Wo liegen die wahren Risiken für die russische Wirtschaft?

Die Weltbank hat in ihrem neuen Bericht die wirtschaftliche Lage in Russland analysiert und warnt vor „erheblichen“ Risiken. Doch entspricht die Einschätzung der objektiven Wirklichkeit?

Die Weltbank hat in ihrem neuen Bericht die wirtschaftliche Lage in Russland analysiert und warnt vor „erheblichen“ Risiken. Foto © kremlin.ru

Vor kurzem veröffentlichte die Weltbank eine Analyse der größten Risiken für die russische Wirtschaft. Die Experten wiesen auf fünf wesentliche Faktoren hin, die die russische Wirtschaft gefährden: neue Sanktionen, mangelnde finanzielle Stabilität in Schwellenländern und wachsende Handelsbarrieren, stark sinkende Ölpreise, eine steigende Zahl an Privatkrediten sowie eine mangelhaften Umsetzung von Infrastrukturprojekten. Weiterhin wurde auf den hohen Anteil an Schwarzarbeit in Russland hingewiesen – dem russischen Staatshaushalt entgehen dadurch jährlich Einnahmen von bis zu 2,3 Prozent des BIP.

Trifft die Einschätzung der Weltbank zu?

Die von der Weltbank angeführten Faktoren sind natürlich berechtigt, jedoch, meiner Meinung nach, das Ergebnis eines für diese Institution typischen technokratischen Ansatzes. Was den Zustand des Welthandels betrifft, so sind die Auswirkungen auf Russland durchaus moderat. Die Dominanz der Rohstoffe bei Exporten macht die russische Volkswirtschaft dadurch weniger anfällig für die Dynamiken des Welthandels. Grundsätzlich exportiert Russland genau so viel Öl, Gas, Metalle und andere Rohstoffe wie weltweit nachgefragt werden und die vorhandene Infrastruktur bewältigen kann. Der für Russland äußerst schmerzhafte Rückgang der Rohstoffpreise hat somit kaum Auswirkungen auf den tatsächlichen Umfang seiner Exporte. Weiterhin können Einnahmeverluste teilweise durch die Abwertung des Rubels kompensiert werden.

Ein gesondertes Thema sind die Privatkredite. Im Unterschied zur Weltbank sehe ich die Gefahr hier allerdings nicht in deren Umfang. Mit Blick auf das Verhältnis von Hypotheken- und anderen Verbraucherkrediten zum BIP liegt Russland immer noch weit hinter den Industriestaaten. Das eigentliche Problem liegt meiner Meinung nach darin, dass die russischen Bürger vor dem Hintergrund eines sechsjährigen Rückgangs der Realeinkommen Kredite aufnehmen müssen, um Konsumstandards aufrechtzuerhalten oder aber zuvor aufgenommene Kredite zurückzuzahlen. In diesem Fall nehmen die Risiken von Nichtrückzahlungen und damit von einer Bankenkrise und der allgemeinen Rezession der Wirtschaft in der Tat stark zu.

Die von der Weltbank genannten Sanktionen verschärfen die Lage zwar, sind jedoch nicht die Ursache für die Stagnation der russischen Wirtschaft. Sie sind eher das Ergebnis einer aggressiven russischen Außenpolitik und nicht der Entwicklung der Weltwirtschaft. Meiner Meinung nach liegen die Hauptbedrohungen für die russische Wirtschaft ganz woanders.

Nicht funktionierende Institutionen

Das eigentliche Problem der russischen Wirtschaft liegt in den nicht funktionierenden Institutionen. Ich meine dabei insbesondere mangelhaft entwickelte oder nicht existierende Institutionen zur Regulierung von Eigentumsrechten, der Steuerverwaltung oder der Korruptionsbekämpfung. Hinzu kommt der hohe staatliche Anteil in der Wirtschaft, der sich negativ auf das Geschäftsumfeld und Innovationen auswirkt.

Russland benötigt dringend eine Umstrukturierung des öffentlichen Verwaltungssystems, um ein günstiges Investitions- und Geschäftsklima zu schaffen. Ich befürchte allerdings, dass momentan kein politischer Wille dazu vorhanden ist. In meinen Augen ist die mangelnde Bereitschaft der Politik für die Durchführung von strukturellen Reformen das größte Risiko für die russische Wirtschaft.

 

 

 

 

 

 

Prof. Andrey Nechaev