Wer trägt die Schuld an der wirtschaftlichen Stagnation?

Ex-Wirtschaftsminister Prof. Andrey Nechaev

Es gibt immer mehr Anzeichen dafür, dass die russische Wirtschaft erneut in eine Rezession gleitet. So fiel im Juni der Purchasing Managers Index (PMI) – der die wirtschaftliche Konjunktur bewertet –, nicht einfach nur stark ab, sondern rutschte zum ersten Mal seit 18 Monaten wieder unter die 50-Punkte-Marke. Ein Wert von 50 gilt als neutral, ein Wert von über 50 Punkten als steigend und ein Wert von unter 50 Punkten als rückläufig.

Es gibt immer mehr Anzeichen dafür, dass die russische Wirtschaft erneut in eine Rezession gleitet.  Foto: iStock © MediaProduction

Die starke Abschwächung des Wirtschaftswachstums wird auch durch weitere Indikatoren belegt: So verzeichnete der Güterverkehr bei der Eisenbahn im Juni einen starken Rückgang von 5,4 Prozent (1,5 Prozent über die letzten sechs Monate). Ein ähnliches Bild zeigte sich während der Stagnation 2012 und der Wirtschaftskrise 2008.

Die Verschlechterung der russischen Wirtschaft in der ersten Jahreshälfte zeigt sich auch bei offiziellen wirtschaftlichen Kennzahlen: Zwischen Januar und Mai 2019 wuchs die Wirtschaft schätzungsweise um lediglich 0,7 Prozent. Vergangenen Mittwoch meldete das Föderale Statistikamt Rosstat, dass die Produktion in den wichtigsten Wirtschaftszweigen im Mai um 0,3 Prozent zurückgegangen sei – zum ersten Mal seit Februar 2017.

Zentralbank und Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung streiten über Kredite

Vor dem Hintergrund der bevorstehenden Stagnation verschärfte sich in der vergangenen Woche der Streit zwischen der Zentralbank und dem Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung über die schnelle Zunahme von Verbraucherkrediten und der daraus resultierenden Gefahr für die Wirtschaft. Wirtschaftsminister Maksim Oreschkin hat öffentlich seine Zweifel an der ökonomischen Kompetenz der Zentralbank zum Ausdruck gebracht, die die Verbraucherkredite als einzigen Faktor für das BIP-Wachstum zu Beginn des Jahres genannt hatte. Nach seiner Meinung verdrängt der Anstieg der Verbraucherkredite aufgrund der eingeschränkten Gesamtnachfrage andere Kreditarten, einschließlich der Investitionskredite. Jedoch könnte die Beschränkung von Verbraucherkrediten die Gesamtnachfrage nach Krediten auf dem Markt verringern und Unternehmenskredite so attraktiver machen. Die Strategie des Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung besteht darin, durch eine Dämpfung der Nachfrage nach Verbraucherkrediten den Refinanzierungssatz zu senken und somit die Inflation zu begrenzen. Die Zentralbank will indirekt die Investitionskredite und damit das Wirtschaftswachstum unterstützen.

Zentralbank weist Vorwürfe zurück

Die Chefin der Zentralbank, Elwira Nabiullina, wies die Kritik entschieden zurück. Abgesehen von Minister Oreschkin, der behauptete, dass die Zentralbank die Blase der Verbraucherkredite übersehen habe, richtete sich ihre Antwort auch an die Befürworter einer durch Geldemissionen „beschleunigten“ Wirtschaft sowie an diejenigen, die der Zentralbank die Verantwortung für die Dynamik des Wirtschaftswachstum übertragen wollen. „Monetäre Maßnahmen werden die Situation nicht verbessern“, erklärte Nabiullina. Zugleich nannte sie Faktoren, die ihrer Meinung nach ein Wachstum der Wirtschaft behindern: „Unternehmen sehen für sich keine Perspektiven, die Einkommen der Bevölkerung steigen nicht und die Bürger haben nicht das Gefühl, dass die erreichte Stabilität zu mehr Lebensqualität führt.“

Zusätzlich sollte darauf hingewiesen werden, dass einem stärkeren Wirtschaftswachstum ein schlechtes Investitionsklima und mangelhafte Eigentumsrechte im Wege stehen. In diesem Punkt sind sich die Zentralbank, das Wirtschaftsministerium und unabhängige Experten einig. Um hier eine Verbesserung zu erzielen, müssen endlich konkrete Schritte unternommen werden.