Person der Woche: Sergei Guriew

Sergei Guriew. Foto: kremlin.ru

Aspekte

  • Der Wirtschaftswissenschaftler Guriew verließ Russland in Folge politischen Drucks.
  • Er gilt als einer der renommiertesten, aber auch kritischsten Experten Russlands.
  • Auch als EBRD-Chefökonom vermeidet er, nach Rssland zurückzukehren.

Sergei Guriew ist einer der prominesten liberalen Wirtschaftswissenschaftler Russlands. Als 2013 die „Neue Wirtschaftsschule“ (in Russland bekannt als „RESh“, Rossiskaya Ekonomicheskaya Shkola) in Moskau, deren Dekan er war, durchsucht und E-Mails der letzten fünf Jahre konfisziert wurden, verließ er das Land. Unter anderem hatte Guriew in der Expertenkommission mitgewirkt, die in der Yukos-Sache die zweite Verurteilung von Khodorkovsky als nicht rechtmäßig eingestuft hatte. Ebenso hatte er eine kleine Summe (weniger als 500 EUR) an den Antikorruption-Fonds des oppositionellen Aktivisten Aleksey Navalny gespendet, mit der Begründung, Russland brauche „mehr politischen Wettbewerb“. 2015 ließen die russischen Behörden verlautbaren, dass Sie keinerlei Vorbehalte gegen die Mitglieder der Kommission hegen Und auch Wladimir Putin persönlich erklärte, dass Guriew nach Russland zurückkommen könnte. Doch Guriew kam erst 2016 für Besuche auf Konferenzen wieder ins Land. Auch jetzt hat er, seit 2016 als Chef-Ökonom der Europäischen Bank für Entwicklung und Wiederaufbau (EBRD) aktiv, keine Absichten, langfristig in seine Heimat zurückzugehen. Dies schreibt die bekannte Wirtschaftstageszeitung „Vedomosti“, der Guriew vergangene Woche ein großes Interview gab. Guriew lebt inzwischen in Paris und wird dort an der renommierten Hochschule Sciences Po unterrichten, zu deren Lehrkörper er seit 2014 gehört. Er selbst hat sich als junger Mann aus Nord-Ossetien, einer Region im Nordkaukasus, bereits zu Sowjetzeiten durch hervorragende Studienleistungen hervorgetan und konnte 1997 bis 1998 am MIT in Boston studieren. Guriew hat für seine Forschungen zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Heute gilt Guriew als einer der angesehensten und kritischsten russischen Wirtschaftswissenschaftler.


Ansichten

  • Guriew lobt die gestiegene Unabhängigkeit der russischen Finanzmärkte.
  • Die letzten Jahre unter Putin kritisiert er als Rückschritt in Sachen Liberalisierung.
  • Seinen Weggang aus Russland begründet er mit dem Wunsch, „frei zu bleiben“.

Über die Fortschritte der russischen Wirtschaft (2018):

„Im Hinblick auf die Widerstandsfähigkeit der Finanzmärkte hat Russland einen weiten Weg hinter sich: Die Abhängigkeit von äußeren Schocks wurde stark verringert, das ist ein wichtiger Faktor.“

„Um eine wirkliche Marktwirtschaft zu werden, muss Russland die Eigentumsrechte schützen, ein unabhängiges und gerechtes Rechtssystem schaffen und sich noch mehr in die Weltwirtschaft integrieren.“

„Dass Russland im Ease of Doing Business Rating der Weltbank auf den 31. Platz vorgerückt ist, hat vor allem mit der veränderten Methodologie zu tun. Ich weiß das, denn ich war Teil der Arbeitsgruppe, die diese Methodologie überarbeitet hat.“

Über faire Wettbewerbsbedingungen (2018):

„Faire Wettbewerbsbedingungen bedeuten einerseits, dass private Firmen unabhängig von politischen Verbindungen die gleichen Konditionen erhalten, und zweitens, dass private und staatliche Unternehmen die gleichen Bedingungen erhalten.“

„In den ersten Jahren unter Putin gab es Verbesserungen, aber in letzter Zeit wird Russland zu einem Land mit niedrigem Niveau der staatlichen Institutionen und hoher Korruption.“

Über positive Beispiele (2018):

„Yandex ist zum Beispiel eine Firma, die, obwohl sie unter der Isolierung der russischen Wirtschaft und den Internet-Regularien leidet, weiterhin ein starker Konkurrent von Google in Russland bleibt.“

Über die Rentenreform (2018):

„Das, was in Russland im Moment geschieht, ist keine Reform, sondern die Konfiszierung einiger Hundertausende Rubeln der älteren Generation.“

Über die Arbeit der Zentralbank (2018):

„Wenn man sagt, dass die Zentralbank das Wirtschaftswachstum begrenzt, meint man die hohen Zinsen. Die reale Höhe der Zinsen hat aber nichts mit der Zentralbank zu tun (diese bestimmt den nominalen Zinswert). Für die Risiken, die den realen Zinswert beeinflussen, sind andere Staatsorgane verantwortlich.“

Über seinen Weggang aus Russland (2013):

„Ich bin kein politischer Flüchtling. Ich habe Russland aus persönlichen Gründen verlassen: Ich bevorzuge es, frei zu bleiben.“


Aussagen

  • Der EBRD-Chef lobt Guriews Erfahrung und Expertise.
  • Wladimir Putin gab sich in der Vergangenheit uninteressiert.
  • Die Naumann-Stiftung betont seinen Einfluss sowohl im Westen wie im Osten.

„Wir sind sehr glücklich, dass ein Wirtschaftswissenschaftler von der Status von Sergei Guriew zur EBRD kommt. Er bringt sehr große Erfahrung und Expertise mit, und kennt die Länder in denn wir aktiv sind. Er wird als Chef-Ökonom eine große Rolle in der Verwirklichung unserer Mission spielen.“

Sir Suma Chakrabarti, Vorsitzender der EBRD (2015)

„Guriew ist eine wahrlich herausragende Persönlichkeit. Er ist einer der besten russischen Netzwerker und öffentlichen Redner. Er erkennt den Kern eines Themas und erklärt jedem beliebigen Publikum, mit technischen Details oder in einfachen Worten.“

Anders Aslund, Wirtschaftswissenschaftler und Russland-Experte (2013)

„Ich habe vor kurzem seinen Namen zum ersten Mal gehört, und weiß nicht, ob er Gesetze gebrochen hat. Wenn er keine Gesetze gebrochen hat, dann droht ihm hier nichts.“

Wladimir Putin, Präsident der Russischen Föderation (2013)

„Wenn ein Vertreter der Elite mit der Opposition eine Verbindung eingeht, nimmt er ein großes Risiko auf sich.“

Aleksei Makarkin, Analyst beim Moskauer Zentrum für politische Technologien (2013)

„Sergei Guriew ist nicht nur ein weltbekannter liberaler Wirtschaftswissenschaftler, sondern auch einer der wichtigsten Analytiker des heutigen Russlands. In Ost und West hängen ihm Akademiker wie Unternehmer an den Lippen.“

Julius von Freytag-Loringhoven, Projektleiter der Friedrich-Naumann-Stiftung in Moskau (2018)