Greater Bay Area: Hongkong bleibt ein „Muss“

Auf der diesjährigen ITB in Berlin haben sich Hongkong, Macau und die Provinz Guangdong erstmals gemeinsam präsentiert, um ihr Tourismuskonzept für die Greater Bay Area vorzustellen. Dazu sprach ChinaContact mit Anthony Lau, Executive Director des Hong Kong Tourism Board.

Mit Hochgeschwindigkeitszügen schrumpfen die Entfernungen innerhalb der Greater Bay Area. Foto: Hong Kong Tourism Board

Herr Lau, vor wenigen Wochen haben Sie in Berlin das neue Tourismuskonzept für die Greater Bay Area vorgestellt. Worum genau geht es dabei?

Zwei große Infrastrukturprojekte wurden kürzlich fertiggestellt – die Hongkong-Zhuhai-Macau-Brücke, kurz „HZMB“, und der auf Hongkonger Gebiet liegende Abschnitt der Schnellfahrstrecke Guangzhou–Shenzhen–Hongkong, besser bekannt unter der Bezeichnung Guangzhou-Shenzhen-Hong Kong Express Rail Link oder kurz „XRL“. Damit sind Hongkong, Macau und die Provinz Guangdong nun viel besser miteinander verbunden als früher. Das schafft gleichzeitig mehr Synergien bei der Erschließung touristischer Möglichkeiten in den drei Zielregionen, deren touristische Angebote sich gut ergänzen. Dies nutzen wir, um die „Guangdong – Hong Kong – Macao Greater Bay Area“ auch als Tourismusmarke zu etablieren und unter diesem Dach entsprechende touristische Produkte, die mehrere Destinationen einschließen, zu vermarkten, um so die touristische Entwicklung in der gesamten Region zu fördern.

Welche Chancen sehen die beteiligten Partner in der gemeinsamen Vermarktung?

Fernreisende nach Asien bevorzugen in der Regel Reisen, bei denen mehrere Ziele angesteuert werden. Den neuesten Statistiken zufolge unternehmen fast 80 Prozent der Übernachtungsgäste aus Europa, einschließlich Deutschland, sogenannte Mehrziel-Reisen. Mit den besseren Verbindungen, die die neue Infrastruktur bietet, wird es für Touristen aus Europa zunehmend attraktiver, den Besuch einzelner Destinationen zu bündeln und neben Hongkong nun auch Macau und Reiseziele in Guangdong in ihre Reisepläne aufzunehmen.

Alle beteiligten Partner können zudem die Plattform der neuen Tourismusmarke nutzen, um die vielfältigen touristischen Möglichkeiten an ihren Standorten vorzustellen und um gemeinsam mit ihren Partnern aus der Tourismusbranche überzeugende Reiseangebote auf den Markt zu bringen, die dazu beitragen, dass mehr ausländische Gäste die Greater Bay Area besuchen.

Welche Ziele wollen Sie dabei kurz- und mittelfristig erreichen?

Kurzfristig ist geplant, dass das Hong Kong Tourism Board die Initiative ergreift und mit dem Amt für Kultur und Tourismus der Provinz Guangdong sowie dem Tourismusamt der Regierung von Macau bei der Etablierung der Tourismusmarke Greater Bay Area zusammenarbeitet, um einerseits touristische Zielgruppen auf die neuen Möglichkeiten aufmerksam zu machen, und andererseits das Interesse von Reisever­anstaltern aus der ganzen Welt an der Marke Greater Bay Area zu wecken.

Längerfristig geht es dann darum, den touristischen Endkunden eine sehr viel größere Auswahl an Reiseangeboten in der Greater Bay Area zur Verfügung stellen. Um dies zu erreichen, wird das Hong Kong Tourism Board dafür entwickelte Angebote bei internationalen Reiseveranstaltern bewerben. Gleichzeitig haben wir damit begonnen, Gespräche mit lokalen Anbietern von Touren in Hongkong zu führen, um neue Ideen für Reiserouten zu entwickeln, damit sich abzeichnende Geschäftsmöglichkeiten genutzt werden können.

Wie definieren Sie Hongkongs Rolle innerhalb dieses Konzepts?

Mit der Inbetriebnahme der HZMB gibt es jetzt viel bessere Landverkehrsverbindungen zwischen Hongkong und den anderen Standorten innerhalb der Greater Bay Area. Damit können die touristischen Möglichkeiten in den drei Zielregionen gemeinsam besser erschlossen werden. Dazu kommt, dass Hongkong nunmehr über die XRL an das Hochgeschwindigkeitsnetz des Festlandes angebunden ist, und den Besuchern der Metropole damit ein neues Transportmittel zur Verfügung steht, um von Hongkong aus auf das Festland zu reisen.

Diese neu errichtete Infrastruktur hat im Zusammenspiel mit den hervorragenden Flugverbindungen vom Hong Kong International Airport zu Destinationen auf dem Festland dazu beigetragen, Hongkongs Position als südliches Eingangstor nach China weiter zu festigen. Damit bleibt Hongkong auch weiterhin ein „Muss“ für jeden Besucher, der während seiner Reise auch mehrere Ziele auf dem Festland ansteuert.

Unsere Rolle lässt sich so beschreiben: Wir wollen enger mit den Tourismusorganisationen in der Provinz Guangdong und in Macau zusammenarbeiten und dabei gleichzeitig die Tourismusmarke Greater Bay Area intensiver vermarkten, und all das mit dem Ziel, mehr Besucher für unsere Region zu begeistern und Hongkongs Stellenwert als regionale Tourismusdrehscheibe weiter zu festigen.

Anthony Lau, Executive Director Hong Kong Tourism Board. Foto: Hong Kong Tourism Board

Wie soll es in diesem Jahr mit dem Ausbau der Infrastruktur weitergehen?

Noch in diesem Jahr soll der neue Grenzkontrollpunkt Liantang-Heung Yuen Wai eröffnet werden, der neue Autobahnen und Überführungen umfasst und mit dem sich der Zugang ins östliche Shenzhen verbessert. Diese Straßenverbindung vervollständigt im Zusammenspiel mit der neuen Seebrücke HZMB und der Schnellzugverbindung XRL die Möglichkeiten, Reiseziele in der Greater Bay Area innerhalb von 60 Minuten zu erreichen, und bildet somit eine solide Grundlage für die Entwicklung des Tourismus in der Greater Bay Area.

Um einen Eindruck von den Größenordnungen zu bekommen –  wie hat sich Hongkongs Tourismusindustrie in den vergangenen zwei Jahren entwickelt?

Der Tourismus ist eines von vier Standbeinen der Hongkonger Wirtschaft. Im Jahr 2016 trug der Tourismussektor 4,7 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Rund 258.900 Hongkonger sind derzeit in der Tourismuswirtschaft tätig, sie stehen für 6,9 Prozent aller in Hongkong Beschäftigten.

Die Besucherzahlen haben sich weiter positiv entwickelt, der Aufwärtstrend setzte sich auch im Jahr 2017 fort. Damals wurden 58,47 Millionen Ankünfte gezählt, 2018 waren es bereits 65,15 Millionen, also 11,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch bei den Übernachtungen gab es Zuwächse. Für das vergangene Jahr weist die Statistik 29,26 Millionen Übernachtungsgäste aus, knapp fünf Prozent mehr als 2017. Insbesondere die Zahl der Übernachtungsgäste vom Festland ist gestiegen, aber auch die Zahl der Fernreise-Touristen.

Welche Zielgruppen haben Sie bei der künftigen gemeinsamen Vermarktung insbesondere im Visier?

Zum einen die Reiseveranstalter, zum anderen deren Kunden. Um die Reisebranche gezielt anzusprechen, werden wir Einführungstouren für Reiseveranstalter in Südostasien, Nordasien, Australien, Neuseeland und Kanada organisieren, um die Akteure so bei der Entwicklung von Mehrziel-Reiseangeboten für die Greater Bay Area zu unterstützen.

Für die Kunden-Zielgruppe legen wir gemeinsam große Verbraucherförderprogramme im Ausland auf. Derzeit organisieren wir ein derartiges Förderprogramm in den USA, um Mehrziel-Routen innerhalb der Greater Bay Area und entsprechende Produkte zu bewerben.

„Diese neu errichtete Infrastruktur hat dazu beigetragen, Hongkongs Position als südliches Eingangstor nach China weiter zu festigen.“

Kann aus Ihrer Sicht auch das Hongkonger MICE-Geschäft von diesen Aktivitäten profitieren?

Mit der Freigabe der Hongkong-Zhuhai-Macau-Brücke für den Verkehr und dem Start der XRL-Schnellfahrverbindung hat sich Hongkongs Wettbewerbsvorteil beim Anschluss an die Greater Bay Area erhöht. Das kommt auch dem Geschäftsreise-Tourismus zugute, denn die verbesserte Infrastruktur und Konnektivität der Stadt bietet neue Möglichkeiten für MICE-Veranstaltungen – also Tagungen, Incentive-Reisen, Konferenzen und Ausstellungen. Und egal um welche Art von MICE-Event es sich handelt oder woher die Teilnehmer kommen, jede der Veranstaltungen, die hier stattfindet, erfährt neue Wachstumsmöglichkeiten. Und nicht zuletzt haben die Teilnehmer die Möglichkeit, im Anschluss an das Event innerhalb der Greater Bay Area Exkursionen zu unternehmen.

Quelle: HKTB / eigene Darstellung

Haben Sie abschließend noch einen Tipp für deutsche Geschäftsreisende in Hongkong – was sollten die auf keinen Fall verpassen?

Da viele Deutsche gern wandern und die Natur genießen, empfehle ich deutschen Geschäftsreisenden ausdrücklich Hongkongs Natur zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erkunden. Die Stadt hat so viel mehr zu bieten als nur die legendäre Skyline des Victoria Harbour. Etwa drei Viertel der Landmasse Hongkongs sind ländlich geprägt, und das ausgedehnte Netz von Wanderwegen ist von jeder Ecke der Stadt aus leicht zugänglich. Ich bin sicher, dass Sie erstaunt sein werden, unberührte Natur und geschäftiges urbanes Leben in so unmittelbarer Nähe zu finden.

Kunst und Kultur sind weitere Angebote, die für deutsche Geschäftsreisende gut geeignet sind. Hongkong ist übrigens auch als Veranstaltungshauptstadt Asiens bekannt. Zum Beispiel organisiert das Hong Kong Trade Board jedes Jahr im März den Hong Kong Arts Month – das nächste Mal also im März 2020. Dann treffen sich hier lokale und ausländische Künstler, um inspirierende Programme wie Ausstellungen, Tanz, Musik, Theater und mehr anzubieten. Außerdem sind mittlerweile verschiedene Kunstzentren im West Kowloon Cultural District fertiggestellt und bieten vielfältige Möglichkeiten für kulturelle Erfahrungen.

Und wer jetzt nicht so viel Zeit hat?

Ich ermutige die Besucher immer, Hongkong wie ein Einheimischer zu erkunden, indem sie sich einer Stadtteilführung anschließen, zum Beispiel in Central oder Sham Shui Po. Dort lässt sich Hongkong hautnah erleben. Wie Städte innerhalb einer Stadt hat jedes Viertel seine eigene Kultur und Persönlichkeit, die im Laufe der Zeit von faszinierenden Menschen, Gemeinschaften und Legenden sowie einer reichen und vielfältigen Geschichte geprägt sind.

Mit Anthony Lau sprach Petra Reichardt.

Dieser Beitrag ist in ChinaContact 05/06-2019 erschienen.