Was kosten die Sanktionen?

Der bereits seit mehr als fünf Jahren andauernde Konflikt zwischen Russland und der Ukraine sowie dem Westen hat nicht nur für Russland und die Ukraine schwerwiegende Auswirkungen, er stellt auch für die labile wirtschaftliche Erholung in Europa eine potenzielle Bedrohung dar.

Der bereits seit mehr als fünf Jahren andauernde Konflikt zwischen Russland und der Ukraine sowie dem Westen hat nicht nur für Russland und die Ukraine schwerwiegende Auswirkungen. Foto © kremlin.ru

Für Russland wurden die Kosten des Konflikts für die Jahre 2014 bis 2016 auf rund ein Prozent des jährlichen BIP geschätzt oder kumuliert etwa 100 Milliarden Euro für den Dreijahreszeitraum, verursacht vor allem durch die gestiegenen Investitionsrisiken. Sowohl die russische Rezession 2015 und die darauffolgende Stagnation des BIP im Jahr 2016 als auch die schwache Erholung mit einem enttäuschend niedrigen BIP-Wachstum während 2017 und 2018 sind zumindest teilweise auch auf die Sanktionen zurückzuführen. Der Rückgang der Ölpreise 2015 und 2016 sowie die Abwertung des Rubels waren allerdings für die russische Wirtschaftskrise maßgebend.

Auswirkungen je nach Abhängigkeit von Russland

Die Auswirkungen auf die einzelnen EU-Länder variieren je nach dem Grad der Abhängigkeit vom russischen Markt, wobei die baltischen Staaten, Finnland und mehrere osteuropäische EU-Mitgliedstaaten im Allgemeinen relativ im Verhältnis zum BIP am meisten betroffen sind. Nach aktuellen wiiw-Schätzungen verlor Deutschland in absoluten Zahlen während des Zeitraums 2014 bis 2016 etwa 14 Milliarden Euro bei den Exporten nach Russland, gefolgt von Italien (3,7 Mrd. EUR), Frankreich und Polen (jeweils 3,0 Mrd. EUR). Österreich erlitt in diesem Zeitraum einen Verlust von etwa zwei Milliarden Euro.

Hinsichtlich der geschätzten Auswirkungen des russischen Verbots von Nahrungsmittelimporten (Fleisch, Milchprodukte, Obst, Gemüse und Fisch) aus der EU waren Litauen, Polen, Deutschland und die Niederlande in absoluten Zahlen am stärksten betroffen. Österreichische Exporte dieser Nahrungsmittel machten 2013 nur 100 Millionen Euro aus. Gleichzeitig verzeichnete die russische Landwirtschaft nach 2014 einen Produktionsboom und zählte zumindest bis zum Vorjahr zu den seltenen wirtschaftlichen Erfolgsgeschichten in Russland.

Russlands Wirtschaft kommt auf die Beine

Im Jahr 2017 erlebten die EU-Ausfuhren nach Russland eine starke Erholung (+20%), als die Effekte der Rubelabwertung nachließen, und 2018 hat sich diese Entwicklung – wenn auch in abgeschwächter Form – fortgesetzt. Auf diese Weise wurden die Exportverluste von 2014 bis 2016 zum Teil wettgemacht. Trotzdem bleiben die EU-Ausfuhren nach Russland weit (um etwa ein Fünftel) unter dem Vorkrisenniveau, während Russland seine Importe von der EU in Richtung China umgeleitet hat.

Obwohl die chinesischen Produkte strukturbedingt die russischen Einfuhren aus der EU (noch) nicht vollständig ersetzen können, ist dennoch eine Abkoppelung Russlands von der EU zu beobachten: Im vorigen Jahr stammten bereits mehr als 20 Prozent der russischen Importe aus China und nur etwa halb so viel aus Deutschland. Aus diesem Blickwinkel kann etwas zynisch festgestellt werden, dass die westlichen Sanktionen nicht die beabsichtigte Änderung der russischen Politik erzielt haben, sondern lediglich eine Annäherung Russlands an das autoritäre Regime Chinas erwirkten. Mit einem Leistungsbilanzüberschuss von 100 Milliarden Euro im Jahr 2018 sowie knapp 450 Milliarden Euro an Währungsreserven, sinkender Auslandsverschuldung und einem Haushaltsüberschuss rüstet sich Russland für eine Fortsetzung des Konflikts mit dem Westen – und nimmt dabei auch weitere potenzielle sanktionsbedingte Beeinträchtigungen für die eigene Wirtschaft in Kauf.

Der Text ist eine gekürzte Fassung eines Artikels von Peter Havlik in der neuesten Ausgabe von OstContact. Havlik ist Senior Economist am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw).


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Inhaltsverzeichnis OstContact 3/4-2019

Die Russland-Sanktionen jähren in diesem Jahr zum fünften Mal. Und trotz der leisen Zuversicht, bleibt die Lage weiter angespannt.