Wirtschaftsforum auf Asien-Kurs

Mitte September fand das jährliche Eastern Economic Forum im Fernen Osten Russlands statt. Die breite Präsenz der asiatischen Länder auf dem Forum und das hingegen dünne Engagement aus Europa dürften Russlands Asien-Kurs nur bekräftigen. Das ist ein Verlust für Europa.

Mitte September fand das jährliche Eastern Economic Forum im Fernen Osten Russlands statt. Foto: kremlin.ru

Mit Staatspräsident Xi und den Ministerpräsidenten Abe und Lee waren China, Japan und Südkorea herausragend auf dem östlichen Wirtschaftsforum in Wladiwostok vertreten. Europäische Staats- und Regierungschefs waren dagegen nicht anzutreffen. Der ranghöchste Vertreter aus der EU war die französische Botschafterin in Russland. China hingegen trumpfte auch durch regionale politische Größen sowie durch die Präsidenten der größten Ölkonzerne wie Sinopec auf. Die chinesische Delegation in der russischen Hafenstadt umfasste mehr als 1.000 Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft.

Fokus auf Asien

Der politischen Präsenz entsprechend war auch die Gewichtung der Verträge und Absichtserklärungen, die unterzeichnet wurden. Die russische Region Primorje verständigte sich etwa mit dem chinesischen Bauunternehmen Sinomec über den Bau einer Ölraffinerie in der Nähe von Wladiwostok. Das Projekt verfügt über ein Investitionsvolumen von über 600 Millionen Euro. Rosneft und die chinesische Beijing Gas Group beschlossen die Gründung eines Joint Ventures zum Bau und Betrieb von bis zu 160 Gastankstellen in Russland. Ein weiteres Joint Venture für die Produktion von Industriemotoren gründeten der russische Automobilhersteller Kamaz und der chinesische Motorenhersteller Weichai Power.

Mit Japan strebt Russland eine engere Zusammenarbeit im Finanzbereich an. Eine entsprechende Vereinbarung wurde zwischen der Wneschekonombank (VEB) und der japanischen Bank for International Cooperation unterzeichnet. Im Fokus steht die Finanzierung von Projekten in Russlands Fernem Osten.

Auch im Energiesektor und in Sachen Digitalisierung wollen die Parteien zusammenarbeiten. Gazprom und der japanische Mischkonzern Mitsui & Co. Ltd. haben ein Memorandum über eine Zusammenarbeit am Baltic LNG-Projekt unterzeichnet. Das südkoreanische Telekommunikationsunternehmen KT Corporation schloss ein Memorandum mit der Regierung der Region Primorje ab. Es will in Wladiwostok ein „Smart City“-Projekt realisieren.

Die Absichten der EU waren dünner: Frankreich verkündete die geplante Eröffnung eines Baumarktes. Von deutscher Seite hat die Auslandshandelskammer AHK Moskau die Flagge hochgehalten, leider jedoch mit wenig politischer Unterstützung, was von der russischen Seite nicht unbeachtet blieb. Positiv heraus stach jedoch Siemens. Der Russland-CFO des Münchener Konzerns unterzeichnete diverse Memoranden mit russischen Regionen, unter anderem zur Digitalisierung und Energieeffizienz, und unterstrich damit wie wichtig es ist, nicht nur in den großen Ballungszentren aktiv zu sein.

Ein Appell an Europa – Noch ist es nicht zu spät!

Wer seit Langem in Russland lebt, sieht, dass sich das Verhältnis zu Russland verändert hat, und zwar zuungunsten Europas und insbesondere Deutschlands. Die deutsche Qualität, die Präzision, das Zeitmanagement – diese Tugenden schätzen die Russen weiter. Und Russland möchte auch an einer gemeinsamen Zukunft mit Europa und Deutschland festhalten. Deutschland sollte sich aber nicht einbilden, dass Russland wartet. China ist kein Wunschpartner, weder im europäischen Teil, noch in Sibirien. Die Russen haben mit dem Reich der Mitte auch die eine oder andere schmerzhafte Erfahrung erleiden müssen. Trotzdem zeigen die Zahlen und Relationen des Eastern Economic Forums eine klare Tendenz der Ausrichtung Russlands. Der Westen, fast ausschließlich Europa, hat viel verloren. China betreibt dagegen weiterhin energisch den Ausbau der Belt and Road Initiative (Neue Seidenstraße). Zwar hat Europa erkannt, dass die chinesische Führung gezielt ihre Standards und Normen entlang der Neuen Seidenstraße setzt und zementiert. Europa tut aber kaum etwas, um seine Akzente zu setzen.

Eine schlagkräftige Antwort und Ergänzung zur chinesischen Initiative wären Gespräche der EU mit der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU), um einen einheitlichen Wirtschaftsraum zu schaffen. In Zeiten eines neu aufflammenden Protektionismus wäre dies ein starkes Zeichen für mehr Handel und mehr Verständigung.

Zu diesem Thema arbeiten wir gerade an der zweiten Ausgabe unseres englischsprachigen Magazins EastContact. Schreiben Sie mir an us@owc.de, wenn wir Sie zu diesem Projekt informieren sollen.

 

 

 

 

 

Ulf Schneider
Geschäftsführender Gesellschafter und Herausgeber
OWC-Verlag