Nicht naiv sein

Über den Einstieg chinesischer Investoren in deutsche Unternehmen, insbesondere im Technologiebereich, wird häufig sehr emotional diskutiert. Im Gespräch mit ChinaContact gibt Prof. Hermann Simon eine Einordnung.

Professor Hermann Simon ist Gründer und Ehrenvorsitzender von Simon-Kucher & Partners Strategy and Marketing Consultants.

Herr Prof. Simon, wie willkommen sind chinesische Investitionen in Deutschland?

Ausländische Investitionen sind grundsätzlich sehr willkommen. Die Bundesrepublik – vertreten durch die Organisation „Germany Trade and Invest“ –, die Länder und die Kommunen werben ständig um ausländische Investitionen. Es gibt aber stets auch Gegenströmungen, beispielsweise vor rund 100 Jahren, als General Motors Opel übernahm und Ford eine Riesenfabrik in Köln baute. Heute richten sich solche Strömungen primär gegen chinesische Investoren. Dabei spielen politische Motive wie der Einfluss des chinesischen Staates und der Partei sowie wirtschaftliche Argumente wie Marktbeherrschung und Technologieklau eine Rolle.

Welche Unterschiede sehen Sie in den Internationalisierungsstrategien der Unternehmen beider Länder?

Die Internationalisierungsstrategien von Deutschland und China sind grundverschieden. Deutsche Unternehmen betreten Auslandsmärkte zunächst durch Export und bauen anschließend in den Zielländern eigene Fabriken, sogenannte Greenfield Plants, auf. Die Chinesen hinken in der Internationalisierung weit hinterher. Sie versuchen aufzuholen. Das tun sie nicht über den Bau neuer Fabriken, sondern indem sie deutsche Unternehmen erwerben.

Mit Zahlen lassen sich Investments einordnen: Wie sieht das Verhältnis chinesische Investitionen in Deutschland versus deutsche Investitionen in China derzeit aus?

In China sind etwa 8.500 deutsche Firmen präsent. Sie betreiben mehr als 2.000 Fabriken. Allein in der Stadt Taicang gibt es 304 deutsche Firmen. In Deutschland arbeitet nach meinem Kenntnisstand nur eine chinesische Greenfield-Fabrik. Sie liegt in Halle an der Saale und ist zudem mit 210 Beschäftigten nicht sehr groß. In den letzten vier Jahren gab es 202 Akquisitionen deutscher Firmen durch chinesische Unternehmen, darunter viele Hidden Champions, zum Beispiel Kuka, KraussMaffei und Kion. In der umgekehrten Richtung wurden circa 40 Akquisitionen vollzogen.

Ist die in den vergangenen Monaten immer wieder thematisierte Angst vor einem Ausverkauf deutscher Technologieanbieter vor diesem Hintergrund gerechtfertigt?

Meines Erachtens beruht diese Angst sehr stark auf fehlender Faktenkenntnis. Wenn man die genannten Zahlen sieht, dann muss man den Chinesen die Chance zum Aufholen geben. Es handelt sich hierbei um einen normalen Prozess im Rahmen der Globalisierung, genauso wie vor 100 Jahren bei den Amerikanern und in den 1980er-Jahren bei den Japanern. China trägt nur rund 15 Prozent zum Weltbruttoinlandsprodukt bei und wird die Welt wirtschaftlich nicht dominieren. Kein Land kann das, dafür ist die Weltwirtschaft einfach zu groß.

Ende Dezember wurde die Außenwirtschaftsverordnung erneut geändert. Wie schätzen Sie die Absenkung der Prüfschwellen ein? Ist das tatsächlich ein passendes Instrument, um in der FDI-Problematik weiter voranzukommen?

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat offensichtlich einen Hang zu Interventionismus und zu einer Industriepolitik nach französischem Muster. Ich halte das für einen Irrweg. Es gibt zwar Bereiche wie Sicherheit und Infrastruktur, die der Staat überwachen und einschränken sollte. Aber das sind seltene Ausnahmen. Und die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die chinesischen Übernehmer vernünftig mit den übernommenen Firmen umgehen. Sie lassen sie in der Regel wie bisher wirtschaften, nehmen nicht das Geld aus der Kasse, sondern stellen weiteres Kapital zur Wachstumsfinanzierung zur Verfügung. Trotzdem sollte man nicht verkennen, dass hinter den wirtschaftlichen Aktionen zwei fundamental verschiedene politische Systeme stehen. Mit anderen Worten, man darf nicht naiv sein.

Mit Hermann Simon sprach Petra Reichardt.

Dieser Beitrag erschien im ChinaContact 3/4-2019.


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Die Ausgabe 03/04-2019 des Wirtschaftsmagazins ChinaContact ist erschienen. Darin widmen wir uns dem Dauerbrenner-Thema FDI. Auch wenn Chinas Direktinvestitionen in Europa und in Deutschland in den vergangenen zwei Jahren zurückgegangen sind, das Thema wird weiterhin kontrovers und emotional diskutiert.