Russlands Wirtschaftswachstum schwächelt

Ex-Wirtschaftsminister Prof. Andrey Nechaev

 

Dieses Jahr wird voraussichtlich für die russische Wirtschaft nicht so gut laufen. Es wachsen die Zweifel, dass Staatsausgaben das Wirtschaftswachstum noch ankurbeln können.

 

 

Dieses Jahr wird voraussichtlich für die russische Wirtschaft nicht so gut laufen. Foto: Ann Fossa on Unsplash

Am Dienstag, 23. Juli, hat der Internationale Währungsfond (IWF) seine Prognose für das Wachstum der russischen Wirtschaft im Jahr 2019 auf 1,2 Prozent nach unten korrigiert. Dies ist bereits die vierte Anpassung innerhalb eines Jahres. Anfang 2019 war der IWF noch von einem Wachstum in Höhe von 1,8 Prozent ausgegangen.

Internationale Organisationen senken Prognosen

Seit Sommerbeginn ist der IWF bereits die sechste Institution, deren Analysten ihre ursprüngliche Prognose zur BIP-Entwicklung nach unten korrigieren mussten. Auch die Weltbank geht nur noch von einem Wachstum in Höhe von 1,2 Prozent aus. Die russische Zentralbank nennt 1,5 Prozent als Maximum.

Die Analysten von Fitch und S&P haben gleichfalls ihre Prognosen von 1,5 Prozent auf 1,2 Prozent bzw. 1,3 Prozent gesenkt. Gleichzeitig hat Russlands Nationale Ratingagentur ACRA, die 2015 als Gegengewicht zu den drei großen internationalen Ratingagenturen von 27 russischen Großbanken gegründet wurde, eine Einschätzung abgegeben. Erstmals hat ACRA die Standarderwartungen für das Wirtschaftswachstum auf unter ein Prozent gesenkt. Als Worst-Case-Szenario sei im Jahr 2020 sogar eine Rezession möglich, hieß es.

Auch offizielle Stimmen aus Moskau schätzen das BIP-Wachstum auf knapp über ein Prozent ein. Dabei sieht die Realität sogar noch schlimmer aus: Laut Statistikamt Rosstat wuchs das russische BIP im ersten Quartal 2019 lediglich um 0,5 Prozent und im zweiten Quartal um 0,8 Prozent.

Gründe für die Stagnation

Für das russische Wirtschaftsministerium und die Zentralbank liegen die Gründe für die lahmende Wirtschaft in der schwachen Inlandsnachfrage, einem anhaltenden Rückgang der Haushaltseinkommen sowie der Erhöhung der Mehrwertsteuer zu Jahresbeginn. Nach Einschätzung der Zentralbank war der einzige Wachstumstreiber der Wirtschaft im ersten Halbjahr die steigende Zahl der Verbraucherkredite.

Die Mehrheit der Analysten geht in einer von Bloomberg durchgeführten Umfrage davon aus, dass die Zentralbank zur Stärkung des Wachstums am Freitag das zweite Mal in Folge den Leitzins senken wird (von 7,5 auf 7,25 Prozent). Dieser Schritt wird durch die relativ geringe Inflation in Höhe von aktuell 4,7 Prozent und den starken Rubel ermöglicht.

Optimismus auf längere Sicht

Mittelfristig könnten sich nach Expertenmeinung jedoch die großen staatlichen Investitionen in nationale Projekte auszahlen . So hat unter anderem der IWF seine Prognose für das BIP-Wachstum im kommenden Jahr verbessert – von 1,7 Prozent auf 1,9 Prozent. Das Problem: die russische Regierung hat keine ernsthaften Alternativen anzubieten, mit denen das Wachstum generell beschleunigt werden könnte. Der Kreml scheint zu notwendigen institutionellen und strukturellen Reformen nicht bereit zu sein. Die hohen Erwartungen an diese Leuchtturm-Projekte könnten sich daher als übertrieben erweisen.