Bau von Großanlagen: China stärkster Konkurrent

Die Geschäftsaussichten im Großanlagenbau sind vielversprechend. Doch der Marktdruck steigt, auch seitens chinesischer Anbieter. In einer aktuellen Umfrage des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) wurde China erstmalig als wichtigster Wettbewerber identifiziert. Wir sprachen mit Klaus Gottwalt, Referent der VDMA-Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau, über den Konkurrenten China.

Klaus Gottwalt ist Referent der VDMA-Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau. Foto: VDMA

Herr Gottwalt, worum geht es, wenn wir von Großanlagen sprechen?

Gottwalt: Es geht um die Lieferung und den Aufbau großer Anlagen mit einem Umfang von mehr als 25 Millionen Euro – eher aber in der Größenordnung von mehreren hundert Millionen Euro. In Spitzenfällen kann es auch über eine Milliarde Euro sein. Typische Großanlagen sind zum Beispiel große thermische Kraftwerke, Chemieanlagen, Düngemittelanlagen oder große Stahlwerke.

In der Vergangenheit galten deutschen Anbietern immer andere deutsche oder europäische Unternehmen als stärkste Konkurrenten. Laut einer Umfrage unter Ihren Mitgliedern vom November wird China erstmalig als wichtigster Wettbewerber im Großanlagenbau gesehen – noch vor europäischen Konkurrenten. Was macht chinesische Anbieter wettbewerbsfähiger als vorher?

Gottwalt: Das ist sicherlich eine besondere Entwicklung, für die es eine Reihe von Gründen gibt. Die drei wichtigsten sind:

  • Die Anlagenbauindustrie wird vom chinesischen Staat stark gefördert, beispielsweise durch sehr günstige Finanzierungskonditionen, von Null-Zins-Krediten bis zu verzögerten Rückzahlungskonditionen, was es im Westen so nicht gibt.
  • Die Marktsättigung in China hat auch dazu geführt, dass die chinesischen Unternehmen stärker auf internationalen Märkten aktiv sind – im asiatischen Raum, in Afrika oder Südamerika.
  • Die Unternehmen haben sich natürlich auch technologisch stark entwickelt und auch in der Projektabwicklung dazugelernt, so dass das Projektmanagement sehr gut geworden ist.

Die Umfrage, die wir durchgeführt haben, ist zwar subjektiv. Aber bei internationalen Ausschreibungen treten die chinesischen Anbieter tatsächlich vermehrt in Erscheinung. Im Vergleich zu anderen Wettbewerbsnationen wie Südkorea oder den USA vertreten chinesische Unternehmen eine hohe Bandbreite von Industrien. Sie sind nicht nur im Stahl- oder Kraftwerksbereich aktiv, sondern beispielsweise auch im Textilbereich oder im Papieranlagenbau. China hat in nahezu allen Bereichen des Anlagenbaus eine starke Position. „Im Vergleich zu anderen Wettbewerbsnationen vertreten chinesische Unternehmen eine hohe Bandbreite von Industrien.”

„Im Vergleich zu anderen Wettbewerbsnationen vertreten chinesische Unternehmen eine hohe Bandbreite von Industrien.”

Müssen wir uns darauf einstellen, dass es der neue Normalzustand ist, dass China immer wettbewerbsfähiger wird?

Aufgrund der Historie, der Größe des Landes, des Bevölkerungsreichtums und aufgrund dessen, dass China wirtschaftlich das potenteste Land der Welt ist, gehe ich davon aus, dass sich an dieser Situation nichts ändern wird. Das muss man nicht negativ sehen, denn es eröffnet auch Chancen zur Kooperation. Ich denke, deutsche Anbieter sind technologisch immer noch führend, da gibt es Möglichkeiten zusammenzuarbeiten. Das ist eine Entwicklung, die wir mittlerweile seit fast 40 Jahren beobachten.

Es gibt jetzt schon Käufe in beide Richtungen. Einige unserer Mitglieder wurden auch von chinesischen Unternehmen übernommen. Das läuft alles gut. In China ist das vielleicht etwas schwieriger. Aber es gibt nicht nur die Möglichkeit zu kaufen, sondern auch, dass jeder seine eigenen Stärken mit einbringt. Und die sehe ich ganz klar im Bereich der Bauleistungen. Aber auch was das Engineering angeht sowie die deutsche Technologie- und die chinesische Finanzstärke. Zum jetzigen Zeitpunkt ist diese Art der Kooperation noch nicht so stark ausgeprägt, aber perspektivisch glaube ich, dass es durchaus Möglichkeiten gibt.

Welche Forderungen stellt der VDMA an die Politik, um die Rahmenbedingungen für deutsche Großanlagenbauer wettbewerbsfähiger zu gestalten?

Für unsere Unternehmen wäre es wichtig, dass es ein Umfeld gibt, das mit Blick auf Finanzierung und Exportkreditversicherungen gleiche Wettbewerbsbedingungen ermöglicht. Bei der Exportkreditversicherung nutzen die Deutschen deutsche Kreditversicherer, die sehr strenge Auflagen haben, was Umweltschutz oder Menschenrechte angeht. Da wäre es schön, wenn es einen Konsens gäbe, an den sich alle großen Anlagenbaunationen halten würden – so dass man zwar auf der technologischen und finanziellen Ebene konkurriert, aber dort gleiche Bedingungen hat. An die deutsche Politik gibt es die steuerpolitische Forderung, dass man ein Doppelbesteuerungsabkommen (für Unternehmen) mit China abschließt und auch im Bereich der steuerpolitischen Rahmenbedingungen vorankommt.

Das Interview führte Zhang Xiaodong.

Dieser Beitrag ist in der aktuellen Ausgabe von ChinaContact 1/2-2019 erschienen.