Den Russen mangelt es an Geld und Optimismus

In den letzten Tagen wurden die Ergebnisse mehrerer soziologischer Studien zum Lebensstandard und der Konsumneigung der russischen Bevölkerung veröffentlicht. Das Ergebnis: Sinkende Realeinkommen und steigende Steuern führen zu einem historisch niedrigen Vertrauen und Optimismus.

Sinkende Realeinkommen und steigende Steuern führen zu einem historisch niedrigen Vertrauen und Optimismus in Russland. Foto: iStock © UygarGeographic

Neben dem renommierten Lewada-Zentrum und RANEPA, der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Öffentlichen Dienst, führten auch die russische Zentralbank und das Statistikamt Rosstat entsprechende Untersuchungen durch. Nach Angaben des Lewada-Zentrums verfügen fast zwei Drittel der russischen Familien über keinerlei finanzielle Rücklagen. Beim Großteil der übrigen Bevölkerung übersteigen diese kaum drei Monatsgehälter. Weiterhin haben Untersuchungen von RANEPA ergeben, dass nur knapp zehn Prozent der Russen Wertpapiere, Devisen oder sonstige Einlagen auf Bankkonten haben. Besonders interessant erscheint diese Zahl im Vergleich zu Vorjahr, wo diese Zahl noch doppelt so hoch war.

Verbrauchervertrauensindex sinkt seit 2014

Die Mehrwertsteuererhöhung sowie der anhaltende Rückgang der Realeinkommen (ein Minus von rund zwei Prozent im ersten Quartal 2019) führten zu einem Absinken des Verbrauchervertrauensindex auf ein historisches Tief von 63 Punkten. Dieser gilt als Indikator für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes. Vor fünf Jahren wies er noch einen Wert von 83 auf. In Deutschland liegt dieser Wert aktuell bei 104 Punkten. Der fehlende Optimismus der Bevölkerung zeigt sich auch darin, dass nur 25 Prozent der Befragten an eine Verbesserung ihrer Finanzsituation glauben. Studien von Rosstat und der Zentralbank bestätigen diesen Trend. Viele Russen sehen vorsichtshalber von Großkäufen und Bankeinlagen ab, trotz wachsender Zinsen.

Erstmalig wurde auch die Lebenszufriedenheit der Bevölkerung gemessen. Die Ergebnisse der RANEPA-Umfrage zeigen dabei großes Frustrationspotenzial aufgrund geringer Einkommen und fehlender Mittel für den Erwerb von Medizin und Bildung. Laut den Meinungsforschern wirke sich dieser Trend unmittelbar auf die Kaufkraft der Bevölkerung aus, die in den letzten Jahren ein wichtiger Treiber für Wirtschaftswachstum war.

Gefahr für Banken und Bevölkerung

Parallel zu den sinkenden Einkommen wachsen die Verbraucherdarlehen, was eine zusätzliche Gefahr mit sich bringt. Im ersten Quartal dieses Jahres nahmen Russen Kredite im Gesamtwert von umgerechnet 26 Milliarden Euro auf. Mehr als die Hälfte dieser Kredite ist nicht gedeckt. Ein Teil davon wurde zur Refinanzierung bestehender Kredite aufgenommen. Allgemein stieg die Schuldenlast der russischen Bevölkerung zu Jahresbeginn auf 26 Prozent.

Auch die Zentralbank zeige sich über die Geschwindigkeit der Entwicklungen besorgt, wie die Tageszeitung Vedomosti mit Bezug auf den stellvertretenden Vorsitzenden der Zentralbank Dmitri Tulin berichtet. Sinkende Realeinkommen bei gleichzeitig steigender Kreditlast könnten im Falle einer wirtschaftlichen Rezession zu schweren Erschütterungen im Bankensystem führen. Insbesondere besteht die Gefahr einer Wiederholung der Finanzkrise von 2014, als ein Viertel der teuren Kredite nicht zurückgezahlt werden konnte.

 

 

 

 

 

 

Prof. Andrey Nechaev