„Ein positives Abenteuer“ – Interview mit Thomas Köberlein

Die Schreiner Group, Oberschleißheim, hat 2016 einen Produktionsstandort im Großraum Shanghai eröffnet. Über die Entwicklung der chinesischen Tochter und deren Zukunftspläne sprach ChinaContact mit Thomas Köberlein, President SchreinerProTech und Managing Director der Unternehmung in Shanghai.

Intensive Ausbildung: Experten aus Deutschland erklären den neuen, lokalen Produktionsmitarbeitern in China die modernen Hightech-Maschinen. Foto: © Schreiner Group
Intensive Ausbildung: Experten aus Deutschland erklären den neuen, lokalen Produktionsmitarbeitern in China die modernen Hightech-Maschinen. Foto: © Schreiner Group

Herr Köberlein, mit welchem Konzept sind Sie vor zwei Jahren in Fengpu gestartet? 
Thomas Köberlein: Unsere Kunden sind die großen Automobilhersteller und deren Zulieferer. Wer deren strategischer Lieferant sein will, muss in Nordamerika, Europa und in China mit einer Produktion präsent sein. Für uns als Mittelständler ist solch ein Standortaufbau aber eine große Herausforderung, wir müssen da ökonomisch und effizient vorgehen. Deshalb begannen wir schon vor zehn Jahren damit, in Shanghai eine Außendienstorganisation aufzubauen. Wir wollten neue Kunden gewinnen und zugleich unsere weltweiten Kunden auch in China mit Außendienst- und Ingenieur-Services unterstützen. Letztendlich hatten wir nach einigen Jahren ein hinreichendes Geschäftsvolumen aufgebaut und so das Risiko einer Produktion vor Ort abgesichert. Der Standort sollte im Großraum Shanghai liegen, da rund 70 Prozent unserer Kunden dort ansässig sind. Klar war auch, dass die Produktionsstätte in China genauso hochmodern sein musste wie die in Deutschland. Wir waren uns einig, dass wir uns in China, genauso wie in Deutschland, vor allem über Innovations- und Qualitätsführerschaft profilieren möchten. Und genau so sind wir vorgegangen: Wir haben in neueste Maschinen sowie Gebäude- und Klimatechnik investiert und die Produktion aufgebaut. Dabei konnten wir uns auf ein Team von Expats stützen, die über Spezial-Know-how verfügen und in Fengpu auch die chinesischen Mitarbeiter ausgebildet haben.

Können Sie diese Entwicklung mit einigen Zahlen beschreiben?
Wir sind mit circa zwölf Mitarbeitern gestartet und jetzt sind wir bei 25. Zum Vergleich: Weltweit beschäftigt die Schreiner Group circa 1.100 Mitarbeiter. Unsere Anfangsinvestition belief sich auf fünf Millionen Euro. Als Gruppe machen wir weltweit rund 180 Millionen Euro Umsatz, davon in China rund sechs Millionen Euro. In China wachsen wir deutlich zweistellig.

Ich fand es total spannend, mich bei den chinesischen Behörden „durchzugraben“, zu verhandeln und dann trotz verschiedenster Widerstände alle Genehmigungen zu erhalten.

Was genau stellen Sie in China her?
Wir stellen verschiedene Funktionsteile auf Folienbasis für die Automobilindustrie her und können rund 300 Teile pro Mittelklasse-Pkw liefern. Unser lokales Produktionsportfolio erstreckt sich von industrieller Kennzeichnung mittels Speziallabels über Airbag Cover bis hin zu Membranen, die den Druckausgleich in Komponentengehäusen gewährleisten. Folien sind kostengünstig, leicht, benötigen wenig Raum und haben viele Fähigkeiten – für die Automobilindustrie ergeben sich daraus viele interessante Anwendungsmöglichkeiten.

Wenn Sie zurückschauen – was hat den Aufbau des Werks in Fengpu geprägt?
Das war ein richtig positives Abenteuer. China kenne ich seit Jahren. Bei Geschäftsreisen bin ich aber nicht in das lokale China eingetaucht, weil ich vor allem mit westlichen Unternehmen in China zu tun hatte. Das große Lernen dort setzte ein, als es darum ging, alle notwendigen Genehmigungen zu bekommen. Ich fand es total spannend, mich bei den chinesischen Behörden „durchzugraben“, zu verhandeln und dann trotz verschiedenster Widerstände alle Genehmigungen zu erhalten.

Thomas Köberlein ist President SchreinerProTech und Managing Director der Schreiner Group (Shanghai) Co., Ltd. Foto © Schreiner Group
Thomas Köberlein ist President SchreinerProTech und Managing Director der Schreiner Group (Shanghai) Co., Ltd. Foto © Schreiner Group

Inwieweit profitieren Sie von „Made in China 2025“?
Wir profitieren bereits von verschiedenen Aspekten dieser Strategie. In der Automobilindustrie kommt man heute nur noch an globale Projekte, wenn man auch in Nordamerika und in China produziert. Und: China benötigt bei der Umsetzung von „Made in China 2025“ innovative Zulieferer mit guten Ideen. Dass wir dafür die richtigen Partner sind, merken wir auch daran, dass es uns zunehmend gelingt, genau die chinesischen Firmen, die sich eine innovative Marktposition erarbeiten wollen, als Kunden zu gewinnen.

Gibt es in China bereits Wettbewerber, die Ihnen das Wasser reichen können?
Es gibt in China viele Wettbewerber für einzelne Segmente. Wir haben allerdings unseren großen Vorteil in der Produktentwicklung und in der nachhaltigen Qualität. Das heißt: Wir liefern eine Million Teile und dabei hat das erste Teil eine genauso hohe Qualität wie das Einmillionste. Da haben viele chinesische Wettbewerber noch Probleme.

Im jüngsten Business Confidence Survey der EU-Kammer in China beklagten befragte Unternehmen zunehmende Probleme: regulatorische Hindernisse, Marktzugangsbeschränkungen, ungleiche Behandlung etc. Welche Erfahrungen machen Sie diesbezüglich?
Im operativen Geschäft vor Ort, das heißt bei der Akquise von Kunden und bei der Herstellung unserer Produkte, kann ich aktuell keine Benachteiligungen durch die Behörden empfinden. Unsere Produkte werden auf hochmodernen effizienten Maschinen hergestellt. Gleichzeitig sind wir ein sehr umweltfreundlicher Standort. Dies sind wichtige Themen, auf die chinesische Behörden und Kunden sehr achten. Unsere Produkte sind in China gern gesehen, weil wir die Zukunftsindustrien beliefern. Ich sehe aber Probleme bei der Datenübertragung zwischen Mutterfirma und unserem Tochterwerk. Da muss man sich einiges einfallen lassen, um eine vernünftige Übertragungsgeschwindigkeit und –sicherheit hinzubekommen.

Und die VPN-Tunnel-Regelung – wo Unternehmen jetzt noch eine Gnadenfrist eingeräumt wurde…?
Da sind wir noch im Prozess von Beratung und Diskussion. Wir möchten nicht, dass vertrauliche Unterlagen, die wir für unsere Produktion benötigen, auf Servern liegen, zu denen wir nicht den exklusiven Zugang haben. Und dabei ist es nicht entscheidend, ob der Server in Amerika, China oder Europa steht.

Sehen Sie derzeit eine Notwendigkeit, Ihre China-Strategie zu modifizieren?
Wir diskutieren jedes Jahr über unsere Strategie und wie wir uns besser aufstellen können, das sind dann aber aktuell meist Feinsteuerungsthemen. Dass wir in China relativ hochwertige Produkte in modernster Umgebung für unsere Kunden vor Ort produzieren wollen – das ist die Basisstrategie und diese gilt es nachhaltig umzusetzen.

Wenn Sie jetzt in die Zukunft blicken – wie geht es in Fengpu weiter?
Wir werden den Standort weiter ausbauen und im nächsten Schritt die Produktentwicklungen für den chinesischen Markt auch in China durchführen – lokal für lokal. Unser Standort in China wird ein profitabler, solider Produktions-, Entwicklungs- und Vertriebsstandort sein, der im Verbund unseres globalen Produktionsnetzwerkes, wesentlich zur optimalen Unterstützung unserer Kunden beiträgt.

Herr Köberlein, vielen Dank für das Gespräch.

Mit Thomas Köberlein sprach Petra Reichardt.

Das vollständige Interview ist in ChinaContact 07/08-2018 erschienen.

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