E-Mobilität und Mobilitätsangebote: China liegt vorn

China wird zum globalen Innovationstreiber in der Automobilindustrie. Im Rennen um den künftigen Markt für Mobilitätsdienstleistungen hat sich das Land eine Führungsposition erarbeitet. 

Deutsche wollen an Chinas Vorsprung teilhaben (hier BMW und Vertreter von Baidu sowie Kanzlerin Merkel und premier Li im Juli 2018). Foto: iStock © BMW Group

Jedes zweite in der ersten Jahreshälfte 2018 verkaufte Elektroauto ging an einen Kunden in China. Gleichzeitig hat das Land seine Ladeinfrastruktur in den vergangenen zwölf Monaten massiv ausgebaut und neue Teststrecken für autonomes Fahren eingerichtet. Chinesische Konsumenten tragen den Fortschritt mit und nutzen Mobilitätsangebote wie Car-Sharing und Mitfahrgelegenheiten. Das sind die zentralen Aussagen einer Untersuchung von Roland Berger Strategy Consultants, deren Ergebnisse im „Automotive Disruption Radar #4“ ausführlich beschrieben werden.

„Kein anderes Land ist so fortschrittlich und offen für neue Technologien und Mobilitätsdienste. Die meisten traditionellen Auto-Nationen stagnieren dagegen oder bewegen sich nur langsam“, sagt Wolfgang Bernhart, Partner bei Roland Berger. „China ist nicht nur der weltweit größte Absatzmarkt für Autos und ein wichtiger Produktionsstandort. Es hat sich längst von der Werkbank zum Labor der Industrie entwickelt.“

Die Führungsrolle Chinas zeigt sich unter anderem beim Ausbau der Infrastruktur für batteriebetriebene Fahrzeuge. So hat das Land seine Kapazitäten trotz des riesigen Straßennetzes in den vergangenen zwölf Monaten verdoppelt – von 2,5 auf 5,7 Ladestationen pro 100 Kilometer. Zum Vergleich: In Deutschland stehen im Durchschnitt 4,5, in Frankreich 2,3 und in den USA 0,3 Stationen pro 100 Kilometer Strecke zur Verfügung. Das in die Ladeinfrastruktur investierte Geld ist gut angelegt, denn die Chinesen zählen zu den Verbrauchern mit dem größten Vertrauen in Elektromobilität: Immerhin 65 Prozent der Befragten können sich vorstellen, als nächstes ein Auto mit Elektroantrieb zu kaufen. Damit sind sie deutlich innovationsfreudiger als die Käufer in Westeuropa, wo das Interesse bei mageren 30 Prozent stagniert.

Entwicklung wird massiv gefördert

Innovative Mobilität ist eines der Themen, denen Chinas politische Führung hohe Priorität beimisst. Mit standardisierten Richtlinien und der grundsätzlichen Offenheit für selbstfahrende Autos hat sich das Land inzwischen zum globalen Testgelände und Zukunftsmarkt auch für große ausländische Hersteller entwickelt. Erst vor Kurzem haben die deutschen Autokonzerne Daimler und BMW die Erlaubnis für den Testbetrieb von autonomen Fahrzeugen auf den Straßen von Peking und Shanghai erhalten. Parallel dazu treibt die Regierung Initiativen zur Vernetzung von Fahrzeugen sowohl mit anderen Fahrzeugen als auch mit mobilen Endgeräten und elektronischen Straßenschildern voran. Damit will Peking den amerikanischen IT-Anbietern die Technologieführerschaft streitig machen.

In dem Bestreben, die Elektromobilität weiter voranzubringen, hat die chinesische Regierung zudem die bisher für ausländische OEM geltenden Beschränkungen bezüglich der Anteile an chinesischen Herstellern von Elektrofahrzeugen aufgehoben. Doch nicht nur die politische Seite ist stark engagiert. Auch die chinesische Industrie – Autobauer wie Technologiekonzerne – hat ihre Aktivitäten in den vergangenen Monaten intensiviert und Kooperationsabkommen geschlossen oder vertieft.

OEM investieren stark in Mobilitätsplattformen: Geely betreibt zum Beispiel Caocao Zhuanche und FAW, Dongfeng und Changan starten T3 Mobile Travel Services.

Auch ausländische OEM kooperieren mit lokalen Technologieriesen in autonomen Fahrprojekten, so zum Beispiel BMW mit Baidu und Audi mit Huawei. Der Fahrgemeinschaftsriese Didi arbeitet mit mehr als 30 Automobilherstellern zusammen und plant, ein eigenes Automodell auf den Markt zu bringen. Dazu kommt, dass immer mehr chinesische Städte dem traditionellen Verbrennungsmotor eine Absage erteilen und sich entscheiden, den Einsatz von Elektrofahrzeugen aktiv zu fördern.

Globaler Markenführer nicht in Sicht

Trotz des fleißigen Wettrüstens der Technologiegiganten sowie der Automobilhersteller bei disruptiven Mobilitätskonzepten sehen die Fachleute bei Roland Berger noch kein Unternehmen auf Platz eins. „Obwohl die Aufmerksamkeit für Themen wie autonomes Fahren, Konnektivität und Elektromobilität in der weltweiten Öffentlichkeit sehr groß ist, gibt es immer noch keine internationalen Markenführer“, fasst Wolfgang Bernhart zusammen.

Klar angeführt wird das aktuelle Ranking von Uber (USA), das allerdings auch „nur“ 46 Prozent der Befragten kennen, gefolgt von blablacar (Frankreich) mit 20 Prozent und Daimlers car2go mit neun Prozent. Damit sei das Rennen um die Position des innovativsten Mobilitätsdienstleisters noch offen, ordnet Bernhart ein.

Dieser Beitrag ist in ChinaContact 9-10/2018 erschienen.

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