Langfristige Visionen kombiniert mit Unternehmergeist

Das Internet der Dinge für Anwendungen in der Industrie (Industrial-IoT) spielt bei der Umsetzung der ambitionierten Pläne für Chinas Wirtschaftsentwicklung eine entscheidende Rolle. Die Regierung hat öffentlich-private Partnerschaften als Innovationstreiber in diesem Bereich identifiziert und unterstützt diese engagiert, damit innovative Lösungen rasch in praktische Anwendungen münden.

Innovative Lösungen sollen rasch in praktische Anwendungen münden. Sogenannte Testbeds bieten die Möglichkeit, mit realen Industrial-IoT-Lösungen zu experimentieren. Foto: iStock © ipopba

Industrial-IoT ist der Schlüssel für Chinas künftiges Wirtschaftswachstum. Steigende Arbeitskosten, eine alternde Bevölkerung, starke Konkurrenz auf den Märkten sowie zahlreiche ökologische Herausforderungen machen industrielle Lösungen notwendig, die sowohl das Wirtschaftswachstum stimulieren als auch die nachhaltige Entwicklung von Chinas Wirtschaft und Gesellschaft unterstützen. Mit der Strategie Made in China 2025 wurde die tragende Rolle des produzierenden Gewerbes für Chinas Wirtschaft sowie die Notwendigkeit einer vollständigen Integration von Informatisierung und Industrialisierung erneut unterstrichen.

Äußerst offen für digitale Technologien

Es wird allgemein angenommen, dass die Einführung des Industrial-IoT die Funktionsweise der Weltwirtschaft verändern wird. Die Integration der physischen Welt der Fertigung – Fabriken, Geräte, Fahrzeuge – mit Informationssystemen führt zu neuen Geschäftsmodellen, verbesserter Produktivität, Produktinnovation und einer effizienteren Nutzung der natürlichen Ressourcen. China hat vor allem solche Anwendungen priorisiert, die Cloud Computing und durch IoT generierte Datenströme über die gesamte indust­rielle Wertschöpfungskette hinweg integrieren: von Forschung und Entwicklung über Design bis hin zu Fertigung, Logistik, Management, Vertrieb und Service. Allerdings hat die Wissenslücke zwischen Technologieanbietern und -nutzern die breite Akzeptanz dieser Anwendungen verlangsamt. Diese Wissenslücke ist bedingt durch die Vielzahl von Technologien und Industriestandards, die Technologieanwender bei der Planung einer Industrial-IoT-Lösung bewerten müssen.

China fördert die Einführung des Industrial-IoT in der Industrie erfolgreich, indem die langfristige Vision des öffentlichen Sektors mit dem Unternehmergeist des privaten Sektors in öffentlich-privaten Partnerschaften kombiniert wird. China gehört bei der Planung neuer Technologieinnovationen im Industrial-IoT-Bereich zu den fortschrittlichsten Nationen der Welt. Darüber hinaus hat der private Sektor die digitalen Technologien und die mit ihnen einhergehenden Möglichkeiten begeistert übernommen und aufgenommen. Chinesische Unternehmen wie Alibaba und Baidu sind weltweit führend in der Entwicklung von Cloud-basierten Anwendungen für die Datenanalyse.

Die Chinesen haben sich als äußerst offen für die Einführung digitaler Technologien sowie die durch sie ermöglichten neuen Arbeitsweisen erwiesen. Die Business Confidence Survey 2018, welche von der europäischen Handelskammer in Peking zusammen mit Roland Berger veröffentlicht wurde, legt dar, dass Chinas Wettbewerbsfähigkeit in Bezug auf Innovation rapide ansteigt und europäische Unternehmen in den Bereichen Markteinführung und Innovation neuer Geschäftsmodelle in den Schatten gestellt hat. Chinas ausgeprägter staatlicher Planungsansatz in Kombination mit privatem Unternehmergeist treibt die Innovation im Bereich Industrial-IoT voran.

Testbeds zur Demonstration

Das Industrial Internet Consortium (IIC) hat die Bedeutung chinesischer Innovationen erkannt und seine Mitgliederversammlung im November 2018 zum ersten Mal in China in Partnerschaft mit der China Academy for Information and Communication Technology (CAICT) und durch Unterstützung von Huawei abgehalten. Das IIC verfügt über mehr als 250 internationale Mitgliedsorganisationen und Unternehmen. Es wurde gegründet, um die Entwicklung und Einführung von IoT-Systemen zu beschleunigen, die operative Technologie mit Informationstechnologie integrieren. Eine der wichtigsten Methoden des IIC besteht in der Verwendung von Testbeds – also Testumgebungen – zum Experimentieren mit realen Industrial-IoT-Lösungen. So kann die Implementierung solcher Technologien demonst­riert werden.

Das IIC arbeitet bereits mit chinesischen Unternehmen und lokalen Regierungen zusammen, um Testbeds für Innovationen in China zu entwickeln. In Qinzhou, einer Stadt im Autonomen Gebiet Guangxi, arbeiten beispielsweise die Wasser- und Prozessgruppe von Thingswise und die China Academy for Information and Communication Technology (CAICT) zusammen mit der Wasserverwaltungsbehörde der Stadt Qinzhou am Aufbau eines intelligenten Cloud-Services für das Management städtischer Wasserversorgungssysteme. Zu den wichtigsten Vorteilen zählen die Erhöhung der Sicherheit und Qualität des Wassers, die Verringerung der Unterbrechungen der Wasserversorgung und die Verbesserung der Kosteneffizienz des Wasserversorgungsunternehmens. Das Testbed umfasst Innovationen für die Systemarchitektur, Analysetechnologien und beim Geschäftsmodell für Versorgungsmanagement.

Auch das Manufacturing Quality Management (MQM) Testbed ist ein weiteres Beispiel für diesen Ansatz. Hierbei arbeiten Huawei Technologies, die Haier Group, China Academy for Information and Communication Technology (CAICT) und China Telecom eng zusammen, um die Standards für Produktqualität zu verbessern und Fehlerraten zu reduzieren. Während China weiterhin neue Fab­riken baut, ist es wichtig, bestehende Fabriken mit alternden und nicht verbundenen Geräten entsprechend neuesten Standards nachzurüsten. Die MQM-Lösung verwendet drahtlose Sensornetzwerke, um Daten zu sammeln und zu analysieren. Mit ihrer Hilfe werden die Qualität des Schweißens gemessen und potenzielle Probleme mit hoher Genauigkeit gekennzeichnet. Die so generierten Daten ermöglichen es Haier auch, Produktionsprozesse zu testen und zu verbessern. Dem IIC zufolge ist Haiers Ziel eine Steigerung der Produktivität um 15 Prozent bei gleichzeitiger Senkung der Betriebskosten um 27 Prozent gegenüber dem Status quo.

Chinas Wirtschaftsreformen und -wachstum der letzten Jahrzehnte sind von den Entscheidungen einer praktisch denkenden Zentralregierung gekennzeichnet, die den lokalen Regierungen Spielraum zum Experimentieren mit neuen wirtschaftlichen Ansätzen bieten. Das starke Engagement der Regierung beim Aufbau öffentlich-privater Zusammenarbeit zwecks Verbreitung von Innovationen im Industrial-IoT-Bereich wird auch durch ein solides Fundament aus digitaler Technologie, industriellen Wertschöpfungsketten und einem unternehmerisch denkenden Privatsektor ermöglicht. Die existierenden Testbeds sowie die aktive Beteiligung des IIC zeigen den Erfolg von Chinas Modell öffentlich-privater Kooperationen mit dem Ziel, Innovationen in neuen Technologiefeldern aktiv voranzutreiben.

Mark Greeven ist Professor für Innovation und Strategie und Re­search Fellow am Center for China and Globalization.

Erik Walenza-Slabe ist Gründer von IoT ONE, der weltweit größten öffentlichen Datenbank für Industrial-IoT-Lösungen.

 

Asia-Pacific Week Berlin 2019
Innovation ist auch das Thema der 14. Asia-Pacific Week Berlin. Die Teilnehmer erwartet ein vielfältiges Programm zur Förderung der wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Zusammenarbeit zwischen der Asien-Pazifik-Region, Berlin und Europa. Die Veranstaltung findet vom 13. bis 19. Mai statt, unter anderem mit Panels zu den Themen „Innovation Made in China“, an dem auch Erik Walenza-Slabe, Autor dieses Beitrags teilnehmen wird, und „Elektromobilität in China“ am 14. Mai auf der Connecting-Startup-Cities-Konferenz in den Spreewerkstätten.

Weitere Infos, das Programm sowie das Registrierungsportal finden Sie hier.

Dieser Beitrag ist erschienen in ChinaContact 03/04-2019.