Neue US-Sanktionen: Eine Gefahr für Russland?

Ex-Wirtschaftsminister Prof. Andrey Nechaev

 

 

Am 26. August treten neue US-Sanktionen gegen Russland in Kraft. Die Märkte reagieren darauf äußerst sensibel.

 

 

Am 26. August treten neue US-Sanktionen gegen Russland in Kraft. Foto: Official White House Photo by Shealah Craighead

Aktien- und Devisenmärkte reagieren recht sensibel und manchmal sogar überempfindlich auf Bedrohungen. Mit Blick auf die neuen Sanktionen verlor die russische Währung gegenüber dem US-Dollar etwa 1,5 Rubel an Wert und auch der Aktienindex RTS sank von 1.360 auf 1.290 Punkte. Es stellt sich deshalb die Frage, wie gefährlich die neuen Sanktionen tatsächlich sind?

Natürlich sind Sanktionen grundsätzlich immer ernst zu nehmen. Ihre neuerliche Verhängung ist ein weiteres Signal an die internationale Geschäftswelt, dass Wirtschaftsbeziehungen mit Russland risikoreich sind. Bei genauerer Betrachtung kommt bei den neuen Sanktionen jedoch der stark „symbolische“ Charakter zum Vorschein.

Kurz gesagt lassen sich die Sanktionen folgendermaßen zusammenfassen:

  1. Die USA erschweren die Kreditvergabe und anderweitige Unterstützung für Russland seitens der internationalen Organisationen (Internationaler Währungsfonds und Weltbank).
  2. US-amerikanischen Finanzinstituten wird verboten, bei der Erstplatzierung russische Staatsanleihen in Fremdwährung zu kaufen.
  3. Verschärfungen der Regeln für den Bezug US-amerikanischer Waren und Technologien.

Aber was heißt das? Diese erste Maßnahme zu Beschränkung der Kreditvergabe ist nutzlos, da Russland seit vielen Jahren keine Mittel vom Internationalen Währungsfonds erhalten hat und sich das Gesamtvolumen aller Projekte mit der Weltbank auf lediglich 500 Millionen US-Dollar beläuft.

Die zweite Maßnahme bedeutet, dass Rubel-Schuldverschreibungen durchaus gekauft werden können, unter anderem auf dem Sekundärmarkt. Das wichtigste dabei ist, dass aus den Sanktionsbedingungen keinesfalls hervorgeht, dass amerikanische Inhaber von russischen Anleihen diese sofort verkaufen müssen. Damit droht dem Staatsanleihenmarkt kein Zusammenbruch.

Unterm Strich wird Russland höchstwahrscheinlich nicht die Möglichkeit haben, neue Anleihen in US-Dollar zu platzieren. Doch auch das ist nicht wirklich kritisch. Erstens besitzt Russland einen Haushaltsüberschuss. Demzufolge ist das Finanzministerium nicht abhängig von neuen Krediten. Zweitens ist es nach wie vor möglich, Schuldverschreibungen in Euro und anderen Währungen zu platzieren, was vom Markt sogar positiv angenommen werden könnte. Zudem besteht die Möglichkeit der Kreditaufnahme auf dem Inlandsmarkt. Drittens weist Russland beim derzeitigen Ölpreis hohe Deviseneinnahmen aus Exporten und einen erheblichen Handelsüberschuss auf – das heißt, Russland droht kein Devisendefizit. Und auch die Auslandsverschuldung Russlands ist im Vergleich zu den Devisenreserven unbedeutend.

Allerdings trifft es durchaus zu, dass Sanktionen den Kapitalabfluss aus Russland fördern können. Hier geht es allerdings in erster Linie nicht um Sanktionen, sondern um den Schutz des Eigentums in Russland. Unangenehm wirken sich die Sanktionen auf die russische Zentralbank aus. Dies kann unter anderem zu Problemen bei Repo-Transaktionen (Rückkaufvereinbarungen) führen. Allerdings ist davon auszugehen, dass die Experten der Zentralbank hier alternative Wege finden werden.

Wirklich kritisch ist die dritte Maßnahme. Diese Sanktionsklausel, die sich auf Waren und Technologien mit Herkunft aus den USA bezieht, könnte unangenehme Folgen mit sich bringen. Langfristige Auswirkungen sind hier kaum abzuschätzen.

Ausschlaggebend ist, dass das neue Sanktionspaket keine staatliche Körperschaft oder die Staatsbank betrifft. Es bestand die Befürchtung, dass einer großen staatlichen Bank oder gar allen staatlichen Banken die Nutzung von Korrespondenzkonten in US-Dollar untersagt werde. Das wäre tatsächlich sehr gefährlich für den Außenhandel. Diese Befürchtungen haben sich allerdings nicht bewahrheitet.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Trump-Administration auch dieses Mal Sanktionen verhängt hat, die für die russische Wirtschaft insgesamt nicht wirklich bedrohlich sind.

 



 

 

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