden wir bereits 2020 wissen.



 

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