„Die restriktive Geldpolitik trägt Früchte“

Im Gespräch mit Hovsep Voskanyan, Vorstandsvorsitzender des Deutsch-Belarussischen Wirtschaftsclubs e. V. und Leiter der Repräsentanz der Commerzbank AG in Minsk.

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Herr Voskanyan, der deutsch-belarussische Handel hat in diesem Jahr massiv zugelegt. Warum?

Belarus hat nach zwei Jahren des negativen BIP-Wachstums 2017 ein Plus von 2,4 Prozent verzeichnet. Dazu trug die 2015 eingeführte und kompromisslos eingehaltene restriktive Geldpolitik der Nationalbank bei. Zudem wirkten sich die Erholung der Wirtschaft in Russland und die wieder angestiegenen Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt positiv aus. Der Außenhandel hat sich im Zuge dessen ebenfalls positiv entwickelt. Umso mehr, als Belarus eine sehr offene Wirtschaft hat – daher das Wirtschaftswachstum sich sehr stark auch im Außenhandel bemerkbar macht.

Belarus will von Europa lernen, etwa im Bereich Zertifizierung und Standards. Was beobachten Sie? 

Es gibt durchaus Bemühungen, Prozesse und Vorgaben an internationale Standards anzupassen, wie im Finanzsektor mit der Umstellung auf das IBAN-System geschehen. Aber Belarus ist Mitglied der EAWU und somit auch deren Standards verpflichtet. Eine Angleichung an EU-Normen kann nur über die EAWU erfolgen. Hier gibt es durchaus Erfolge zu vermelden: Am 30. Juni etwa trat das neue Gesetz über technische Normen und Standardisierung in Kraft. Damit werden Vorgaben der EAWU-Gesetzgebung in Belarus implementiert. Diese basieren auf Standards und Empfehlungen der WTO und sind damit auch eine Angleichung an EU-Normen.

Wie bewerten Sie Chinas Ambitionen in Belarus aus deutscher Sicht?

China baut seine Wirtschaftsbeziehungen mit Belarus und seine Präsenz im Land zunehmend aus. Der Industriepark Great Stone spielt eine sehr wichtige Rolle bei Chinas Belt and Road Initiative. Für deutsche Unternehmen ist das ein zweischneidiges Schwert. Sie treffen zunehmend auf chinesische Konkurrenz. Auf der anderen Seite tragen die von China angestoßenen Projekte zur Entwicklung der belarussischen Wirtschaft bei, was auch für deutsche Unternehmen Chancen bietet.

Wie bewerten Sie die allgemeinen Rahmenbedingungen, etwa mit Blick auf Rechts- und Zahlungssicherheit? 

Im Gespräch mit Hovsep Voskanyan,
Vorstandsvorsitzender des Deutsch-Belarussischen
Wirtschaftsclubs e. V. und Leiter der Repräsentanz
der Commerzbank AG in Minsk. Foto: Deutsch-
Belarussischer Wirtschaftsclubs e. V.

Bei der Zahlungssicherheit im Außenhandel kann Belarus ein gutes Zeugnis ausgestellt werden. Es hat noch nie einen Zahlungsausfall bei Krediten mit Absicherung durch Euler Hermes gegeben. Wir als Commerzbank begleiten jährlich Hunderte von Außenhandelsgeschäften nach Belarus und konnten in der Zusammenarbeit mit den belarussischen Banken sehr gute Erfahrungen sammeln. Die Regierung hat zahlreiche Schritte zur Bekämpfung der Korruption und Vereinfachung der Gesetzgebung eingeleitet.Es gab Maßnahmen, das Unternehmertum zu stärken. Dennoch gibt es noch Raum für Verbesserungen. Viele Unternehmen klagen etwa über die zu kurzen Übergangsfristen bei der Einführung von neuen Gesetzen. Insgesamt schneidet Belarus auch beim Thema Rechtssicherheit gut ab, was man etwa an den Ergebnissen der jährlichen AHK-Geschäftsklima-Umfragen unter den deutschen Unternehmen im Lande erkennen kann.

Wie bewerten Sie den vorsichtigen Ansatz in Sachen Privatisierung? 

Privatisierung bedeutet immer auch Modernisierung und heute auch Digitalisierung und Automatisierung. Auf der einen Seite gibt es positive Effekte wie das Andocken von ausländischem Kapital und Know-how, die Modernisierung und die effiziente Aufstellung der Wirtschaft. Auf der anderen Seite hat die Privatisierung unmittelbar negative Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. In diesem Spannungsfeld sucht Belarus nach einem Kompromiss. Dafür sollte man ein gewisses Maß an Verständnis haben, insbesondere vor dem Hintergrund der Privatisierungswellen in den Nachbarländern in den Neunziger-
jahren. Trotzdem wünschen wir uns einen etwas offeneren und liberaleren Umgang.

Herr Voskanyan, wir danken Ihnen für das Gespräch. 

Das Interview führten Elena Matschilski und Patrick Bessler.

Dieser Artikel erscheint in OstContact, Ausgabe 5/6 2018

Veranstaltungs-Tipp:

  1. Konferenz der deutschen Wirtschaftsclubs aus den MOE-Ländern 

Belarus – Chancen und Risiken für ausländische Unternehmen

28./29. September 2018, Minsk, Belarus, Pr. Pobeditelej 9, Hotel „DoubleTree by Hilton“

Anmeldung und Informationen unter www.dbwc-minsk.com