Erholungsfahrt mit Hindernissen

Der russische Automobilmarkt wächst weiter in Richtung Vorkrisenniveau, 2018 sogar kräftig. Die politische und wirtschaftliche Situation dürfte aber auf die Entwicklung 2019 drücken. Dennoch glauben Deutsche weiter an den Markt.

Der russische Automobilmarkt wächst weiter in Richtung Vorkrisenniveau, 2018 sogar kräftig. Foto: iStock © Evgenii Emelianov

Seit der Ukraine-Krise und den westlichen Sanktionen war der russische Automotive-Markt im freien Fall. Fast drei Millionen verkaufte Fahrzeuge verzeichnete die Branche einst. Und der Markt gehörte zu den vielversprechendsten Europas. Russland werde Deutschland bald als größten Kfz-Absatzmarkt Europas ablösen, waren viele damals überzeugt. Heute ist Russland davon weit entfernt. Die Hoffnung ist aber nicht verloren. Das zeigt das Ergebnis 2018: Die Zeichen standen im vergangenen Jahr nicht nur auf Erholung, sondern auf kräftigem Wachstum. Zwölf Monate in Folge verzeichnete die Branche Zuwächse, anfangs im zweistelligen Bereich. Selbst zum Jahresende hielt das Wachstum weiter an – wenn auch im einstelligen Bereich. Und das obwohl die Vergleichsbasis aus dem Jahr 2017 bereits relativ hoch war. 1,8 Millionen Fahrzeuge wurden verkauft – ein Plus von rund 13 Prozent gegenüber 2016 und das beste Ergebnis seit 2015.

Der gute Zuwachs fußte neben der verschobenen Nachfrage aus der Krisenperiode 2015 und 2016 auch auf der Mehrwertsteuererhöhung ab 2019 von 18 auf 20 Prozent. Kunden nutzten die Preisangebote einschließlich des noch gültigen Mehrwertsteuersatzes, was den letzten zwei Monaten 2018 eine robuste Dynamik bescherte. „Ohne die bevorstehende Mehrwertsteuererhöhung im Januar wäre das Ergebnis schwächer ausgefallen“, kommentierte die Association of European Businesses (AEB) bereits das November-Ergebnis.

Beliebteste Marke ist und bleibt LADA. Rund 360.000 Fahrzeuge verkaufte der russische Hersteller 2018, was einem Zuwachs von mehr als einem Viertel entspricht. Laut Branchenkennern sind es vor allem das ständig wechselnde Produktangebot und der niedrige Preis, die dem Autobauer die Führungsposition sichern. Erst kürzlich brachte AvtoVAZ ein neues SUV-Modell auf den Markt, das beliebteste Segment in Russland mit einem Anteil von 27 Prozent (siehe Grafik). Das lässt auch ausländische Hersteller nachziehen. So hat der deutsche Autobauer BMW eine Modelloffensive gestartet, und zwar „die größte der Firmengeschichte“, wie Russland-CEO Stefan Teuchert im Interview mit OstContact erklärt . 2019 sollen mehrere BMW-SUV-Modelle auf den russischen Markt kommen. Damit erhofft sich der Konzern weiterhin überdurchschnittliches Wachstum. Das Ergebnis des Münchner Premiumherstellers im Jahr 2018 kann sich sehen lassen: ein Plus von 19 Prozent bei rund 35.600 verkauften Fahrzeugen. BMW belegt damit Rang 14 der beliebtesten Marken in Russland.

Quelle: Association of European Businesses / eigene Darstellung

Dreimal mehr verzeichnete der deutsche Volkswagen-Konzern mit rund 106.000 Fahrzeugen, was ihm den sechsten Platz in Russland sicherte. Daimler schaffte es mit nur schwachem Wachstum (+3,0%) auf Rang 13, knapp vor BMW.

Mehrwertsteuer schwächt Wachstum

Die Mehrwertsteuererhöhung beflügelte den Absatz 2018, doch 2019 dürfte sie für ein langsameres Wachstum sorgen. Mit der Erhöhung steigen die Preise und das drückt auf den ohnehin schmalen Geldbeutel der russischen Bürger. Zum Jahreswechsel registrierten Händler bereits den Preisanstieg bei Neuwagen. Nach einer Umfrage der Zeitung Kommersant machte die Mehrwertsteuererhöhung eine Preissteigerung von zwei Prozent aus. Weitere 2,5 bis drei Prozent schlugen die Automobilhersteller selbst drauf und begründeten dies mit dem Inflationsumfeld und einer stärker als erwarteten Abschwächung des Rubels.

Dennoch dürfte der Effekt der Mehrwertsteuererhöhung nicht allzu stark auf das Gesamtjahresergebnis drücken. Die Vereinigung russischer Autohändler (ROAD) rechnet 2019 damit, dass bis zu 50.000 Einheiten weniger verkauft werden. IHS Markit geht hingegen dennoch von einem kräftigen Absatzanstieg im laufenden Jahr aus: Im vergangenen Jahr prognostizierte das Unternehmen einen Absatz von 2,2 Millionen Einheiten für 2019. Die AEB zeigt sich vorsichtiger und prognostiziert 1,9 Millionen verkaufte Fahrzeuge. „Die Erhöhung der Mehrwertsteuer und die mögliche Verschärfung der US-Sanktionen führen insbesondere im ersten Quartal zu erheblichen Risiken und Unsicherheiten im Markt“, so der Verband. Wenn die Regierungspolitik und die Unterstützung des Automobilsektors unverändert bleibe, werde die Nachfrage aber stabil genug sein, um weiteres Wachstum zu ermöglichen.

Dass die Sanktionen 2019 auf die Nachfrage drücken, davon geht auch IHS Markit aus. Zwar sei die Wirtschaft stabil, jedoch bestünden nach wie vor erhebliche Risiken, insbesondere hinsichtlich des Verhältnisses Russlands zum Rest der Welt. Sollten zusätzliche Strafmaßnahmen in Kraft treten, dürfte das zu einer weiteren Abkühlung der Wirtschaftstätigkeit beitragen. Die gesamtpolitische und -wirtschaftliche Situation könnte zur Achillesferse der Marktentwicklung werden.

Auch Automobilhersteller und Zulieferer zeigen sich mit rosigen Prognosen zurückhaltend. BMW rechnet mit einer Abschwächung der Marktdynamik im ersten Halbjahr, ab dem zweiten dürfte es dann aber wieder aufwärts gehen. Zulieferer Leoni erwartet ebenfalls eine Abschwächung der Dynamik, und zwar aufgrund der Mehrwertsteuer, des Ölpreises und von Bankzinsen. Denn jedes zweite Auto in Russland wird mit einem Kredit gekauft. Dennoch: Laut Leoni werden einige neue Modelle von Herstellern wie Renault, Nissan, AvtoVAZ und KAMAZ auf den Markt kommen, was die Nachfrage ankurbeln dürfte.

Weniger Hilfe, mehr Lokalisierung

„Das Marktwachstum kann im Jahr 2019 erheblich zurückgehen“, sagt auch Konstantin Awakjan, Projektmanager für Geschäftsprozesse bei der AvtoSpecCentre Group of Companies. Das liege aber auch am Rückgang der staatlichen Unterstützung für die Automobilindustrie. Zwar hat die russische Regierung die Absatzförderprogramme wie „mein erstes Auto“ oder „Familienauto“ bis 2020 verlängert. Allerdings sollen dafür 2019 nur zehn Milliarden Rubel (129 Mio. EUR) bereitstehen. 2018 gab die Regierung noch 34,4 Milliarden Rubel und 2017 62,3 Milliarden Rubel aus, um die Industrie in Fahrt zu bringen. Eine anhaltende Förderung sei aber für die Entwicklung der Branche unerlässlich, fordert die AEB. Umso problematischer, dass die Maßnahmen der Regierung für 2019 weiterhin unklar sind, warnte der Verband auf seiner jährlichen Pressekonferenz zum Automarkt am 14. Januar in Moskau.

Neu ist auch die „Strategie zur Entwicklung der Automobilindustrie bis 2025“ des Industrieministeriums. Ihr zufolge soll der Absatz bis 2025 auf 2,6 Millionen Fahrzeuge zulegen. Der Grad der Lokalisierung soll auf 70 bis 85 Prozent, der Exportanteil auf zehn Prozent und die Zahl der Pkw mit Gasantrieb bis 2028 auf 30.000 neue Fahrzeuge pro Jahr steigen, berichtet Germany Trade & Invest (GTAI). Die auslaufenden Vereinbarungen zur Industriemontage werden durch Sonderinvestitionsverträge (SPIK) abgelöst. Zukünftig sollen nur noch die Produzenten Staatshilfe erhalten, die den Lokalisierungsgrad ihrer Werke erhöhen und Bauteile wie Motoren, Getriebe oder elektronische Assistenzsysteme in Russland herstellen. Der SPIK selbst wird auch überarbeitet. Die Unsicherheit, darüber, was dies beinhalten soll, haben Investitionsentscheidungen bisher zurückgehalten.

Negativ könnte sich auch die seit 1. April 2018 geltende erhöhte Entsorgungsabgabe für Kfz auf den Markt auswirken, die 2019 nochmals steigen soll. Das betrifft sowohl russische als auch importierte Fahrzeuge. Heimische und lokalisierte Hersteller können sich die Abgabe jedoch in Form von Subventionen zurückerstatten lassen. Importeure müssen die gestiegenen Kosten an die Kunden weitergeben. Gleichzeitig senkt Russland aber seine Zölle auf eingeführte Fahrzeuge von 20 auf 15 Prozent. Dazu hatte es sich im Zuge des WTO-Beitritts verpflichtet. Trotzdem dürfte der Marktanteil von Importfahrzeugen von derzeit 17 Prozent weiter schrumpfen, prognostiziert GTAI.

Ebenfalls 2019 wird der Elektronische Fahrzeugpass (PTS) eingeführt werden. Ab 1. November soll er verpflichtend sein. Technische, rechtliche und organisatorische Fragen bleiben jedoch weiter offen, berichtet die AEB. Hier habe die Regierung 2019 noch Nachholbedarf.

Deutsche kommen in Fahrt

Bei den deutschen Autoherstellern ist 2019 einiges in Bewegung. Im Frühjahr 2019 wird das neue Daimler-Werk bei Moskau erste E-Klasse-Limousinen vom Band rollen lassen. Künftig sollen dort auch die SUV-Modelle GLE, GLC und GLS produziert werden. BMW verhandelt derzeit mit dem Industrieministerium bezüglich eines Sonderinvestitionsvertrages und plant den Bau eines Montagewerks im Gebiet Kaliningrad. Volkswagen wird 2020 ein neues Crossover-Modell auf den russischen Markt bringen.

In Sachen Trends wird auch der russische Automarkt nicht vor E-Mobility und Gasantrieb haltmachen. Die Regierung forciert den Einsatz von E-Bussen auf Russlands Straßen. Dafür unterstützt sie Hersteller bis 2020 mit jährlich rund 20 Millionen Euro. Moskau wird ab 2021 keine Busse mit Verbrennungsmotoren mehr erwerben, was diesem Markt Dynamik bescheren dürfte. Sicher wird aber das beliebte SUV-Segment wachsen, bis zu 50 Prozent. Und auch insgesamt bietet der russische Markt weiter viel Potenzial. Nicht nur, weil Russlands Fuhrpark völlig veraltet ist.

Elena Matschilski

Dieser Beitrag ist in der aktuellen Ausgabe von OstContact 1/2-2019 erschienen.