Russische Presseschau: Machtwechsel in Kiew

Am 21. April fand in der Ukraine der zweite Wahldurchgang der ukrainischen Präsidentschaftswahlen statt. Der Schauspieler Wolodymyr Selenski ist zum neuen Präsidenten gewählt worden. Auf den Politik-Neuling entfielen rund 73 Prozent der Stimmen, Amtsinhaber Poroschenko erhielt lediglich 24,5 Prozent. Das Wahlergebnis rief in Russland ein breites Medienecho hervor. Wir haben Aussagen und Meinungen russischer Medien zusammengestellt.

Am 21. April fand in der Ukraine der zweite Wahldurchgang der ukrainischen Präsidentschaftswahlen statt. Foto: Photo by Rae Tian on Unsplash

Wedomosti

„Es hat keinen Sinn, auf drastische Veränderungen zu warten. Das Beste, was passieren kann, ist der Übergang von einem militärisch-politischen Konflikt zu einem kalten Frieden. Und das nur, wenn Russland flexibler und bereitwilliger nach echten Kompromissen strebt.“

„Poroschenko liebte laute Worte und beleidigende Sätze: Sie gaben ihm Selbstvertrauen und Rückhalt bei radikalen Gruppierungen – seine Wähler in den letzten Jahren. Selenskis Wähler sind anders: Menschen, die Frieden und Ruhe wollen.  Vielleicht keine Freundschaft mit Russland, aber sicherlich auch keinen Krieg.“

„Selenski ist Politiker einer neuen Generation, er hat ein Team von Kreativen um sich, das in der Lage ist, interessantere Ideen hervorzubringen. Dies wird eine ernsthafte Herausforderung für Russland sein.“

Kommersant

„Wolodymyr Selenski hat den Ukrainern genau das gesagt, was sie hören wollten. Jetzt muss er darüber nachdenken, wie er diese Versprechen in die Tat umsetzen will und wer ihm dabei helfen kann.“

„Selenskis Sieg ist ein wichtiges Ereignis nicht nur in der ukrainischen, sondern auch in der russischen politischen Geschichte. Seine Aussage, dass ein Außenseiter gegen das politische Establishment aufbegehren und gewinnen kann, sei eine Lehrstunde auch für die russische Gesellschaft. Eine Lehrstunde, die auch die Mächtigen in Moskau lernen müssen.“

RBC

„Trotz der Tatsache, dass Selenski zu einem Dialog mit Moskau grundsätzlich bereit ist, sind keine grundlegenden Veränderungen in den Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine sowie die Lösung des Donbass-Konflikts zu erwarten.“

Nesawissimaja Gaseta

„Es könnte sein, dass die Ukrainer einfach einen Anti-Poroschenko wählen wollten. Es könnte auch sein, dass die Menschen […] für Frieden und eine Normalisierung der Beziehungen zu Russland gestimmt haben. Und es könnte tatsächlich sein, dass das mit Selenski kommt. Aber da muss er erst mal liefern. Und Moskau muss diese politische ’Message’ richtig interpretieren.“

Argumenty i Fakty

„Selbst wenn Selenski Frieden in der Ostukraine will, wird es für ihn schwierig sein, all dies zu realisieren, wenn man die Stimmung innerhalb der herrschenden Eliten betrachtet.“

Rossijskaja gaseta

„Der junge Politiker hat es geschafft, dank des Anti-Ratings von Poroschenko Sympathien zu gewinnen. Selenski  hatte völlig Recht, als er während der finalen Debatte im Olympiastadion sagte, dass Petro Poroschenko allein sich die Schuld für die Niederlage und Selenskis Sieg geben sollte“.

Moskowski Komsomolez

„Es ist klar, gegen wen diese Leute gestimmt haben und gegen was sie gestimmt haben. Aber wofür haben sie gestimmt? Niemand scheint das momentan zu wissen, auch die ukrainischen Wähler nicht.“