China wirkt verlässlicher als USA

Der Mittelstand setzt weiter auf Internationalisierung – trotz internationaler Krisenherde und sich verändernder Rahmenbedingungen in einzelnen Ländern. China schneidet bei der Einschätzung durch die Unternehmer sehr gut ab und wirkt verlässlicher als die USA. Deutet sich hier ein Paradigmenwechsel an?

19. Studie Unternehmerperspektiven: Bei der Bewertung der aktuellen wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen in ausgewählten Ländern liegen die USA mit 17 Prozent abgeschlagen auf Rang vier. Das verwundert nicht, denn 42 Prozent der befragten Unternehmen schätzen auch ein, dass sich die Außen- und Handelspolitik der USA negativ auf ihr Geschäft ausgewirkt hat. Foto: Official White House Photo by Joyce N. Boghosian
19. Studie Unternehmerperspektiven: Bei der Bewertung der aktuellen wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen in ausgewählten Ländern liegen die USA mit 17 Prozent abgeschlagen auf Rang vier. Das verwundert nicht, denn 42 Prozent der befragten Unternehmen schätzen auch ein, dass sich die Außen- und Handelspolitik der USA negativ auf ihr Geschäft ausgewirkt hat. Foto: Official White House Photo by Joyce N. Boghosian

Der Mittelstand muss sich derzeit zahlreichen Herausforderungen stellen. Globale Handelskonflikte, Brexit und Schuldenkrisen einzelner EU-Mitgliedsstaaten wirken sich direkt oder indirekt auf die Geschäftstätigkeit der Unternehmen aus. Um Genaueres über deren aktuelle Lage zu erfahren, hat sich die Commerzbank auf Basis einer von Forsa durchgeführten repräsentativen Mittelstandsbefragung von 2.000 Unternehmern in ganz Deutschland ein Bild von den Herausforderungen und Anforderungen gemacht, die die internationale Wirtschaftslage für Unternehmen mit sich bringt. Die Ergebnisse der 19. Studie der Initiative Unternehmerperspektiven wurden Ende Mai unter dem Titel „Wie sicher sind die Märkte? Risiken managen im internationalen Geschäft“ in Frankfurt am Main vorgestellt.

Trotz internationaler Krisenherde und geopolitischer Turbulenzen setzt der deutsche Mittelstand weiter auf Internationalisierung. Der Anteil exportierender Unternehmen ist seit 2007 weitgehend stabil. Aktuell exportieren 52 Prozent der Unternehmen fast durchweg in den Euroraum, allein im verarbeitenden Gewerbe sind es 77 Prozent. Daneben zählen Länder auf allen Kontinenten zu den Zielregionen des Mittelstands. Für 25 Prozent der exportierenden Unternehmen ist China ein aktueller und für 20 Prozent ein potenzieller Absatzmarkt.

Unternehmen passen sich an

Auf die veränderten wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen reagieren die exportierenden Unternehmen, indem sie ihre Internationalisierungsstrategien entsprechend anpassen. Während sich der kleine Mittelstand (zwei bis 15 Millionen Euro Umsatz) dabei häufiger auf den deutschen oder den EU-Binnenmarkt konzentriert, erschließen Unternehmen mit über 100 Millionen Euro Umsatzvolumen häufiger Auslandsmärkte (65 Prozent), orientieren sich stärker auf Schwellenländer (40 Prozent) oder verlagern Produktionsstandorte in andere Länder (21 Prozent). Hier spielt China eine große Rolle. Zwölf Prozent der Unternehmen, die eine Expansion in neue Absatzmärkte planen, haben dabei China im Blick. Geht es um die Verlagerung von Produktionsstandorten, so ist China mit Abstand das Wunschziel Nummer eins – 31 Prozent der Unternehmen mit Auslandsstandort wollen ihre Herstellung dorthin verlegen.

Chinas wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen werden vom Mittelstand so gut bewertet, dass das Land in dieser Kategorie in die Top 3 aufgestiegen ist. Quelle: Commerzbank, 19. Studie der Unternehmersperspektiven
Chinas wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen werden vom Mittelstand so gut bewertet, dass das Land in dieser Kategorie in die Top 3 aufgestiegen ist. Quelle: Commerzbank, 19. Studie der Unternehmersperspektiven

Bei der Bewertung der aktuellen wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen in ausgewählten Ländern schneidet China ebenfalls sehr gut ab. 30 Prozent der Befragten bewerteten diese als sehr gut beziehungsweise gut. Damit schafft es China in die Spitzengruppe und liegt nach Deutschland und Frankreich auf Platz drei. Mit 17 Prozent liegen die USA hier abgeschlagen auf Rang vier. Das verwundert nicht, denn 42 Prozent der befragten Unternehmen schätzen auch ein, dass die Außen- und Handelspolitik der USA negative Auswirkungen auf ihr Geschäft hat. Dass sich die zunehmenden globalen Handelskonflikte negativ auf ihr Geschäft auswirken sagen sogar 47 Prozent der Befragten.

Die Politik ist gefragt

Nachdem Präsident Trump Anfang Mai im Handelsstreit mit China die Zollspirale überraschend erneut in Gang gesetzt hat, reagierte die chinesische Seite und kündigte für den 1. Juni Gegenmaßnahmen an. Kurzfristig gebe es wenig Hoffnung, dass sich der Handelsstreit in Wohlgefallen auflöst, so die Einschätzung von Bernd Weidensteiner, Volkswirt bei der Commerzbank. „Hinter dem Handelsstreit stehen ja nicht nur wirtschaftliche Interessen, sondern auch die ganz große Politik. Im Prinzip streiten sich hier die Nummer eins und die Nummer zwei und machen untereinander aus, wer das Sagen hat.“ Für beide Seiten gehe es um einen Prestigeerfolg, beide versuchten daher das Maximum für sich herauszuholen. Und das spreche ebenfalls dagegen, dass eine schnelle Übereinkunft erzielt wird, so Weidensteiner. „Unsere allgemeine Einsicht ist, dass es beide Seiten aber wohl nicht zum Äußersten treiben werden, weil das Risiko zu groß ist. Denn sowohl die USA als auch China haben ein Interesse daran, dass die eigene Wirtschaft weiter läuft, und dass das entsprechende Wirtschaftswachstum geliefert wird. Da aber nicht mit einem schnellen Nachgeben zu rechnen ist, werden wir in nächster Zeit wohl ein Auf und Ab erleben.“

Suchen Unternehmen neue Absatzmärkte, kommt China in die engere Wahl. Wollen Unternehmen Produktionsstandorte verlagern, steht China sogar an erster Stelle. Chinas wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen werden vom Mittelstand so gut bewertet, dass das Land in dieser Kategorie in die Top 3 aufgestiegen ist. Quelle: Commerzbank, 19. Studie der Unternehmersperspektiven
Suchen Unternehmen neue Absatzmärkte, kommt China in die engere Wahl. Wollen Unternehmen Produktionsstandorte verlagern, steht China sogar an erster Stelle. Chinas wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen werden vom Mittelstand so gut bewertet, dass das Land in dieser Kategorie in die Top 3 aufgestiegen ist. Quelle: Commerzbank, 19. Studie der Unternehmersperspektiven

Genau in diesem Punkt wünschen sich die Teilnehmer der Forsa-Befragung Unterstützung durch die Politik. Auf die Frage „Was muss die deutsche Politik tun, um die Auslandsaktivitäten des deutschen Mittelstands zu erleichtern und zu fördern?“ antworteten insgesamt 88 Prozent, dass „sie sich intensiver für eine einheitliche europäische Haltung im Wirtschaftsstreit mit den USA einsetzen muss“. Mit insgesamt 80 Prozent auf Rang vier kam die Forderung, die Politik möge sich intensiver für gute Wirtschaftsbeziehungen zu China einsetzen. In der Gruppe der Unternehmen mit einem Umsatz über 100 Millionen Euro sprachen sich sogar 94 Prozent für die erste Forderung aus, 89 Prozent für die zweite.

Petra Reichardt

Dieser Beitrag ist in der aktuellen ChinaContact 5/6-2019 erschienen.