Interview: Regina von Flemming

Regina von Flemming gilt als Wirtschaftsexpertin und sitzt unter anderem im Aufsichtsrat des russischen Telekommunikationskonzerns MTS. Von ihr möchten wir wissen, ob und wo es lukrativ ist, heute in Russland zu investieren und wo die Chancen liegen.

Quelle: Regina von Flemming

Wenn ein deutsches Unternehmen im Ausland investieren will, warum sollte es dabei an Russland denken? Welche Branchen sind am attraktivsten für europäische Unternehmen?

Warum Russland? Weil in einigen Branchen noch Wachstum möglich ist und deutsches Know-how dringend benötigt wird. Als allererstes fällt mir die Abfallwirtschaft ein, die in Russland gerade ein Riesenthema darstellt Hinzu kommt alles, was mit dem Thema Digitalisierung zusammenhängt. Russland ist hier schon sehr weit, viel weiter als Deutschland. Aber auch in Bereichen wie Landwirtschaft und Forst besteht großes Potenzial. Hier befindet sich die Entwicklung noch am Anfang, und deutsche Unternehmen haben extrem gute Chancen, sich erfolgreich zu engagieren. Vielleicht nicht direkt als Investoren, sondern mit ihrem Know-how. Auch muss der Bereich Healthcare und alles, was sich um das Gesundheitswesen dreht, genannt werden.

Was muss beim Markteintritt in Russland unbedingt beachtet werden?

Wie immer ist eine gute Partnerwahl entscheidend. Man sollte sich nicht auf politische Netzwerke verlassen und Dinge unterlassen, die man in Deutschland auch nicht tun würde. Wenn man sich innerhalb des vorgegebenen Rechtsrahmens bewegt, ist man auch nicht erpressbar. Als Unternehmen sollte man zudem Wert auf Compliance und Good Governance legen und gesunden Menschenverstand einsetzen.

Wie sehen Sie generell die Entwicklung der russischen Wirtschaft?

Was mir Sorgen macht, ist der Rechtsrahmen, der  im Moment nicht ganz so stabil und nachhaltig ist, wie er es eigentlich sein sollte. Ein Beispiel ist die Steuerrechtsprechung. Hier wird um jede Kopeke gekämpft. Was mir wiederum gut gefällt, sind die zahlreichen Initiativen aus den russischen Regionen. Viele Gouverneure haben sehr gut verstanden, wie sie ihren Standort aufstellen müssen und bieten Investoren Steuer- und Sozialabgabenerleichterungen an. Einige Regionen stechen hier wirklich sehr positiv hervor. Grundsätzlich kann ich jedem potenziellen Investor den Rat geben, sich nicht von der Berichterstattung in den Medien abschrecken zu lassen. Man sollte die Erfahrung selbst machen, sich die Dinge selbst anschauen, selbst mit Menschen sprechen.

Infokasten: Digitalisierung in Russland

Die russische Regierung hat die Digitalisierung der Wirtschaft zur Priorität ihrer Politik erklärt. Bis 2024 will sie den Wirtschaftszweig mit bis zu 1,5 Milliarden Euro fördern. Der Anteil der Digitalwirtschaft am BIP wird auf rund fünf Prozent geschätzt. Trotz der ambitionierten Pläne rangiert Russland im internationalen Vergleich nur im Mittelfeld. Im 2018er World Digital Competitiveness Ranking der Schweizer Wirtschaftshochschule IMD belegt das Land nur Platz 40 – noch hinter Kasachstan und den meisten osteuropäischen Staaten. Der IMD-Bericht kritisiert hohe Investitionsrisiken, fehlendes Risikokapital und den unzureichenden Schutz von geistigem Eigentum.