Dunkle Wolken über Irans Agrarindustrie

Der Iran ist für deutsche Unternehmen ein interessanter Importeur von Agrarprodukten wie Schafdärme für die Wurstherstellung. Darüber hinaus lassen sich dort auch lukrativ deutsche Waren absetzen, beispielsweise Futtermittel. Jetzt kommt das Business durch die US-Sanktionen massiv unter Druck.

Der Iran ist für deutsche Unternehmen ein interessanter Importeur von Agrarprodukten wie Schafdärme für die Wurstherstellung. Foto: © Koorosh Nozad Tehrani / flickr

Die deutsche Wurst gehört zu den Markenzeichen Deutschlands wie die Automarken, das Bier oder das Sauerkraut. Die internationalen Touristenführer übersetzen die einheimische Spezialität oft nicht einmal ins Englische, sondern verwenden einfach den deutschen Begriff „German wurst“. So stark hat sich das Fleischprodukt in den Köpfen der Ausländer als typisch deutsches Nahrungsmittel verankert. Doch sieht die Realität völlig anders aus. Denn nicht alle Bestandteile der Wurst stammen immer wirklich aus Deutschland, sodass selbst dieses deutsche Markenzeichen in Wirklichkeit ein internationales Produkt ist – wie viele andere Waren auch. Zu den Komponenten, die woanders hergestellt werden, gehört der Naturdarm, den die deutschen Hersteller aus Ländern importieren, die keine EU-Mitglieder sind. Ein wichtiger Lieferant, mit dem die deutschen Produzenten seit einigen Jahren zusammenarbeiten, ist der Iran. So haben die persischen Hersteller bis Ende August 2018 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ihre Gesamtausfuhren um fast ein Drittel erhöht. Unterm Strich standen Umsätze von 336 Millionen Euro. Das Geschäft mit dem Naturdarm aus dem Iran steuerte dazu 25 Millionen Euro oder etwa acht Prozent bei.

Exportliste: Wurstpelle auf Platz drei

Damit lag die Wurstpelle auf der Liste der Exportprodukte ganz oben – und zwar auf dem dritten Platz. Nur die mineralischen Brennstoffe (104 Mio. EUR), Früchte und Nüsse (96 Mio. EUR) wiesen noch höhere Verkaufsvolumina auf und nahmen so die ersten beiden Spitzenplätze der Rangliste ein.

„Die Schafdärme eignen sich gut für unsere Würstchen, weil sie eine hohe Konsistenz haben“, sagt Hermann Schlöder vom des Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) im Gespräch mit IranContact. „Der deutsche Endverbraucher sieht übrigens nicht, dass die Saitlinge für die Würstchen aus dem Iran kommen“, erklärt er. „Grundsätzlich ist der Iran für uns ein interessantes Drittland für die Zusammenarbeit in der Landwirtschaft“, betont der Leiter des Referates für internationale Rohstoffpolitik, Export und Absatzförderung am Rande der Fachmesse Eurotier.

Der Iran mit seinen 80 Millionen Konsumenten ist ein Land, das stark von der Landwirtschaft geprägt ist. Die landwirtschaftliche Produktion ist seit der Jahrtausendwende um 40 Prozent gewachsen. Wie aus Zahlen des Statistischen Bundesamtes hervorgeht, wird derzeit rund ein Drittel von fast 1,7 Millionen Quadratkilometern landwirtschaftlich genutzt. Grundsätzlich gilt die Tierhaltung des Landes als weit entwickelt, und die Bevölkerung verfügt über einen hohen Bildungsstand. Bei der Produktion von Hühnerfleisch gehört der Iran sogar zu den zehn größten Herstellern weltweit. Wie die iranische Kammer für Handel, Industrie, Bergbau und Landwirtschaft berichtet, werden pro Jahr drei Millionen Tonnen produziert. Der Verbrauch von Hühnerfleisch ist mit 25 Kilogramm mehr als doppelt so hoch wie der globale Durchschnitt. Es werden 393 Millionen Hähnchen produziert. Die Hähnchen-Industrie generiert pro Jahr Umsätze von 2,6 Milliarden US-Dollar.  Deswegen gehört die Futtermittelindustrie zu den größten Wirtschaftszweigen. Die einheimische Branchenvertretung Iran Feed Industry Association (IFIA) schätzt, dass es aktuell 26.000 Farmen gibt, in denen 3,6 Millionen Tiere gehalten werden. Die Zahl der Schafe, die die Därme liefern, beträgt fast 48.000.

Den iranischen Herstellern kommt derzeit zugute, dass sich die Konjunktur in der deutschen Wurstindustrie positiv entwickelt: Der Gesamtaußenumsatz des deutschen Naturdarmhandels ist im vergangenen Jahr im Vergleich zum Vorjahr um 5,4 Prozent gestiegen. Letztlich standen Verkaufserlöse von 229.000 Tonnen in den Finanzbüchern, die die deutschen Unternehmen mit den internationalen Partnern erzielt haben. Die Gesamteinfuhren steuern dazu 45 Prozent bei und lagen bei etwa 103.700 Tonnen. Die Importe sind im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozent geklettert. Das zeigt, wie groß der Bedarf an Naturdärmen aus anderen Ländern ist, beispielsweise aus dem Iran.

Deutsche Wurstindustrie braucht immer mehr Schafdärme

„Im Wurstland Deutschland halten die Konsumenten der Wurst die Treue“, heißt es in einem aktuellen Bericht des Zentralverbandes Naturdarm (ZVD). „Der Pro-Kopf-Fleischverzehr ist 2017 zwar um 1,3 Prozent auf 59,7 Kilogramm zurückgegangen, aber der Wurstproduktion tat das keinen Abbruch“, berichtet der Verband. „Sie legte mit 1,537 Millionen Tonnen mit 0,3 Prozent sogar noch etwas zu“, erklärt der ZVD.

Doch ist der Iran für die deutschen Unternehmen nicht nur als Partner für Importprodukte, sondern auch als Absatzmarkt für deutsche Waren interessant. Der Anteil der Nahrungs- und Futtermittel an den deutschen Ausfuhren ist zwar noch nicht groß, aber spürbar. So lag er im vergangenen Jahr bei etwa 4,3 Prozent der Gesamtexporte in den Iran, die ein Volumen von rund drei Milliarden Euro aufwiesen.

Auch Export von deutschen Futtermitteln attraktives Geschäft

Dass dieses Exportgeschäft für die deutschen Unternehmen lukrativ sein kann, findet auch Schlöder vom BMEL: „Auch wir sehen im Iran einen Bedarf an deutschen Futter- und Lebensmitteln. Allerdings haben sich die neuen Sanktionen der USA dahingehend ausgewirkt, dass die Firmen sehr zögern, mit dem Iran Geschäfte einzugehen“, sagt er. „Wenn sie ein Business mit den USA haben, befürchten sie negative Konsequenzen.“

Die landwirtschaftlichen Produkte sind zwar nicht direkt von den neuen US-Sanktionen betroffen, doch haben die Unternehmen zunehmend Schwierigkeiten, ihren Zahlungsverkehr abzuwickeln. Denn der Finanz- und Bankensektor wird durch Washington seit dem 3. November unmittelbar sanktioniert. Zu den deutschen Unternehmern, die im Iran Geschäfte machen, gehört auch Antje Eckel, Geschäftsführerin des gleichnamigen Herstellers von Futterzusatzstoffen aus der Gemeinde Niederzissen in Rheinland-Pfalz. Sie liefert ihre Produkte seit 2010 in das Land. Seit 2015 arbeitet sie mit ihrem aktuellen Distributionspartner zusammen. „Die Sanktionen haben sich sehr stark auf unser Geschäft ausgewirkt“, sagt Eckel. „Zum einen hat unser Distributionspartner Probleme, Devisen zu tauschen, und die Wartezeiten betragen oft mehrere Monate.“ Zum anderen gebe es eben kaum noch deutsche Banken, die Zahlungen aus dem Iran annehmen. „Hierzu war viel Recherche nötig, und wir mussten uns eine neue Bank für das Iran-Geschäft suchen“, so Eckel, die noch auf weitere Aspekte hinweist.

Transportpreise um die Hälfte gestiegen

„Ebenso ist es eine Herausforderung, Speditionen zu finden, die noch Transporte anbieten“, sagt sie. „Dies führt nicht nur zu verlängerten Lieferzeiten, sondern auch dazu, dass sich die Transportpreise um 50 Prozent erhöht haben“, erklärt Eckel. Das sei durchaus frustrierend, zumal ihr Vertriebspartner alles versuche, um das Geschäft weiterzuentwickeln und das Potenzial vorhanden sei.

„Wichtig wird jetzt sein, wie die Zweckgesellschaft (SVP) funktioniert, die die EU plant, um die Investoren bei weiteren Geschäften mit dem Iran zu unterstützen“, betonen iranische Manager im Gespräch mit IranContact. „Der Wille der ausländischen Unternehmer ist wichtiger als die Pläne der Regierungen der Länder, aus denen sie stammen“, erklären sie. „Politische Entspannung wäre der oberste Wunsch“, sagt auch Eckel. „Wer miteinander Geschäfte macht, zankt sich nicht, oder eher selten. Sehr hilfreich für uns wäre eine Vereinfachung bei Kreditversicherungen für den Iran, sodass wir unseren Partner mit Zahlungszielen besser unterstützen könnten, ohne selbst ein zu hohes Risiko eingehen zu müssen“, so die Unternehmerin.

von Sebastian Becker

Dieser Beitrag ist in IranContact 11/12-2018 erschienen.

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