Mitten im Spurwechsel

Deutschland bleibt eines der beliebtesten Auslandsziele chinesischer Investoren. Deren Engagement in Forschung und Entwicklung nimmt zu, ebenso wie die Zahl der Forschungskooperationen.

Mehr Forschung und Entwicklung: Auch der Automotive-Zulieferer Yanfeng (YFAI) betreibt ein Innovationszentrum in Deutschland. Foto: YFAI
Mehr Forschung und Entwicklung: Auch der Automotive-Zulieferer Yanfeng (YFAI) betreibt ein Innovationszentrum in Deutschland. Foto: YFAI

Für 2017 nennt das Beratungsunternehmen Ernst & Young 54 Übernahmen und Beteiligungen chinesischer Investoren in Deutschland (zum Vergleich: im Vorjahr waren es 68) und beziffert die damit verbundene Investitionssumme auf 13,7 Milliarden US-Dollar. Das ist ein Anstieg um neun Prozent gegenüber 2016. Die Chinesische Handelskammer in Deutschland e. V. (CHKD) spricht in diesem Zusammenhang von einem Spurwechsel – weg von der „Einbahnstraße“ und hin zu einer „wechselseitigen Überholspur“. Dabei geht es zunehmend um das Thema Innovation. Chinesische Unternehmen wollen von Deutschlands Hidden Champions lernen, sie wollen ihre Innovationsfähigkeit erhöhen und die Qualität ihrer Produkte verbessern. Deshalb verstärken sie hierzulande ihre F&E-Aktivitäten.

Seit Deutschland und China im Jahr 2014 eine engere Zusammenarbeit auf diesem Gebiet beschlossen haben und eine Innovationspartnerschaft eingegangen sind, haben sowohl die Investitionen chinesischer Unternehmen in Forschung und Entwicklung als auch die Anzahl chinesisch-deutscher Forschungskooperationen deutlich zugenommen, so ein Ergebnis der diesjährigen Geschäftsklima-Umfrage, die die CHKD im Zeitraum April bis Juni 2018 unter ihren Mitgliedsunternehmen durchgeführt hat. Aufgrund des Wettbewerbs innerhalb ihrer Branchen legen viele der befragten Unternehmen großen Wert auf Forschung und Innovationen, heißt es in der Studie. Zwar hat der europäische Markt für sie vor allem für ihre Marketing- und Vertriebsaktivitäten große Bedeutung, 42,5 Prozent der befragten Unternehmen forschen jedoch bereits in Deutschland. Zu den Maßnahmen, die sie zur Förderung von F&E in ihren Unternehmen ergreifen, zählen die Gründung oder die Erweiterung von Forschungseinrichtungen (41,7 %), höhere Investitionen in F&E (61,1 %), die Vergrößerung des F&E-Teams (58,3 %) und die Erhöhung des F&E-Outputs (47,2 %).

Neuer Trend: F&E-Zentren in Deutschland

Von den 1.500 chinesischen Unternehmen, die laut CHKD-Definition in Deutschland ansässig sind (die Wirtschaftsfördergesellschaften der Bundesländer sprechen von 3.100), unterhalten bereits etwa 40 ein eigenes F&E-Zentrum und dieser Trend hält an. Erst im Oktober eröffnete der Büromöbelhersteller SUNON in Berlin ein F&E-Zentrum. Bereits einige Monate früher lud der Anbieter automobiler Innenausstattungen Yanfeng Automotive Interiors (YFAI) zur Eröffnung seines neuen Innovationszentrums ein. Das Unternehmen entstand 2015 als Joint Venture zwischen Yanfeng, einem der größten Automobilzulieferer in China, und dem Anbieter von Automobilsitzen Adient. Seit 2015 ist Yanfeng mit seiner Europazentrale in Neuss ansässig und steuert von dort aus seine 15 Standorte in Europa. Das Unternehmen hat sich auf die Entwicklung von Türverkleidungen, Instrumententafeln, Cockpits und Mittelkonsolen spezialisiert und beliefert weltweit alle namhaften Autohersteller. Neben Daimler, BMW, VW, Ford und GM zählen auch die neuen Akteure an der Westküste Kaliforniens zu seinen Kunden.

Im neu eröffneten European Innovation Center am Standort in Neuss werden alle unterschiedlichen Funktionen des Innovationsbereichs unter einem Dach zusammengefasst – neben der Konsumenten-und Marktforschung auch das Industriedesign, die Produkt- und Prozessinnovation sowie der Bereich „User Experience“. Den 40 Designern und Ingenieuren der 600 Mitarbeiter umfassenden YFAI-Belegschaft in Neuss steht nun ein neues Gebäude mit insgesamt 2.550 Quadratmetern Bürofläche zur Verfügung. Dort wird am Autoinnenraum der Zukunft gearbeitet, der zunehmend durch den Einsatz neuer, innovativer Materialien und Technologien geprägt ist. Denn das ist der Anspruch des Unternehmens: Nicht auf neue Automobil-Trends wie autonomes Fahren, Elektromobilität und Carsharing nur zu reagieren, sondern diese aktiv mitzugestalten. Damit gehört YFAI zu den chinesischen Unternehmen, die in Deutschland eine nachhaltige Entwicklungsstrategie verfolgen, lokale Arbeitsplätze schaffen und so einen wichtigen Beitrag zum bilateralen Wirtschaftsaustausch leisten. Dieses Engagement wird gewürdigt: im Februar wurde YFAI als Top-Arbeitgeber 2018 zertifiziert und im Juni dieses Jahres von Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsfördergesellschaft für seine hervorragende und erfolgreiche Arbeit mit dem NRW.INVEST Award ausgezeichnet.

Effiziente Info-Kanäle fehlen

Die diesjährige CHKD-Umfrage zeigt aber auch, dass sich chinesische Unternehmen bessere Informationsmöglichkeiten wünschen, insbesondere wenn es darum geht, Zugang zu Fördermitteln zu erhalten. Denn wie andere ausländische Unternehmen benötigen auch sie vor, während und nach dem Eintritt in den deutschen Markt umfangreiche Informationen, um ihre Investitionsziele abzustecken, Entscheidungen zu treffen und operative Maßnahmen zu ergreifen, heißt es in der Studie. Auch wenn chinesische Unternehmen in Deutschland vermehrt im F&E-Bereich tätig sind, hat die deutliche Mehrheit (94,2%) der befragten Unternehmen bisher noch keine F&E-Fördermittel beantragt. Einer der Hauptgründe dafür sei der Mangel an Informationen und der allgemein schwere Zugang zu F&E-Fördermitteln. Laut CHKD besteht ein großer Bedarf an effizienteren Informationskanälen sowie -angeboten zur Beantragung von Fördermitteln, zu Modalitäten von F&E-Kooperationen mit deutschen Partnern und zum Umgang mit den Eigentumsrechten aller beteiligten Partner.

Petra Reichardt

Verteilung chinesischer Unternehmen auf Deutschland*

NRW: 1.100
Hessen: 700
Hamburg: 550
Bayern: 400
Bremen: 120
Baden-Württemberg: 100
Neue Bundesländer: 97
Berlin: 64

* Angaben von deutschen Wirtschaftsförderorganisationen (Quelle: „Geschäftsklimaindex 2017/18 – Chinesische Unternehmen in Deutschland“, Chinesische Handelskammer in Deutschland)

Definition „Chinesisches Unternehmen“

Von einem chinesischen Unternehmen spricht die CHKD, wenn es sich entweder um ein Unternehmen mit Sitz in Deutschland handelt, das ein unmittelbares oder mittelbares Beteiligungsunternehmen eines chinesischen Unternehmens ist (Übernahme, Fusion, Joint Venture) oder wenn es sich um ein Unternehmen handelt, das von einer chinesischen Muttergesellschaft oder deren Tochtergesellschaft in einem Drittland investiert und gegründet wurde (Greenfield-Investitionen, Repräsentanzbüros etc.).

Dieser Beitrag ist in ChinaContact 11/12-2018 erschienen.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here