Herausforderungen gemeinsam meistern

Der „Hamburg Summit: China meets Europe“, organisiert von der Handelskammer Hamburg, findet in diesem Jahr zum achten Mal statt. Die Veranstaltung zählt zu den wichtigsten Plattformen für den europäisch-chinesischen Dialog. Im Vorfeld der Konferenz sprach ChinaContact mit dem Präses der Handelskammer Hamburg Tobias Bergmann.

Tobias Bergmann, Geschäftsführer der Nordlicht Management Consultants GmbH, ist seit April 2017 Präses der Handelskammer Hamburg. Foto: Handelskammer Hamburg
Tobias Bergmann, Geschäftsführer der Nordlicht Management Consultants GmbH, ist seit April 2017 Präses der Handelskammer Hamburg. Foto: Handelskammer Hamburg

Herr Bergmann, was macht den „Hamburg Summit“ aus?

Bergmann: Der „Hamburg Summit“ ist in den Jahren zu einer prominenten Plattform geworden, um die wesentlichen Fragen und Trends in den Wirtschaftsbeziehungen zwischen Europa und China zu diskutieren. Alle zwei Jahre besuchen uns Spitzenvertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft, aber auch wichtige Regierungsvertreter aus China, Europa und Deutschland. Gemeinsam diskutieren sie die aktuellen Herausforderungen in den bilateralen Beziehungen. Vor zwei Jahren hat zum Beispiel die damalige stellvertretende Ministerpräsidentin, Liu Yandong, über die strategische Rolle von Innovationen und Hochtechnologien für Chinas Wirtschaftsmodell gesprochen und dabei wichtige Impulse für die weitere wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen der Volksrepublik und Europa gegeben.

Seit der letzten Konferenz im Jahr 2016 hat sich die politische Landschaft im Dreieck China-Europa-USA verändert. Die Spannungen im Weltwirtschaftssystem finden ihren Ausdruck im Handelskrieg zwischen China und den USA. Was bedeutet das aus Ihrer Sicht für die europäisch-chinesischen Handelsbeziehungen?

Bergmann: In der Tat ist seit 2016 zu beobachten, dass sich das Kräftegewicht weltweit verschiebt. Die USA ziehen sich zurück, China gewinnt global weiter an Einfluss. Deshalb muss auch die EU ihr Verhältnis zu China neu definieren: Eine Abstimmung mit der Volksrepublik im Vorgehen gegen die protektionistischen Tendenzen Amerikas muss einhergehen mit kritischer Distanz zur immer noch mangelnden Marktöffnung Chinas. Der „Hamburg Summit“ in diesem Jahr kann daher weichenstellend für die weitere Zusammenarbeit zwischen China und Europa sein, insbesondere im Verhältnis zu den USA. Wirtschafts- und Regierungsvertreter aus China und Europa können im November offen über diese Themen diskutieren und eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe fördern.

Chinas Ankündigung 2017 in Davos, künftig eine führende Rolle im Weltwirtschaftssystem zu übernehmen und sich weiter für die internationale Wirtschaft zu öffnen, hatte viel Hoffnung erzeugt. Mittlerweile gibt es Fortschritte auf dem Weg zu einem Investitionsschutzabkommen zwischen der EU und China. Andererseits halten Chinas Reformen noch immer nicht Schritt mit der schnell reifenden Wirtschaft des Landes. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen im europäisch-chinesischen Austausch?

Bergmann: Die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen sind aktuell noch von Spannungen und Schwierigkeiten geprägt. Laut einer aktuellen Studie der europäischen Handelskammer in China, sind viele europäische Unternehmen von den ausbleibenden Reformen und dem verlangsamten Wirtschaftswachstum in China betroffen. Aber auch China blickt mit Sorge auf eine Europäische Union, die durch die anhaltende Staatsschuldenkrise und die Brexit-Entscheidung des Vereinigten Königreiches vor großen Herausforderungen steht. Unser „Hamburg Summit“ bietet eine Plattform für den offenen Dialog und leistet damit einen wichtigen Beitrag zum Abbau der Spannungen in den Wirtschaftsbeziehungen. Denn nur wenn beide Seiten miteinander reden und ihre Positionen erklären, kann Orientierung für die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen zwischen China und Europa gegeben werden.

Inwieweit sind Auswirkungen dieser Reformdefizite sowie der genannten Spannungen in Hamburgs Wirtschaft zu spüren?

Bergmann: China ist seit vielen Jahren der wichtigste Handelspartner unseres Hafens, noch vor Russland und Singapur, das war auch im Jahr 2017 wieder so. Trotz des verlangsamten Wirtschaftswachstums in China ist die Handelsbilanz mit dem Hamburger Hafen im Vergleich zum Vorjahr positiv und der Containerumschlag sogar angestiegen. Diese Zahl verdeutlicht einmal mehr, wie wichtig China für Hamburgs Wirtschaft ist.

Inwieweit profitieren Hamburg und die hier ansässigen Unternehmen von Chinas Infrastrukturplänen im Rahmen der Neuen Seidenstraße?

Bergmann: Hamburg ist als führender China-Standort in Deutschland logischer Teil der Neuen Seidenstraße. Als Knotenpunkt des internationalen Güterverkehrs und Chinas Tor nach Europa kann Hamburg sowohl von der maritimen als auch der landseitigen Seidenstraße profitieren. Zwischen China und Hamburg verkehren bislang 235 Zugverbindungen wöchentlich, rund ein Viertel mehr als noch im Vorjahr. Das ist ein Indiz für die Kooperationschancen von Hamburger Unternehmen mit China – und das nur für die landseitige Neue Seidenstraße.

Wie stellt sich Hamburg auf, um seine Expertise auch weiter in dieses Großprojekt einzubringen?

Bergmann: Die Neue Seidenstraße bietet für Hamburg vor allem in Verbindung mit der Digitalisierung große Chancen, bestehende Transportströme auszubauen und noch innovativer zu gestalten. Hamburg setzt dabei mit der Smart PORT Initiative der Hamburg Port Authority auf intelligente Lösungen für den Verkehrs- und Warenfluss im Hamburger Hafen. Davon können auch andere Häfen entlang der Seidenstraße profitieren. Für Hamburg ist darüber hinaus auch die landseitige Route immer mehr von Interesse. Der Schienengüterverkehr mit China gewinnt für Hamburger Unternehmen unter anderem für den Transport von Elektronikartikeln und Autoteilen an Bedeutung.

Ihre Stadt hat nicht nur einen schönen chinesischen Namen – 汉堡 Burg der Chinesen –, sondern pflegt seit Langem sehr intensive Beziehungen mit China, einschließlich der vor über 30 Jahren etablierten Städtepartnerschaft mit Shanghai. Wie hat sich der Austausch seit 2016 entwickelt?

Bergmann: China ist für Hamburg nicht nur von größter wirtschaftlicher Bedeutung, auch der intensive kulturelle Austausch zwischen den Partnern wird groß geschrieben. Seit 1986 pflegt Hamburg eine lebendige Städtepartnerschaft mit Shanghai. Im vergangenen November wurden die Grundlagen der Städtepartnerschaft in einem Memorandum of Understanding erneut fortgeschrieben – mit dem Ziel, beide Städte noch moderner und lebenswerter zu gestalten. Dazu zählt auch der rege Austausch zwischen Schülern, Studierenden sowie Fach- und Führungskräften aus beiden Städten. Mit der alle zwei Jahre stattfindenden CHINA TIME, die im September unter dem Motto „Pulse of the city“ in Hamburg stattgefunden hat, werden die Verbindungen zu Shanghai verstärkt und Hamburg noch attraktiver für chinesische Unternehmen.

Das Spektrum der Kooperationen hat sich in den vergangenen Jahren erweitert und geht über traditionelle Bereiche wie Handel und Logistik hinaus. Welche Trends beobachten Sie derzeit in der Zusammenarbeit zwischen Hamburg und China?

Bergmann: Der rasant wachsende Dienstleistungssektor in China bietet deutschen und Hamburger Unternehmen vielversprechende Geschäftschancen. Der Onlinehandel mit China ist ein wichtiger Trend für Hamburger Unternehmen. So bieten zahlreiche Hamburger Einzelhändler, wie die Hamburger Drogeriemarktkette Budnikowsky, bereits Zahlungsmethoden über WeChat oder AliPay für die kauffreudigen chinesischen Touristen an.

Hamburg und seine Unternehmen investieren in hohem Maße in die Zukunft der Stadt – Stichwort Digitalisierung. Wie spiegeln sich diese Anstrengungen in den Interessen chinesischer Investoren wider?

Bergmann: Wir beobachten, dass sich Hamburg aufgrund seiner Kompetenzen im Bereich Technologie und Industrie zu einem attraktiven Standort für chinesische Investoren entwickelt hat. Dies zeigen die Übernahmen des Chipherstellers NXP Semiconductors, des Hamburger IT-Unternehmens Smaato und der Hamburger Spielefirma Big Point durch chinesische Investoren. Wir begrüßen diese Entwicklungen sehr, denn der Wirtschaftsstandort Hamburg profitiert stark von den mehr als 550 chinesischen Unternehmen, die hier angesiedelt sind.

Wo sehen Sie künftig noch Möglichkeiten, das Potenzial beider Seiten zu bündeln, um sich den anstehenden Herausforderungen gemeinsam innovativ, nachhaltig und grün zu stellen?

Bergmann: Ein noch intensiverer Austausch ist für Hamburg und China unverzichtbar, damit wir die bevorstehenden Herausforderungen gemeinsam lösen können. Es ist wichtig, dass beide Partner weiterhin einen offenen Umgang pflegen und bereit sind, voneinander zu lernen und aufeinander zuzugehen. Ich denke hier konkret an das Thema Erneuerbare Energien. Hamburg hat auf diesem Gebiet deutschlandweit eine Vorreiterrolle und kann auf wichtige Erfahrungen zurückgreifen – etwa im Rahmen der Umwelthauptstadt 2011 oder bei zukunftsweisenden Technologien wie Wasserstoff-Anlagen. Hamburger Unternehmen können damit Chinas Entwicklung hin zu einem nachhaltigen, grünen Wirtschaftswachstum unterstützen.

Herr Bergmann, vielen Dank für dieses Gespräch.

Mit Tobias Bergmann sprach Petra Reichardt

Dieser Beitrag ist in ChinaContact 9-10/2018 erschienen.