Fußball-WM und EU-Japan-Abkommen

Ob die erfolgreiche Austragung der Fußball-WM 2018 oder auch das EU-Japan-Abkommen: Beide Ereignisse zeigen, Russland kann und sollte in Europa wieder stärker in den Blick rücken – als Partner im Osten.

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In Russland steckt mehr – Notizen am Rande der Fußball-WM

Die Fußball-WM hat gezeigt, was noch alles in Russland steckt und häufig nicht wahrgenommen wird. Es sind häufig die einfachen Dinge des Lebens. Wie der Taxifahrer, der mich zur WM-Zeit vom Flughafen Moskau-Scheremetjewo zu meiner Wohnung in der Innenstadt fuhr. Er öffnete mir freundlich die Wagentür, ließ mich einsteigen und schloss die Tür auch wieder. Er habe gehört, dies sei in vielen Ländern so Sitte und zur Fußball-WM wolle er zeigen, was Russland alles kann. Ich habe ihm nicht gesagt, dass ich in der deutschen Hauptstadt Berlin auf einen solchen Taxifahrer noch warte. Als wir losfuhren fragte er mich, ob die Temperatur im Wagen angenehm sei und welche Musik ich gerne hören würde. Trotz meiner eigentlich fließenden Russischkenntnisse, bevorzugte er, mit mir auf Englisch zu kommunizieren. Sicher war dieser Taxifahrer noch eine Ausnahme, aber die Ausnahmen nehmen zu und vielleicht werden sie die Regel. Vielleicht hat der sich im Taxigewerbe in Russland verbreitende Servicegedanke auch mit der Konkurrenz zu tun, die durch Uber und Yandex-Taxi vorangetrieben wurde (auch wenn beide in Russland, Kasachstan und Belarus jetzt gerade einen Zusammenschluss vollzogen haben). Ein weiteres Beispiel ist
die Fahrkartenverkäuferin an der Metrostation, die einem Fußballfan, der leider keine Fan-ID hatte, die zur kostenlosen Metro-Fahrt berechtigte, in gestochenem Oxford-Englisch erklärte, welche Fahrkarten es gibt und wie man bezahlen kann. Ich könnte Ihnen weitere Beispiele schildern, viele sehr positive, natürlich auch einige betrübliche.
Was sollten wir als deutsche Wirtschaft in Russland daraus mitnehmen? Zum einen sollten wir viel mehr über die positiven Entwicklungen sprechen. Vielleicht gibt es auch einige Momente in Russland, die uns für Deutschland neue Impulse geben könnten. Die Beispiele zeigen, wir haben in Russland viele schlummernde Talente und diese können wir als deutsche Wirtschaft fördern, indem wir ihnen ambitionierte betriebliche und außerbetriebliche Weiterbildung anbieten. Russen sind sehr lernbegierig, auch eine Weiterbildung in der deutschen Zentrale trägt häufig zur Mitarbeiterbindung bei. Wir sollten uns aber auch angewöhnen, Lob auszusprechen, wenn etwas richtig gut gelaufen ist. Russland hat die Fußball-WM sehr gut organisiert und durchgeführt. Viele internationale Zulieferer bestätigen dies auch im Vergleich mit anderen Austragungsorten. Unseren Wirtschaftsbeziehungen würde dies sehr gut tun und insgesamt wieder zu einer gesellschaftlichen Annäherung führen.

EU-Japan Abkommen – Da gehört auch Russland dazu

Die EU und Japan haben mit dem gerade vereinbarten Handelsabkommen ein starkes Zeichen gegen Protektionismus gesetzt. Wissenschaftliche Studien zeigen hohe volkswirtschaftliche Zugewinne auf, aber auch hohe Anpassungskosten. Zwischen der EU und Japan liegt die große eurasische Landmasse, insbesondere die GUS-Länder. Japan vertieft auch mit Russland die Wirtschaftsbeziehungen. Nichts liegt näher auf der Hand, als das Handelsabkommen zwischen der EU und Japan um die Länder der früheren Sowjetunion zu ergänzen. Auch volkswirtschaftlich und gesellschaftlich spricht vieles dafür: Die Wirtschaftsstrukturen der Länder sind komplementär und ergänzen sich gut. Russland und Kasachstan haben nicht nur viele Bodenschätze. Sie sind wie Belarus und Armenien auch gut im Bereich IT aufgestellt und könnten wesentlich zu Fortschritten bei der Industrie 4.0 beitragen. Gesellschaftlich würde durch solch ein Handelsabkommen auch die Verständigung zwischen dem Westen und Russland wieder Fahrt aufnehmen können.
Sinnvoll wäre im russischsprachigen Raum zunächst eine Vereinbarung der EU und Japans mit der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU), der bisher fünf Länder angehören: Armenien, Belarus, Kasachstan, Kirgisistan und natürlich Russland. Erste Erfahrungen im asiatischen Raum hat die EAWU bereits. Aktuell werden Gespräche über Handelsabkommen mit Ländern wie China und Singapur geführt, mit denen auch die EU intensive Wirtschaftsbeziehungen pflegt.
Aus der Vision eines gemeinsamen Wirtschaftsraums von Lissabon bis Wladiwostok, was übrigens auch im Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD niedergeschrieben wurde, könnte damit der Plan für einen umfassenderen Raum von Lissabon bis Tokio werden – ein noch stärkeres Zeichen gegen Protektionismus und für Handel und Verständigung.

 

 

 

 

Ulf Schneider
Geschäftsführender Gesellschafter und Herausgeber
OWC-Verlag

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