„Wer nach Kasachstan geht, braucht einen langen Atem“

Hans-Joachim Bischoff ist Repräsentant für Deutschland bei Kazakh Invest, der staatlichen Investment-Organisation des Landes. Die ging im vergangenen Jahr aus der Vorgängerorganisation Kaznex hervor. Im Interview spricht Bischoff über die Neuaufstellung der Organisation sowie über Chancen und Herausforderungen im Kasachstan-Geschäft.

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 Herr Bischoff, warum wurde Kaznex Invest zu Kazakh Invest umfirmiert und wie ist die Organisation nun aufgestellt?

Bischoff: Es gab Veränderungen im Aufsichtsrat und gesellschaftsrechtliche Änderungen. Man hatte das Ziel, Kazahk Invest schneller und attraktiver für Investoren zu machen. Kazakh Invest ist eine Investment-Organisation, die dem kasachischen Wirtschaftsministerium unterstellt ist. Im Aufsichtsrat sitzt auch der Premierminister Bakhytzhan Sagintayev. Für Kazakh Invest sind 120 Mitarbeiter in Kasachstan tätig. Sie kommen aus der Landwirtschaft, dem Maschinenbau oder der Chemischen Industrie. Ein Teil von ihnen arbeitet in der Research-Abteilung, in der Daten und Informationen gesammelt werden, um auf die Anfragen von Unternehmen antworten zu können. Zusätzlich gibt es sechs Repräsentanten für ausländische Investoren.

Aus welchen Branchen kommen Ihre Kunden?

Bischoff: Aktuell sind die meisten Unternehmen in der Rohstoffbranche tätig oder haben etwas damit zu tun. Darüber hinaus gibt es zunehmend mehr Anfragen für den Bereich Retail. Vor dem Hintergrund, dass sich China öffnet, wird ein Anstieg des Handels erwartet. China hat einen steigenden Bedarf an Lebensmitteln aus Kasachstan. Dies ist für deutsche Unternehmer interessant, weil man in Kasachstan auf den riesigen Agrarflächen günstig produzieren kann. Das liegt auch an vergleichsweise niedrigen Energiepreisen. Dennoch darf man nicht vergessen, dass Kasachstan immer noch 50 Prozent seines Bedarfes an Hühnerfleisch importieren muss. Das heißt, dort hat auch der Binnenmarkt ein großes Potenzial.

In kasachischen Supermärkten werden wenig kasachische Produkte verkauft. Sie vermitteln jedoch ein anderes Bild. Können sie das erklären?

Bischoff: Das ist tatsächlich die Erfahrung, die ich oft von deutschen Unternehmern höre, die sich gezielt auf die Suche nach kasachischen Produkten machen. Davon gibt es im Land sehr wenig. Das liegt daran, dass hochwertige Agrarprodukte exportiert werden. Kasachstan gehört zum Beispiel zu den weltweit zehn größten Getreideexporteuren. Es gibt bereits Produktionen von Schweine-, Pferde- und Kamelfleisch. Das ist allerdings bei Weitem nicht ausreichend.

Sie hatten das Thema Retail angesprochen. Welche Rolle spielen dabei Digitalisierung und E-Commerce in Kasachstan?

Bischoff: Ich glaube, dass Kasachstan ein Wachstumsmarkt im Bereich Retail ist. Aber ich denke, dass es Sinn macht, sich dabei auf die großen Städte Astana, Kustanai und Almaty zu konzentrieren. Der E-Commerce-Markt könnte eine Option für die Landbevölkerung sein. Kasachstan hat sich übrigens das Ziel gesetzt, mit der Digitalisierung ein Zeitalter zu überspringen. Industrie 4.0 und Digitalisierung ist dort ein wichtiges Thema. Dazu gehört eine entsprechende Infrastruktur: schnelle Internetverbindungen und Handyempfang. Dafür wird gerade sehr viel investiert. Wenn die Internetverbindung steht, dann können viele Kasachen online aktiv werden und auch online shoppen.

Kasachstan steht derzeit auf Platz 52 beim Internationalen IT-Development-Index. Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Digitalisierung in Kasachstan?

Bischoff: Da ist natürlich noch Potenzial vorhanden, ohne Frage.

Aber es zeigt auch, wie es in Kasachstan läuft: Der Präsident gibt vor, in welche Richtung es geht, und das wird dann gemacht.

Von welchen erfolgreichen Markteintritten und Investitionen deutscher Unternehmen können Sie berichten?

Bischoff: Wir sind besonders stolz auf die enge Zusammenarbeit mit Linde und BASF. Mit Linde führen wir schon über mehrere Jahre Gespräche, wie das Engagement vertieft werden kann. Aktuell betreue ich zehn Unternehmen, die auf den kasachischen Markt gehen möchten. Die Namen kann ich leider nicht nennen. Hier ist das Problem oft, dass viele Unternehmen schnell erfolgreich sein wollen. Aber wenn man in einen Emerging Market geht, braucht man einen langen Atem.

Kasachstan belegt den 131. Platz im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency. Was raten Sie Unternehmen im Umgang mit Korruptionsfällen?

Bischoff: Ja, Rechtssicherheit spielt natürlich eine große Rolle. Keine Frage, es gibt Korruption, aber ich würde sagen, nicht im Bereich der Investitionen. Ich sehe, mit wie viel Kontrolle Kazakh Invest arbeitet. Ich kann keinen Cent ausgeben, ohne einen Beleg dafür vorzulegen. Der ganze Prozess des Investments findet im Bereich der staatlichen Kontrolle statt. Wie das beispielsweise für Baugenehmigungen abläuft, das weiß ich nicht. Also sage ich den Unternehmen, die investieren möchten, lasst euch gut beraten, nehmt euch einen externen Partner mit an Bord, der Expertise hat und weiß, ob die kasachischen Geschäftspartner zuverlässig sind oder ob sie schon einmal in Korruptionsfälle verwickelt waren. Ich weiß, dass Unternehmen bereits Probleme mit Arbeitsgenehmigungen hatten, als sie mit Kazakh Invest zusammengearbeitet haben. Für solche Fälle haben wir den direkten Draht zur kasachischen Regierung, das müssen die Betroffenen dann melden.

Hat ein Unternehmen schon einmal sein Investitionsvorhaben zurückgezogen?

Bischoff: Manchmal sind die Erfahrungen einfach unterschiedlich. Wenn die Erwartungen zwischen den Geschäftspartnern nicht mehr übereinstimmen, gibt es natürlich Streitfälle, die dann auch vor Gericht gehen können. Es gibt einen prominenteren Fall mit einer Firma aus Hannover. Das Schlichtungsverfahren läuft noch.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Bischoff.

Das Interview führte Dominik Vorhölter