Wachstum 2019: Wirtschaft unter Druck

China dürfte einem schwierigen Jahr entgegensehen. Der heimische Konsum flaut ab, die weltweite Nachfrage ist mau, eine Eskalation des Handelskrieges könnte teuer werden.

Der heimische Konsum in China flaut ab, die weltweite Nachfrage ist mau, eine Eskalation des Handelskrieges könnte teuer werden. Foto: Gauthier DELECROIX – 郭天 / Lizenz: CC BY 2.0 / Quelle: flickr

Die letzten Monate deuteten es bereits an: China muss 2019 mit einer Abkühlung der Konjunktur rechnen. Das BIP-Wachstum lag 2018 voraussichtlich bei rund 6,6 Prozent. Die noch nicht veröffentlichten Werte für das vierte Quartal könnten allerdings schon spürbar darunter liegen, vermutet das Mercator Institute for China Studies. Die Exporte legten im Gesamtjahr zwar um 9,9 Prozent gegenüber 2017 zu, die Importe um knapp 16 Prozent, so Zahlen der chinesischen Zollbehörde vom Januar. Doch das bedeutete immerhin den niedrigsten Ausfuhrüberschuss seit fünf Jahren. Zudem seien die hohen Werte der vorigen Monate Experten zufolge nicht zuletzt auf die antizipierten Auswirkungen des Handelsstreits mit den USA zurückzuführen. Sie hätten Importeure dazu bewogen, vorsorglich mehr einzuführen. Im Dezember verzeichneten die Ausfuhren bereits einen Rückgang um 4,4 Prozent, die Einfuhren um 7,6 Prozent. Der Einkaufsmanager-Index schrumpfte im Dezember auf 49,4 Punkte – das niedrigste Niveau seit drei Jahren. Das Wachstum der Industrieproduktion war bereits im November mit 5,4 Prozent auf den tiefsten Stand seit 2003 gerutscht.

Quelle: OECD nach Daten von CEIC / eigene Darstellung

Wachstum hängt von Handelskrieg ab

Durch die Bank senkten die Ökonomen zum Jahreswechsel ihre Prognosen für Chinas BIP-Wachstum 2019. Die Chinese Academy of Social Sciences rechnet mit 6,3 Prozent, die Weltbank geht in einem aktuellen Bericht von 6,2 Prozent aus. Die Schweizer Großbank UBS prognostiziert ein Wachstum von sechs Prozent. UBS-Chefvolkswirt für China, Wang Tao, rechnet damit, dass die derzeitigen US-Strafzölle auf chinesische Waren das BIP-Plus um rund ein Prozent schmälern könnten. Sollte sich der Konflikt nach dem Anfang März auslaufenden Waffenstillstand verschärfen und Washington die Strafzölle von gegenwärtig zehn auf 25 Prozent anheben oder auf alle chinesischen Exporte ausweiten, könnte das Chinas BIP-Wachstum im laufenden Jahr schnell 0,8 Prozentpunkte kosten, so Wang. „Ein voller Handelskrieg, der den gesamten chinesisch-amerikanischen Güterhandel mit Zöllen von 25 Prozent belegen würde, triebe den jährlichen volkswirtschaftlichen Schaden Chinas auf mehr als 30 Milliarden Euro“, warnte das Ifo-Institut. Die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) geht bei einem Worst-Case-Szenario sogar von einer Abkühlung auf 5,3 Prozent aus. Dies wäre der schlechteste Wert seit Beginn der quartalsweisen Erhebungen im Jahr 1992.

Nomura schätzt das Exportwachstum im kommenden Jahr auf 5,6 Prozent. UBS geht gar von nur vier Prozent aus. Die Einbrüche bei den Ausfuhren könnten den Arbeitsmarkt in den exportnahen Sektoren schnell 500.000 bis 1,2 Millionen Jobs kosten, prognostiziert Wang. Die größten negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft könne der Handelsstreit jedoch in Form von geringeren Investitionen ausländischer Unternehmen in China bringen. Wenn US-Unternehmen aufgrund der Spannungen und Unsicherheiten ihre Produktion aus China abziehen und Lieferketten verlagern, könnte dies negative Effekte weit über das Jahr 2019 hinaus haben. In einem Best-Case-Szenario, in dem China und die USA es schaffen, sich zu einigen und die gegenseitigen Strafmaßnahmen zu beenden, prognostiziert UBS ein Wachstum von 6,3 bis 6,4 Prozent für 2019.

Quelle: OECD nach Daten von CEIC / eigene Darstellung

Weltkonjunktur und heimische Nachfrage drücken auf die Bremse

Zu dem Handelskrieg gesellen sich negative Effekte aufgrund der prognostizierten schwachen globalen Nachfrage, steigender Lohnkosten und vergleichsweise niedrigen Investitionen. „Selbst wenn sich die Wolken an der Handels-Front verziehen“, sagte Frederic Neumann, stellvertretender Leiter Asian Economics Research bei HSBC gegenüber Bloomberg, „belastet die schwache heimische Nachfrage zumindest vorübergehend das Wachstum.“ Besonders deutlich wurde dies bereits im vergangenen Jahr in der Automobilindustrie. Zum ersten Mal seit über zwanzig Jahren ging der Absatz heimischer Fahrzeuge auf 28 Millionen Einheiten zurück, so Zahlen des Automobilverbands CAAM. Auch UBS geht von einem schwächelnden Konsum aus und schätzt das Wachstum 2019 auf 6,7 Prozent – vorausgesetzt, bereits angekündigte Steuererleichterungen könnten die langsameren Lohnzuwächse und den Stellenabbau in exportnahen Sektoren ausgleichen.

Die Inflation dürfte im laufenden Jahr um moderate 1,8 Prozent steigen, schätzt UBS – trotz hoher Ölpreise und steigender Importpreise bei einigen Waren aufgrund der Strafzölle und der chinesischen Gegenzölle etwa auf Sojabohnen.

Staatliche Stimuli sollen es richten

Einige Analysten sehen in der Konjunkturflaute eine Chance, das China Reformen vorantreibt und seinen Markt für ausländische Investitionen weiter öffnet. „Zudem erwarten wir, dass es ein stärkeres Commitment geben wird, den Privatsektor zu stützen und weitere marktorientierte Reformen umzusetzen, die helfen, das Vertrauen der Unternehmen in den Markt zu fördern“, heißt es bei UBS optimistisch. Vor allem im Bereich der Geldpolitik und der Infrastrukturinvestitionen werden weitreichende Maßnahmen erwartet. Die Chinesische Volksbank hat bereits angekündigt, den Wert der Mindestreserven für chinesische Banken um einen Prozentpunkt zu senken, um zusätzliches Geld in den Markt zu pumpen. Die so freiwerdenden Beträge könnten sich auf rund 1,5 Billionen Yuan (ca. 210 Mrd. USD) belaufen. Experten erwarten zudem weitere Kürzungen im laufenden Jahr. Davon sollen vor allem kleinere privatwirtschaftliche Unternehmen profitieren. Steuer- und Abgabensenkungen sollen die Unternehmen weiter entlasten.

Das Finanzministerium hat vorzeitig die Rahmenbedingungen für Anleihen in Höhe von 202 Milliarden US-Dollar festgelegt, die die Lokalregierungen ausgeben. So soll auch sichergestellt werden, dass es genug Kapital für Investitionen in Infrastruktur gibt, um die Konjunktur anzukurbeln. Auf der Zentralen Arbeitskonferenz zur Wirtschaftslage im Dezember sagte die Regierung, die Priorität liege jetzt darauf, einen gegenüber „externen Einflüssen“ widerstandsfähigen heimischen Markt zu schaffen. Die Staatliche Kommission für Entwicklung und Reform (NDRC) verkündete Anfang Januar, unter anderem verstärkt in den sozialen Wohnungsbau, die Armutsbekämpfung, Innovationen und Infrastruktur zu investieren. Die Weltbank warnte allerdings davor, dass sich China in Folge erhöhter staatlicher Konjunkturstimuli von seinem Ziel entfernen könne, die Staatsverschuldung zu reduzieren und riskante Kredite abzubauen.

pb

Dieser Beitrag ist in der aktuellen Ausgabe von ChinaContact 1/2-2019 erschienen.