Wachsende Armut bedroht Russland

Ex-Wirtschaftsminister Prof. Andrey Nechaev

 

 

 

Laut Statistikamt Rosstat ist die Armut in Russland im ersten Quartal 2019 deutlich gestiegen.

 

Laut Statistikamt Rosstat ist die Armut in Russland im ersten Quartal 2019 deutlich gestiegen. Foto: Marina Khrapova on Unsplash

Die Zahl der Armen in Russland legt zu: Ende März lebten rund 21 Millionen Menschen und damit rund 14,3 Prozent der Bevölkerung unterhalb der offiziellen Armutsgrenze. Diese liegt offiziellen Angaben zufolge bei umgerechnet 160 Euro im Monat für Erwerbstätige, 140 Euro für Kinder und 120 Euro für Rentner. Damit ist die Zahl der Armen in Russland fast so hoch wie vor 13 Jahren, als 21,6 Millionen Menschen als arm registriert waren.

Gegenüber den Vorjahreszahlen waren im März 2,5 Millionen Menschen mehr von Armut betroffen und die Quote stieg damit von 12,6 Prozent auf 14,3 Prozent. Allerdings ist festzuhalten, dass die Quartalszahlen saisonalen Schwankungen unterliegen. So senken jährliche Bonuszahlungen im Dezember regelmäßig die Armutsquote zumindest vorübergehend. Aber selbst im Vergleich zum ersten Quartal 2018 ist die Zahl der Armen um eine halbe Million Menschen angewachsen.

Armut steigt mit höheren Lebenshaltungskosten

Laut Rosstat ist der Anstieg der Armuts-Zahlen auf die Erhöhung der durchschnittlichen Lebenshaltungskosten in Russland zurückzuführen. Diese sind von umgerechnet 145 Euro monatlich auf 155 Euro gestiegen, was einen Zuwachs von etwa sieben Prozent bedeutet. Gleichzeitig betrug die offizielle Inflationsrate rund fünf Prozent. Wären die Lebenshaltungskosten analog zur Inflationsrate gewachsen, wie es früher stets der Fall war, wäre die Zahl der Armen unverändert geblieben, betont das Statistikamt.

Große Kluft zwischen Arm und Reich

Neben der zunehmenden Zahl armer Menschen ist zugleich eine wachsende Kluft bei den Löhnen zu verzeichnen. Dies zeigt sich insbesondere am Verhältnis der offiziellen Durchschnittslöhne zu den am häufigsten gezahlten Löhnen (modaler Lohn), die ebenfalls kürzlich von Rosstat veröffentlicht wurden. Dieser modale Lohn liegt bei 335 Euro, während sich der offizielle Durchschnittslohn auf rund 680 Euro beläuft.

Was heißt das? Diese Zahlen deuten darauf hin, dass es die gutverdienenden Gruppen sind, die den Durchschnittslohn nach oben verschieben. Zu diesen Gruppen gehören unter anderem Beamte, Mitarbeiter von Staatsunternehmen sowie von Macht- und Sicherheitsbehörden (ab der mittleren Führungsebene). Wenn man einen monatlichen Bruttolohn von 335 Euro zugrunde legt, bedeutet das ein Leben in Armut, obwohl diese Summe formell über der Armutsgrenze liegt.

Unrealistische Pläne der Regierung?

Die russische Regierung hat das Problem erkannt und will gegensteuern. Im Mai unterzeichnete der russischen Premierminister Dmitrij Medwedew einen Plan zur Erreichung der nationalen Entwicklungsziele, im Zuge dessen die Armutsquote in Russland bis Ende 2019 auf zwölf Prozent gesenkt werden soll. Bis 2022 soll sie jährlich um weitere 0,9 Prozentpunkte sinken. Die Zahlen des ersten Quartals 2019 lassen – zumindest in diesem Jahr – Zweifel an der Erreichbarkeit dieser Ziele aufkommen.

Das Hauptproblem sind jedoch nicht die vorgegebenen Ziele der Regierung. Vielmehr belastet die steigende Armut die Konsumnachfrage als wichtigen Wachstumstreiber. Das Land gerät so in einen Teufelskreis: Die ärmere Bevölkerung bremst das Wirtschaftswachstum, was Grundlage für eine Verbesserung des Wohlstands im Allgemeinen wäre. Damit werden steigende Armutsraten eine ernsthafte Belastung für die Gesellschaft, die katastrophale Auswirkungen haben können.