Russland 2054: Welche Rolle spielt Europa?

Am 27. März fand im Rahmen der traditionellen Rotary-Metropolgespräche die Vorstellung des Romans „2054 – Putin decodiert“ von Russland-Experte Alexander Rahr statt. Der im September 2018 veröffentlichte Roman ist vor Kurzem in zweiter Auflage erschienen.

Alexander Rahr, „2054 – Putin decodiert“

Rahr nimmt die Leser mit auf eine Reise durch die russische Geschichte, von der Regierungszeit Iwan des Schrecklichen vor knapp 500 Jahren über das heutige Russland unter Wladimir Putin bis in die Zukunft. „Ich habe meine über die Jahre erworbenen Erfahrungen in die Geschichte einfließen lassen“, erklärt er bei der Veranstaltung im Haus der Deutschen Wirtschaft den 70 Gästen. Das Buch bestehe zu 85 Prozent aus Fakten und zu 15 Prozent aus Fiktion.

Die Romangeschichte um den Exilrussen Georgi Vetrov dient dabei vor allem der Erhaltung des Spannungsbogens, im Kern geht es Rahr um die Erklärung oder wie er es nennt „Decodierung“ Russlands. Dabei steht nicht Präsident Putin, sondern das Land selbst im Vordergrund. Rahr sieht sich als Brückenbauer zwischen Ost und West und möchte den Lesern alternative Sichtweisen auf Russland anbieten: „Ich wollte ein Buch schreiben, das das Interesse der Menschen weckt und sie zum Reden anregt“.

Deutschland braucht Russland

Die derzeitigen deutsch-russischen Beziehungen bewertet er als denkbar kompliziert, Brücken würden abgerissen, Europa sich zunehmend von Russland abkoppeln. Dennoch habe er Hoffnung, „dass sich alles wieder zum Guten wendet“, wie er bei der Diskussion in Moskau betont. Insbesondere die Deutschen brauchen Russland als zuverlässigen Partner, ist sich Rahr sicher: „Deutschland ist nach dem Ausstieg aus Atom und Kohle auf das russische Gas angewiesen“. Deshalb werde Nord Stream 2 auch allen Widerständen zum Trotz fertiggestellt.

Rahr engagiert sich zusammen mit Ulf Schneider, dem Gastgeber der Veranstaltung, für einen gemeinsamen Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok und mehr Dialog zwischen Europäischer Union und Eurasischer Wirtschaftsunion. Mit Bedauern blickt er deshalb auf verpasste Gelegenheiten zurück, Russland als gleichberechtigten Partner in den westlichen Staatenverbund aufzunehmen – etwa 1991 nach dem Zusammenbruch der UdSSR und um die Jahrtausendwende, als Putin Europa auch wirtschaftlich die Hand ausstreckte.

Düstere Aussichten für Europa

In seinem Buch ist es deshalb die „Eurasische Union“, innerhalb derer Russland gemeinsam mit der Supermacht China, dem Iran, Indien und den zentralasiatischen Staaten den politischen und wirtschaftlichen Takt angibt. 2054, in dem Jahr, in dem das Buch endet, spielt Europa keine Rolle mehr. Russland hat sich endgültig nach Eurasien orientiert.

Alexander Rahr hat insgesamt fünf Jahre an dem Buch geschrieben. Ob er das Mysterium Russland dabei vollständig „decodiert“ habe, lässt der Autor offen. „Ich bin selbst ein Suchender, auch ich brauche Rat“, stellt Rahr am Ende der Veranstaltung fest.

Über den Autor: Alexander Rahr (60) hat lange das Berthold-Beitz-Zentrum der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) mit dem Schwerpunkt Osteuropa geleitet, bevor er 2012 als Politikberater in die Wirtschaft ging.

 O-Töne der Teilnehmer:

Stephan A. Fittkau: „Nord Stream 2 ist nicht nur für Deutschland, sondern für einen großen Teil Europas sehr wichtig. Damit wird Europa nicht von Einzelmeinungen erpressbar gemacht und sichert sich seine unabhängige Energielieferung für die Zukunft“.

Thomas Hentschel, Stiftung HandWerk stiftet Zukunft: „Alexander Rahr ist ein anerkannter Kenner Russlands und seiner Politik. Das Format des Romans ist sehr mutig, ermöglicht aber auch, seine Vision darstellen zu können, ohne in ein politisches Korsett gezwungen zu sein. Ich schätze seine Vision als realistisch ein. Zumindest aber regt sie zum Nachdenken an“.

Thomas Spazier: „Ein interessanter Einblick in die Thematik von einem echten Russland-Experten“.

Anna Bukharova, Rotary Club Moskau Humboldt: „Herr Rahr hat eine sehr hohe Kompetenz in dem Bereich. Er hat auf Fragen sehr logisch und schnell geantwortet. Er hat was zu sagen“.

Daniela Kunisheva, Jugendrat für deutsch-russische Zusammenarbeit: „Eine wichtige Veranstaltung für die Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland. Alexander Rahr sieht Russland nicht als Feind, sondern als gleichwertigen Partner“.

dk